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Nr. 96, 20.10.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Allein die Größe macht es nicht

Jahr für Jahr verschwinden in Deutschland drei Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe. Warum eigentlich? Das Institut für Agrarökonomie an der Uni Kiel sucht nach Antworten.


Auch Landwirtschaft ist Wirtschaft: Stehen viele Kühe auf einem Hof, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er stillgelegt wird, eher gering. Foto:  iStock

»Das vielbeklagte Höfesterben geschieht offenbar unabhängig von der Agrarpolitik“, beschreibt Professor Uwe Latacz-Lohmann die Konstanz dieses Trends. Und dennoch wird derzeit wieder einmal über politische Anreize für die Landwirtschaft diskutiert. Anlässlich der für das Jahr 2020 anstehenden Reform der EU-Agrarpolitik ist es im Gespräch, Neu- und Quereinsteiger zu fördern, um die Vielfalt der Höfe zu erhalten.

Aber wo müssten die entsprechenden Hebel eigentlich ansetzen? In ihrem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützten Projekt »Einstieg, Ausstieg und Wachstum landwirtschaftlicher Betriebe in der Tierproduktion« wollen Professor Latacz-Lohmann, Privatdozent Dr. Gunnar Breustedt und Doktorandin Insa Thiermann diese politische Frage zwar nicht beantworten, wohl aber Grundlagen für Antworten beisteuern. Sie nehmen sich speziell den tierhaltenden Teil der Landwirtschaft vor und analysieren, unter welchen Umständen Bäuerinnen oder Bauern in diesen Bereich einsteigen, was sie zum Aufhören oder auch zur Expansion bewegt.

Die Grundlage bietet ein Datensatz, der zu den größten seiner Art in Deutschland gehört. Dank der Kooperation mit zwei landwirtschaftlichen Buchführungsgesellschaften verfügt die Kieler Agrarökonomie über detaillierte Zahlen zu nahezu 40.000 Betrieben überwiegend in Westdeutschland. Anonymisiert und überhaupt streng den Datenschutzregeln folgend, lässt sich damit die wirtschaftliche Entwicklung dieser Betriebe über einen Zeitraum von 15 Jahren hinweg präzise nachverfolgen.

Auf die Tierhaltung konzentriert man sich laut Gunnar Breustedt, weil das gesellschaftliche Interesse daran groß ist, die wissenschaftliche Erkenntnislage aber zugleich eher bescheiden. Zunächst hat sich der federführend für das Projekt zuständige Forscher mit Faktoren befasst, die das Aufhören beeinflussen. Gemeint ist damit der Ausstieg aus einer bestimmten Form der Tierhaltung, etwa der Schweinezucht, und damit verbunden der Umstieg zum Beispiel auf Geflügelhaltung. Gemeint ist aber ebenso der Abschied von der Tierhaltung an sich oder auch von der ganzen Landwirtschaft.

»Dafür gibt es sehr unterschiedliche Motive«, betont Breustedt. So kann es darum gehen, Ressourcen für neue Tätigkeitsgebiete etwa im Ackerbau zu schaffen. Und genauso kommt es vor, dass im Vorgriff auf den nicht mehr sehr fernen Ruhestand die besonders arbeitsintensive Tierhaltung abgeschafft wird. Nahe liegt das dann, wenn sich keine Nachfolgeregelung gefunden hat. Doch häufig, so erläutert Professor Latacz-Lohmann, führt auch ein gelingender Generationenwechsel zu Einschnitten: »Die Jungen nehmen das zum Anlass, weniger rentable Bereiche abzustoßen und sich anders aufzustellen.«

Ein Blick auf die Zahlen zeigt dabei, dass auch landwirtschaftliche Betriebe in erster Linie Unternehmen sind. Wenn ein Hof gute Gewinne macht, kommt es eher zu keinem Ausstieg aus der Tierhaltung und erst recht nicht zur Aufgabe des gesamten Betriebs. »Dabei hängt die Ertragslage wiederum stark von der Größe ab«, sagt Dr. Breustedt und zeigt auf eine seiner Tabellen. Stehen zehn Kühe im Stall, dann verabschieden sich acht Prozent der Höfe aus der Milchviehhaltung, bei 60 Kühen zwei Prozent und bei 100 nur 0,5 Prozent.

Kaum anders sehen diese Zahlen für die Schweinehaltung aus, doch allein die Masse macht es trotzdem nicht. Wohl und Wehe eines Hofes hängen mindestens ebenso stark davon ab, wie es um die Leistungsfähigkeit der Tiere bestellt ist. Gemessen wird das beim Milchvieh nach Litern pro Kuh oder in der Schweinehaltung nach Ferkeln pro Sau. Hier zeigt sich ebenfalls: Je besser die Werte, desto weniger Anlass gibt es zum Aufhören. Hohe Leistung bedeutet laut Professor Latacz-Lohmann allerdings nicht, »dass der letzte Tropfen Milch aus der Kuh rausgequetscht wird«. Gerade größere Betriebe arbeiten nach seiner Erfahrung mit viel Sachkunde und legen schon aus ökonomischen Gründen Wert auf das Wohlergehen des Viehs: »Wer den Tieren rabiat Höchstleistung abverlangt, verkürzt ihre Lebenserwartung, treibt die Tierarztkosten in die Höhe und schadet unterm Strich sich selbst.«

Aktuell beschäftigt sich Insa Thiermann mit den Faktoren, die den Neueinstieg in die Tierhaltung begünstigen. Abschließend liegt noch nichts vor, doch auch hier deutet sich an, dass vergleichsweise große Flächen und eine gute Ausbildung den Mut zum Anfangen beflügeln.

Besonders bis das Ergebnis der Studie voraussichtlich Mitte des Jahres 2019 vorliegt, wollen sich Latacz-Lohmann und Co. zwar mit politischen Ratschlägen zurückhalten, eine Problematik scheint sich aber gerade beim Neueinstieg zu zeigen. Subventionen für die Landwirtschaft beziehen sich fast immer auf die Fläche, sodass laut Professor Latacz-Lohmann 30 bis 70 Prozent des Geldes beim Eigentümer landen und nicht beim Pächter, der gewöhnlich die durch Betriebsaufgabe freiwerdenden Flächen übernimmt. Leichter fiele aus seiner Sicht der Einstieg und das Landwirtschaften überhaupt, wenn solche Zahlungen auf konkreten Leistungen der Höfe beruhen würden.

Martin Geist
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