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Nr. 96, 20.10.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Geschichte und Kontroverse

Historische Ereignisse erscheinen objektiv, weil man ihnen Jahreszahlen zuordnen kann. Tatsächlich aber steckt in der Geschichte jede Menge Subjektivität. Das macht sie erst so richtig spannend.


Geschichte für junge Leute spannend machen will die Ausstellung ebenso wie das Begleitmaterial zum (Revolutions)Jahr 1918. Foto: Landeszentrale für politische Bildung

Ein kleines Team des Historischen Seminars der Uni Kiel hat genau das versucht: Räume für Diskussionen, für Kontroversen, für die eigene Meinung zu öffnen. Damit wollen sie einem jugendlichem Publikum ermöglichen, das gerade auch in Kiel so hochgehaltene (Revolutions-)Jahr 1918 wenn nicht vom Sockel zu holen, so doch mit eigenen Augen zu betrachten.

»Revolution 1918 – Aufbruch in Schleswig-Holstein.« So heißt die Wanderausstellung, die noch bis zum Jahresende durchs Land tourt, um vorwiegend Schülerinnen und Schülern der Oberstufenklassen die Geschichte der Kieler Revolution nahezubringen. Beim Finden und Auswählen der Exponate unterstützten die universitären Regionalgeschichtler Knut Kollex und Professor Oliver Auge die federführende Landeszentrale für politische Bildung. Das Begleitmaterial und auch die didaktische Unterstützung für Lehrkräfte steuerte Professor Sebastian Barsch vom Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte bei. Nicht zuletzt mit Unterstützung von Volker Gaul und Horst Schilling, die zur Hälfte ihrer Arbeitszeit im Klassenzimmer stehen und zur anderen Hälfte an das Historische Seminar abgeordnet sind.

Mit das wichtigste Anliegen für Barsch und Co: »Jugendlichen vermitteln, dass Geschichte nicht so dröge und vor allem auch nicht so eindeutig ist, wie sie das vielleicht glauben.«

Mit klassischem Papier und auch per App werden den Jugendlichen, die vorwiegend die gymnasiale Oberstufe besuchen, teilweise aber auch jünger sind, zusätzliche Informationen zur Verfügung gestellt. Das Begleitmaterial soll dazu beitragen, die Jugendlichen zur eigenen Meinung gleichermaßen zu qualifizieren wie zu ermuntern. Etwa zur Frage, was denn die Kieler Matrosen im November nun überhaupt veranstaltet haben. War es ein Aufstand, eine Revolution, eine schnöde Meuterei? Oder wie es Barsch zuspitzt: »Kann man wirklich mit einer gewissen Ernsthaftigkeit sagen, die Demokratie kommt aus Kiel, oder ist das nur pfiffiges Stadtmarketing?«

Beantworten müssen und dürfen das die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung für sich allein. Wobei Professor Barsch »aus geschichtswissenschaftlicher Sicht« die These mit der Wiege der Demokratie doch für einigermaßen steil hält. Dramatischer Hunger, der zermürbende Krieg, durchaus auch Unbehagen über die überforderten Regierenden, das führte im Herbst 1918 laut Barsch in etlichen deutschen Städten zu kleineren Aufständen. Somit spricht nach Meinung des Historikers manches dafür, dass es sich in diesem Fall so verhält, wie es eben meistens ist: »Da haben viele Faktoren zusammengewirkt.«

Welche Faktoren das sind, wie sie sich wechselseitig beeinflussten und was das alles mit der Gegenwart zu tun hat, das sind die eigentlichen Fragen, die Geschichte spannend machen. Übrigens nicht nur für jüngere Menschen, betont der Kieler Historiker.

Dieser Eindruck hat sich offenbar auch in der Zielgruppe verfestigt. Als die Revolutionsausstellung im Mai in Kiel startete, war Professor Barsch dicht dran und gewann das Fazit: »Das kam sehr gut an.« Besonders die Kontroversität und die lebhafte Auseinandersetzung mit Geschichte trafen den Geschmack der Schülerinnen und Schüler, glaubt der Wissenschaftler.

Die Ausstellung »Revolution 1918 – Aufbruch in Schleswig-Holstein« ist noch bis zum 1. November in Lübeck (Koberg beim Heilig-Geist-Hospital) zu sehen und dann vom 3. bis 9. November wieder in Kiel.

Martin Geist

www.aufbruch1918.de
Kaiser und Vaterland
Geschichte bleibt im Grunde immer, wie sie eben war. Das Bild, das sich die Menschen davon machen, kann sich aber dramatisch ändern. Beispielhaft zeigt das ein Gemeinschaftsprojekt des Historischen Seminars und der Universitätsbibliothek in Kiel. Unter dem Motto »Kaiser und Vaterland: Das Geschichtsbild in Schulbüchern des Kaiserreiches« haben sich Studierende im vergangenen Sommersemester Unterrichtsmaterial aus der Kaiserzeit vorgenommen. Sie digitalisierten Schulbücher, stellten Auszüge in einen Blog und ordneten die Quellen ein. Besonders interessant waren für die Studierenden die Aussagen über den Kaiser, aber auch der Umgang mit dem Begriff Vaterland, das Thema Mädchenbildung und der Rassismus (der nirgendwo so genannt wurde) standen im Fokus.

Wenn man so will, finden sich in den Quellen durchaus auch fortschrittliche Elemente. Mädchenbildung wird befürwortet, allerdings weitgehend mit dem Argument, dass Frauen, bei denen es mit dem Heiraten nicht klappt, beruflich irgendetwas zu tun haben sollten. Alles andere als differenziert ging es in der Schule derweil in Sachen Erster Weltkrieg her: Schuld waren allein die anderen, und besonders die Engländer, die sich vor der wachsenden wirtschaftlichen Macht der Deutschen fürchteten.

Gefördert wurden die Arbeiten zu »Kaiser und Vaterland« über den Fonds für Lehrinnovation vom Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe).
mag

Zum Weiterlesen: www.histories.uni-kiel.de/kuv
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