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Nr. 96, 20.10.2018  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Kinderleicht?

Durch Wettbewerbe und Noten lernen Kinder früh, sich mit anderen zu vergleichen. Und die Erwartungen der Eltern sind oft hoch. Der Kieler Wirtschaftsethiker Juniorprofessor Menusch Khadjavi untersuchte, wie sich die elterlichen Ambitionen auswirken, und rät zu mehr Gelassenheit.


Diese Belohnungsoptionen erwarteten die Kinder im ersten (links) und zweiten Durchlauf. Grafik: pur.pur

Schneller sprinten, weiter springen, stärker werfen – die Bundesjugendspiele fordern jährlich Schulkinder heraus. Doch während sich bessere Sportlerinnen und Sportler über eine Ehrenurkunde freuen dürfen, kann die Teilnahmeurkunde für schlechtere Leistun­gen Kummer bereiten. »Unsere Gesellschaft ist stark auf Wettbewerb aus­gerichtet«, weiß Menusch Khadjavi, Juniorprofessor für Wirtschaftsethik an der CAU und am Kieler Insti­tut für Weltwirtschaft. Für ihn als Volkswirt gehört Wettbewerbsorientiertheit zu seinen zentralen Forschungs­themen: »Wie ent­schei­den sich Menschen in bestimmten Situation und warum?« Die Antworten auf diese Frage sollen dabei helfen, vorherzusagen, wie sich Menschen zukünftig verhalten.

Ob Menschen sich gern einem Wettbewerb stellen oder eher davor zurückschrecken, beeinflussen laut Khadjavi auch ihre Eltern. Zwar spielen die Gene eine Rolle, aber die Forschungsliteratur belege: »Man wird nicht mit bestimmten Präferenzen geboren. Wir orientieren uns stark an der Gesellschaft«, so Khadjavi. Zusammen mit seinem Kollegen, Professor Andreas Nicklisch von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur in der Schweiz, beleuchtete er in einer Studie den Einfluss von Müttern und Vätern genauer. Die Ergebnisse veröffentlichten sie nun in der Fachzeitschrift »Journal of Economic Psychology«.

Wie wirken sich die elterlichen Ambitionen auf Kinder aus? In ihrem Experiment im Jahr 2012 gaben Khadjavi und Nicklisch 84 Kindergartenkindern in Hamburg und Niedersachsen zwei Aufgaben. 30 Meter sollten die Drei- bis Sechsjährigen rennen, während die Forschenden ihre Zeit erfassten. Die Jungen und Mädchen wussten, dass sie für ihren Einsatz eine Belohnung erhalten würden. Stifte, Spielautos, Straßenkreide, Knete, Sticker – eben altersgerechte Spielsachen. Im ersten Anlauf erhielten alle Teilnehmenden ein Geschenk: Ein größeres, wenn sie schneller waren als 50 Prozent der Gruppe, und ein kleineres, günstigeres Geschenk, wenn sie zur langsameren Gruppenhälfte gehörten. Bei der zweiten Messung mussten die Kinder sich dann entscheiden. Möchten sie gegen ihre eigene Zeit antreten? Dann erwartete sie mindestens ein kleines Geschenk. Oder sie konkurrierten gegen die Laufzeit eines anderen Kindes. Wer gewann, durfte sich über ein großes und ein kleines Geschenk freuen. Wer verlor, ging leer aus.

Zuvor holte das Forschungsteam das Einverständnis der Eltern ein. Dabei beantworteten diese unter anderem Fragen zum Haushaltseinkommen und zur Wettbewerbsorientiertheit, etwa, wie wichtig ihnen der sportliche und berufliche Erfolg ihrer Sprösslinge sei. Auffällig war hier, dass Eltern, die ihr Einkommen als überdurchschnittlich hoch einschätzen, weniger ambitioniert auftraten. »Mich hat dieses Ergebnis nicht überrascht«, sagt Khadjavi. »Eltern mit diesem sozialen Hintergrund können eine gewisse Gelassenheit entwickeln. Selbst wenn ihr Kind sich nicht besonders stark anstrengt, wird es ihm wahrscheinlich gut gehen.«

Außerdem fiel dem Forschungsteam auf, dass sich langsamere Kinder von ambitionierten Eltern lieber mit anderen Kindern statt ihrer eigenen Zeit messen lassen wollten – und oft verloren. »Die Kinder traten also selbst dann in einen Wettbewerb ein, wenn ihre Gewinnchancen schlechter aussahen«, beobachtete Khadjavi. Bei dem Experiment mit Spielsachen mag das nicht so schlimm sein. Aber auf dem Sportplatz oder Arbeitsmarkt? Khadjavi: »In der Realität wird nicht schonend mit Verlierern umgegangen. Häufiger Misserfolg kann frustrieren und entmutigen. Hin und wieder die eigenen Grenzen auszutesten, ist völlig normal. Doch am gesündesten ist es, seine Stärken zu kennen und passende Wettbewerbe zu wählen.«

Khadjavi empfiehlt deshalb ein »moderates Maß« an Wettbewerbsorientiertheit – auch bei den Erwachsenen: »Ich habe den Eindruck, dass Eltern heutzutage verkrampfter mit den Leistungen ihrer Kinder umgehen. Sie fragen sich früh, ob ihr Kind Abitur machen und studieren wird. Und sie werden sensibler bei der Wahl der Schule und prüfen genau den Migrations- oder soziökonomischen Hintergrund der Mitschüler.« Die Frage sei bloß, ob wir eine so kompetitive Gesellschaft sein wollen. Khadjavi rät Eltern, ihren Wetteifer nicht unbedingt auf die Kinder zu übertragen, denn: »Kreativität und Spaß sind essenziell für Erfolg.«

Raissa Maas

Publikation: www.sciencedirect.com/science/article/pii/S016748701630280X
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