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Nr. 96, 20.10.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Eintauchen in Aktenberge

Recherche in Archiven ist für Studierende das A und O ihrer Tätigkeit. Doch auch diese Arbeit muss gelernt werden. Eine Kooperation zwischen dem Kieler Stadt­archiv und dem Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Kieler Universität machte dies möglich.


Akten auswerten, um Fakten zu finden: Für ein Seminar der Europäischen Ethnologie/ Volkskunde durchforsten Studierende im Stadtarchiv Kiel Texte, Briefe und Protokolle. Foto: pur.pur

Kartonweise historische Akten stehen vor Sascha Liedtke und seinen Kommilitoninnen und Kommilitonen auf den Tischen im Saal in der Rathaus-Rotunde. Konzentriert beugen sich die Studierenden über alte Schriften und Getipptes, wühlen sich stundenlang durch Akten aus vergangenen Jahrzehnten ab 1920. Zur Verfügung gestellt wurden die Kartons und ihre thematisch sortierten Inhalte von Dr. Johannes Rosenplänter. Der Leiter des Kieler Stadtarchivs unterstützte damit – zum allerersten Mal in dieser Form – mehrere von Dr. Martina Röthl geleitete Lehrveranstaltungen des Seminars für Europäische Ethnologie/Volkskunde. Darin sollten insgesamt 40 Studierende die Akten durchforsten und dabei überlegen, welche Fragestellungen sich anhand der Quellenlage ergeben und wie ein Forschungsansatz aussehen könnte.

»Das ist für die Studierenden eine komplett andere Arbeitsweise als gewohnt«, erklärt die Dozentin, denn zu Themen für Haus- und Qualifikationsarbeiten kommen Studierende gewöhnlich auf andere Art und Weise. Ungewöhnliche Themen, die nicht »auf der Hand liegen«, werden oft gar nicht aufgegriffen. Daher habe sie die übliche Prozedur diesmal umgekehrt: Die Studierenden mussten sich anhand der Quellen ein Thema selbst erarbeiten und – beim Ausgangsmaterial (Briefe, Akten) ansetzend – ein Forschungsdesign erstellen. Das heißt, dass eine Forschungsfrage formuliert und entsprechende Herangehensweisen entwickelt werden mussten. »Das ist eine gute Übung für die kommenden Bachelorarbeiten und für Studierende eine schöne Chance, das Archiv und die vielfältigen Recherchemöglichkeiten, die es bietet, näher zu erkunden«, sagt Röthl, die wie Rosenplänter die für beide Seiten »sehr gelungene und wiederholungswürdige Kooperation« lobt.

Absolut gelungen fand auch Sascha Liedtke das Seminar. »Sich in die alten Akten zu vertiefen, ist schon sehr spannend.« Es sei aber auch ein Sprung ins kalte Wasser gewesen: Denn welche Akten in den Kartons lagen, wusste niemand. »Wir haben bei der Auswahl der Kartons nur sichergestellt, dass die Papiere, Briefe und Protokolle getippt oder leicht lesbar sind«, erklärt Rosenplänter. Denn alte Handschriften sind schwer zu entziffern, besonders, wenn sie in Sütterlin oder anderen alten Schriften verfasst sind, weiß der Experte. »Aufwändig ist das Sichten trotzdem gewesen, weil man bei jedem Schriftstück überlegen musste, was es eventuell ,zu erzählen# hat«, sagt Liedtke, der sich anhand von Schulverwaltungsakten (ab 1900) und Briefen in die »Auseinandersetzung zwischen Elternbeiräten und Schulverwaltungen einer Schule mit den Kieler Behörden (Bauamt/Gesundheitsamt) über die Durchsetzung von baulichen Veränderungen in Kieler Schulen am Anfang des 20. Jahrhunderts« einlas.

»Ein hochspannendes Thema«, bekundet Rosenplänter. Dass es zu der Zeit schon gewählte Eltern­beiräte gab, die mitbestimmen durften und die sich für bessere Hygiene sowie Sicherheitsmaßnahmen an der Schule einsetzten, ist etwas Besonderes. Das findet auch Liedtke. Ob er das Thema zu einer Bachelorarbeit ausbaut, kann Liedtke noch nicht sagen. »Dazu müsste man deutlich mehr Dokumente finden, unter anderem auch von anderen Schulen, um Vergleiche zu ziehen«, erklärt er. Und das sei schwierig, trotz der zugesicherten Unterstützung durch das Kieler Stadtarchiv. Auf diese Unterstützung kann auch Martina Röthl zählen. Einer weiteren Kooperation stehe nichts im Wege.

Jennifer Ruske
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