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Nr. 96, 20.10.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Den Sieg im Auge

Mit moderner Eye Tracking-Technologie lassen sich Augenbewegungen genau­estens verfolgen, aufzeichnen und auswerten. Das ist gerade bei schnellen Sport­arten von spielentscheidender Bedeutung. Warum, das erforscht Dr. Claudia Bornemann beim Aufschlag im Tennis.


High Tech in der Brille: Eine Kamera zeichnet die Augenbewegungender Tennisspielerin auf. Foto: pur.pur

Nur den Bruchteil einer Sekunde: Mehr Zeit bleibt Sportlerinnen und Sportlern meist nicht, um während eines Matches spielrelevante Entscheidungen zu treffen. Dr. Claudia Bornemann untersucht genau diese eine Millisekunde beim Tennis. Mithilfe der Eye Tracking-Technologie analysiert sie, wie gut sich Frauen und Männer beim Aufschlag auf den Ball des Gegenübers fokussieren können und wie sich das auf den Return, also den passgenauen Schlag zurück ins generische Feld, auswirkt. Beides entscheidet am Ende über Sieg oder Niederlage.

Wie eine Sportbrille sieht das hochtechnologische Gerät aus, das Bornemann, wissenschaftliche Mit­arbeiterin im Institut für Sportwissenschaft der Uni Kiel, den Tennisspielerinnen und -spielern zu Studien­zwecken während kurzer Tennismatches aufgesetzt hat. Allesamt spielen die Männer und Frauen als Profis in der Top 100 der Deutschen Rangliste. Und das bedeutet: Ihre Aufschläge sind schnell, sehr schnell. Geschwindigkeiten von 180 bis 220 km/h erreichen die Herren beim Aufschlag, die Damen sind mit 170 bis 190 km/h nicht minder schnell.

Claudia Bornemann. Foto: pur.pur

In der vorliegenden Studie brauchte der Ball vom Aufschlag bis zum Return durchschnittlich nur 0,8 Sekunden. »Der Mensch ist bei dieser Geschwindigkeit nicht in der Lage, die kleine, gelbe Filzkugel konstant mit den Augen zu verfolgen«, erklärt Bornemann. Den Ball möglichst gut im Blick zu behalten ist aber für die Sportlerinnen und Sportler wichtig, weil sie anhand der Flugbahn vorausahnen müssen, wo er im Feld auftrifft.

In Millisekunden werden dabei Entscheidungen getroffen, wie etwa ans Netz zu sprinten, auszuholen und mit genauem Schlag den Ball perfekt platziert ins gegnerische Feld zurück­zuspielen. Dabei helfen natürlich Erfahrung und intensives Training, weiß die Sportwissenschaftlerin auch aus Untersuchungen in anderen Sportarten. Sie geht bei ihrer Forschung jedoch davon aus, dass leistungsstarke Tennisspieler und -spielerinnen deshalb erfolgreiche Returns auch bei sehr hohen Ballgeschwindigkeiten spielen, weil sie den Ball während der kurzen Flugzeit kurz fixieren können. Die Studie mit der Eye Tracking-Technologie soll diese These untermauern.

Die Brille und das angeschlossene Mess- und Analysegerät machen es möglich, die Ballwechsel aus Sicht der Spielenden aufzuzeichnen. Die Technologie reagiert dabei auf die Augenbewegung der Probandinnen und Probanden. »In den Videos ist klar zu sehen, wo die Profis hinschauen«, erklärt Student Jonathan Bruinenberg, der für seine Bachelorarbeit die Aufzeichnungen auswertet. »Selbst für uns, die wir das Video wieder und wieder anschauen können, ist es schwierig, die Flugbahn des Balles zu verfolgen«, erklärt er. Daher analysiert er jedes der 60 Bilder pro Sekunde in Zeitlupe und notiert ganz genau, wo die Spielerinnen und Spieler hinschauen. Vor dem Aufschlag wird da das Gegenüber fixiert, mal geht ein kurzer Blick zu den Ballkindern am Spielfeldrand, mal wird der eigene Schläger inspiziert.

Volle Konzentration aber herrscht beim Aufschlag selbst, wie die Filme zeigen. Aber selbst dabei flackern die Augen immer kurz nach rechts und links und damit weg vom Ball. »Ein ganz normales Verhalten«, wie Bornemann erklärt. Trotzdem schaffen die Profis es, die Filzkugel mit den Augen wieder einzufangen. »Mal sehen sie den Ball vor oder am Netz, mal erwischen sie ihn erst beim Aufprall im eigenen Feld – und mal sehen sie ihn überhaupt nicht«, ergänzt Bruinenberg. In dem Fall hat das Gegenüber meist ein Ass und damit einen Punkt erzielt.

»Die Ergebnisse der ersten Studien zeigen schon, dass meine Überlegungen stimmen«, sagt Bornemann. In diesem Frühjahr will sie diese mit Amateurinnen und Amateuren wiederholen, um Vergleiche anstellen zu können. Doch schon jetzt zeigt sich der Deutsche Tennisbund an der Analyse hochinteressiert. »Vielleicht gibt es dank meiner Studien bald neue Trainingsmöglichkeiten, mit denen Profis ihre Auge-Hand-Koordination verbessern können«, überlegt die Sportwissenschaftlerin. »Es wäre auf alle Fälle ein weiterer, spannender Forschungsansatz.«

Jennifer Ruske
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