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Nr. 96, 20.10.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Schwankende Leistung

Können seekranke Kapitäne noch verlässlich ein Schiff steuern? Eine berechtigte Frage, denn auch wer lange zur See fährt, ist nicht grundsätzlich gefeit vor der Seekrankheit. Simon Sartisohn untersucht in seiner Doktorarbeit die objektiven Auswirkungen des Leidens auf Reaktionsfähigkeit, Wachsamkeit und Koordination. Auf die Ergebnisse ist auch die Marine gespannt.


Eine Rettungsinsel im simulierten Wellenbad: Im Schwimmbad des Marine Einsatzausbildungszentrums in Neustadt/Ostholstein forscht Sportwissenschaftler Simon Sartisohn zum Thema Seekrankheit. Foto:  Simon Sartisohn

Der eine übersteht auf hoher See den schlimmsten Sturm, ohne eine Miene zu verziehen, dem anderen wird schon beim Anblick eines Bootes übel: Seekrankheit ist ein Phänomen, dem Simon Sartisohn in dem Projekt »Seasickness and Performance« auf die Spur kommen will. Dazu arbeitet der Sportwissenschaftler seit 2015 am Institut für Experimentelle Medizin der Uni Kiel, zu dem die Sektion Maritime Medizin mit Sitz am Schifffahrtsmedizinischen Institut der Marine in Kronshagen gehört. Sartisohn möchte herausfinden, wie sich die typischen Symptome der Seekrankheit wie Schwindel, Müdigkeit, Übelkeit und Erbrechen auf die psychische und physische Leistungsfähigkeit konkret auswirken. Gefördert wird das Drittmittelprojekt vom UKSH und der Marine. Diese stellte zudem für die Untersuchungen das Schwimmbad mit Wellensimulator in ihrem Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr in Neustadt/Holstein zur Verfügung.

»Seekrankheit ist ein ernst zu nehmendes Problem«, findet Sartisohn. Denn nicht nur Passagiere können von ihren Symptomen heimgesucht werden, sondern auch Matrosinnen und Matrosen. Selbst Menschen, die schon lange zur See fahren, sind nicht immun gegen Seekrankheit oder ihre Vorstufe, das Sopite Syndrom. »Unter bestimmten Bedingungen kann es jeden treffen.« Zweimal hat es Sartisohn selbst erwischt: »Bei der Fahrt durch den Kattegat ist mir speiübel geworden«, erklärt der sportliche Mann, der in seiner Freizeit viel auf dem Wasser unterwegs ist. Die Krankheit entsteht, wenn verschiedene Sinnesorgane unterschiedliche oder widersprüchliche Informationen zur räumlichen Lage und Bewegung des Körpers (durch Schiff, Eisenbahn, Achterbahn) liefern. Das Stehen oder Sitzen auf festem Schiffsboden in Kombination mit der Beschleunigung oder den Schlingerbewegungen des Bootes auf kabbeligem Wasser kann die Symptome auslösen.

»Während die Seekrankheit sich durch Kopfschmerzen, Übelkeit bis hin zum Erbrechen auszeichnet, treten beim Sopite Syndrom oft nur Anzeichen von Müdigkeit auf, wie verstärktes Gähnen«, weiß Sartisohn. »Das nutzen Eltern, wenn sie Kinder in den Schlaf schaukeln.« Oftmals werden diese Symptome gar nicht wahrgenommen – trotzdem können sie sich auf die Leistungsfähigkeit auswirken. Auch das war ein Punkt, den der gebürtige Flensburger während seiner Studie mit je 51 Männern und Frauen im Alter von 18 bis 63 Jahren untersucht hat. »Ich wollte erstmals objektive Aussagen über Leistungseinschränkungen körperlicher, kognitiver und psychischer Art treffen und diese mit subjektivem Belastungsempfindungen der Betroffenen in Verbindung setzen«, erklärt Sartisohn, der die Teilnehmenden in der Marine-Schwimmhalle auf einer Rettungsinsel realistischen Seebedingungen dank künstlich erzeugter Wellen ausgesetzt hat.

»Wir haben vorher und nachher die Menschen einem Gesundheitsscheck und verschiedenen Leistungstest unterworfen, Speichelproben genommen und sie nach ihrem subjektiven Befinden befragt«, erklärt Sartisohn. Zehn Teilnehmende haben sich übergeben. Andere wiederum bekundeten nach dem 20-minütigen Versuch, dass sie sich gut fühlten. »Der Wert des Stresshormons Cortisol im Speichel sowie die Pulsfrequenz waren aber gestiegen. Das sind deutliche Zeichen für erste Symptome«, so Sartisohn. Weitere Ergebnisse lieferten diverse Tests, bei denen die Kraft von Armen, Beinen und Fingern sowie verschiedene Reaktionszeiten gemessen wurden. »Spannend war, dass sich die Redaktionszeit auf akustische Signale verlangsamt hatte, die auf optische Signale hingegen nicht.«

Auch auf Wachheit und die Kraftwerte hatte die Simulation Auswirkungen. »Beide Werte waren gesunken. Das lässt im schlimmsten Fall deutliche Leistungseinbußen und erhöhte Unfallgefahr befürchten«, erklärt Sartisohn, der bis Ende 2018 seine Ergebnisse in seiner Doktorarbeit zusammenfasst (Doktorvater: Professor Burkhard Weisser). Sie könnte eine Basis für weitere Forschungen sein, um Seekrankheit künftig zu verhindern. Das sei nicht nur für die Seefahrt ein wichtiges Thema, sondern gewinne durch die neue virtuelle Technologie auch für andere Bereiche eine immense Bedeutung: Denn gleiche Symptome können beim Fahren in selbstfahrenden Pkw, beim 3-D-Kinobesuch oder beim Nutzen virtueller OP-Systeme auftreten.

Jennifer Ruske
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