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Nr. 97, 26.01.2019  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Ein Archiv des Lebens

Der Botanische Garten ist attraktives Schaufenster der Uni Kiel und zugleich unentbehrlich für die Wissenschaft, betont Professor Dietrich Ober. Der Direktor des Botanischen Instituts und des Botanischen Gartens leitet die Arbeitsgruppe Biochemische Ökologie und Molekulare Evolution.


Dietrich Ober ist Leiter des Botanischen Gartens in Kiel. © Geist

unizeit: Der Botanische Garten erfüllt bei näherem Hinsehen viele Funktionen. Welche ist für Sie die wichtigste?
Dietrich Ober: Immer noch ganz klar die Wissenschaft. Unser Garten ist in erstaunlich vielen Bereichen unterstützend oder durch die Bereitstellung von Material tätig. Da geht es nicht nur um die Biologie, sondern auch andere Institute fragen immer wieder an. Die Geographie nutzt zum Beispiel Flächen für Messungen, weil wir über ein großes und autofreies Gelände verfügen. Die Geobotanik fragt Material für Versuche nach, die Agrarwissenschaften stehen uns ohnehin nahe, und es gibt sogar Kontakt zur Physik oder anderen Disziplinen, auf die man nicht ohne Weiteres kommt.

Und was ist mit der Lehre? Braucht man heutzutage noch richtige Pflanzen, wo doch alles in die Molekularbiologie drängt?
Diese Frage wird tatsächlich öfter mal gestellt, aber sie konstruiert einen künstlichen Gegensatz. Nehmen wir die Arabidopsis thaliana, auch Gänserauke oder Schotenkresse genannt. Sie taugt wunderbar als Modellorganismus für die Genetik und ist so etwas wie die Fruchtfliege der Botanik, weil sie sich leicht sequenzieren lässt. Allerdings können wir noch so viel sequenzieren und erfahren doch nichts über das biologische System an sich. Wir brauchen ganze Pflanzen in ihrer natürlichen Umgebung, um zum Beispiel zu verstehen, wie sie sich vor Fressfeinden schützen, wie sie bestäubende Insekten anlocken oder welche Strategien sie gegen zu viel Sonne entwickeln. Die Pflanze, wie wir sie heute vor uns haben, ist auch das Ergebnis all dieser Wechselwirkungen über Millionen Jahre Evolution!

Außerdem haben sich die Techniken der Wissenschaft enorm verbessert. Heute lässt sich im Grunde jedes Material recht leicht sequenzieren, sodass wir viel mehr in die Breite gehen können. Für die Lehre ist der Botanische Garten in jeder Phase wichtig. Er stellt Raum und Material für Bachelor- und Masterstudiengänge bereit, inhaltlich reicht das von den Grundlagen bis zu Fortgeschrittenenkursen. Im Sommersemester versorgt unser Garten mehrere Kurse mit jeweils bis zu 220 Studierenden mit Material. Und viele Kurse finden nicht in Seminarräumen statt, sondern direkt bei uns im Botanischen Garten.

Stimmt es eigentlich, dass die jungen Leute kaum noch Ahnung von Pflanzen haben?
Also wenn es darum geht, Arten zu bestimmen, sieht es teilweise wirklich sehr desolat aus. Andererseits sind die Studierenden sehr begeisterungsfähig, wenn man ihnen vermittelt, was für Wunderwerke Pflanzen sind. Da gibt es zum Beispiel eine Tabakpflanze, die sich nicht nur gegen Raupen wehren kann, sondern sogar erkennt, welche Art Raupe sich an ihr zu schaffen macht. Wer sich mit so etwas beschäftigt, ist schnell Feuer und Flamme für die Botanik. Das merken wir auch bei den Besucherinnen und Besuchern des Gartens, von denen allein im Jahr 2018 ungefähr 3.000 an Führungen teilgenommen haben.

Wenn man so will, ist ein botanischer Garten ja auch eine Art Zoo, nur eben mit Pflanzen statt mit Tieren.
Tiere sind schon auch dabei, wenn man es genau nimmt, denn nicht nur viele Insektenarten sind im Botanischen Garten zu finden, sondern auch Vögel wie Eisvogel, Reiher oder Eulen sowie kleinere Säugetiere. Aber es stimmt, Pflanzen sind schon unser Schwerpunkt. Zurzeit gibt es ungefähr 350.000 anerkannte Pflanzenarten, davon ist rund ein Drittel in den botanischen Gärten der Welt kultiviert. Jeder Garten kümmert sich natürlich vor allem um Pflanzen, die zu seinem Standort passen, sodass die botanischen Gärten insgesamt eine sehr wichtige bewahrende Funktion haben. Wir haben eine enorm hohe Aussterberate auf der Erde und kaum noch Flächen, die nicht in irgendeiner Weise vom Menschen genutzt oder beeinflusst sind.

Botanische Gärten können helfen, viele Pflanzenarten zu erhalten, auch wenn sie die Vielfalt natürlicher Lebensräume sicher nicht ersetzen können. Deshalb sind Naturräume zusätzlich als Inseln nötig, auf denen sich die Natur ungestört entwickeln kann. Evolution als Weiterentwicklung in der Natur funktioniert eben nur dann, wenn es eine Merkmalsvielfalt gibt. Diese Vielfalt zu erhalten, ist übrigens in unserem ureigenen Interesse.

Die Hälfte aller Medikamente ist natürlichen Ursprungs oder bedient sich der Natur als Blaupause. Aspirin zum Beispiel hat seine Vorlage in einer Verbindung, die ursprünglich aus Weidenrinde gewonnen wurde. Wenn die Menschen es tatenlos hinnehmen, dass immer mehr Arten verschwinden, schädigen sie sich also letztlich selbst. Das betrifft genauso die Landwirtschaft.

Der vergangene Sommer hat bei einigen Leuten sehr berechtigt die Alarmglocken schrillen lassen. Durch Züchtung sind den Nutzpflanzen überlebensrelevante Gene abhanden gekommen, denn der Schwerpunkt lag vor allem auf Menge und Qualität. Wie aber eine Pflanze mit Wassermangel klarkommt, das interessierte kaum. Deshalb ist es wichtig, dass in den botanischen Gärten noch Wildformen wachsen, aus denen sich Pflanzen züchten lassen, die an veränderte Klimabedingungen angepasst sind. Die botanischen Gärten pflegen dabei weltweit einen sehr engen Austausch und unterstützen sich gegenseitig mit Material. Sie bilden auf diese Weise tatsächlich ein Archiv des Lebens.

Das Interview führte Martin Geist
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