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Nr. 98, 30.03.2019  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Götter in Gips

Seit 176 Jahren befindet sich in Kiel ein Tor zum Olymp: Die Antikensammlung hat Gästen aber noch mehr zu bieten als die erlauchte Gesell- schaft von Zeus, Aphrodite, Hermes und Co. – die reiche Kulturgeschichte der alten Griechen und Römer, inklusive jahrtausendealter Rätsel.


Natürlichkeit und Anmut zeichnen die Werke antiker Bildhauer aus: Links ein Gipsabguss einer römischen Kopie der »Aphrodite von Knidos«, in der Mitte »Hermes mit dem Dionysosknaben« des attischen Künstlers Praxiteles. © pur.pur

Um 600 vor Christus ist Kap Sounion, die Südspitze Attikas, ein heiliger Ort im antiken Griechenland. Der Legende nach soll sich König Aigeus dort von den Klippen in das seitdem nach ihm benannte Ägäische Meer gestürzt haben, aus Kummer über den vermeintlichen Tod seines Sohnes Theseus. Die Griechen huldigen an dieser Stelle vor allem ihrem Meeresgott Poseidon und bringen ihm Weihe­geschenke. So wie den Kouros von Sounion, eine über drei Meter hohe Kolossalstatue eines Jünglings, die zusammen mit anderen marmornen Skulpturen ankommende Seeleute empfängt.

Heute, über 2.700 Jahre später, ziert der Kouros nicht mehr den seeseitigen Eingang Attikas, wo er 1906 entdeckt wurde, sondern begrüßt moderne Seefahrer an der Kieler Förde, rund 2.100 Kilometer von seinem Fundort entfernt, in den Räumen in der Antikensammlung der Kunsthalle zu Kiel. Zugegeben, bei der Statue handelt es sich um eine Kopie, einen Gipsabguss vom Original, das im Athener Archäologischen Nationalmuseum steht. Nichtsdestoweniger versetzt sie, wie auch Hunderte weitere Abgüsse der bedeutendsten antiken Kunstwerke, Betrachter und Betrachterin in die Vorstellungswelt des antiken Menschen im Mittelmeerraum.

Herr über hunderte Statuen: Manuel Flecker. © pur.pur

Dass wir nicht nach Athen oder Rom reisen müssen, um zuzu­schauen, wie Herakles (römisch »Herkules«) mit dem Nemeischen Löwen ringt oder der trojanische Priester Laokoon und seine Söhne mit den Schlangen der Athene, haben wir Peter Wilhelm Forchhammer zu verdanken. Der Professor für Altertumskunde an der Uni Kiel eröffnete 1843 ein Kunstmuseum, damals noch im Kieler Schloss, aus dem Wunsch heraus, antike Meisterwerke interessierten Mitbürgerinnen und Mitbürgern im heimischen Umfeld erlebbar zu machen, »zur Erweckung und Belebung des Kunstsinnes in Norddeutschland [...] offen und zugänglich für jedermann, zum Genuss und zur Belehrung für jedermann, und ich füge hinzu, zum Ruhm der Stadt und dem Lande.«

10.000 Taler Spendengeld hatte Forchhammer zuvor zusammengetragen, auch 56 Studierende spendeten für die Idee. Gekauft wurden davon Antikenabgüsse aus den Gipsformereien der berühmten Museen in London, Paris, Rom und Kopenhagen. Die Kieler Sammlung gehörte bei ihrer Gründung zu den umfassendsten ihrer Art in Deutschland, nach wie vor ist sie die einzige Schleswig-Holsteins. 1909 zog die Sammlung in die neu gebaute Kunsthalle, nachdem sie 19 Jahre in einem Fachwerkhaus hinter dem heutigen Stadtmuseum Warleberger Hof untergebracht war. Aus dem Kieler Schloss musste sie zuvor weichen, da Prinz Heinrich, Bruder Kaiser Wilhelms II., die Residenz für sich allein beanspruchte.

Einige Dinge haben sich bis heute jedoch nicht verändert: Der Eintritt zur Sammlung ist genau wie Mitte des 19. Jahrhunderts kostenlos und auch ihren Zweck erfüllt sie nach wie vor, nämlich den Blick ihrer Betrachterinnen und Betrachter zu schulen. »In der Antikensammlung lernen Studierende, Forschende und Interessierte das Sehen«, sagt Dr. Manuel Flecker, Kustos der Antikensammlung und Akademischer Rat am Institut für Altertumskunde der CAU. Was der Archäologe damit meint: Nur durch genaues Hinsehen und Vergleichen mit anderen Kunstwerken geben die antiken Statuen nach und nach ihre Geheimnisse preis.

Beeindruckender Beleg dieser These ist die Kore von der Akropolis, die Statue eines Mädchens aus der Zeit um 510 vor Christus. Im Gegensatz zu den meisten Exponaten der Kieler Sammlung erstrahlt sie statt ganz in Weiß in roten, blauen und goldenen Farbtönen. Tatsächlich waren die meisten antiken Figuren farblich gefasst, der Zahn der Zeit sorgte jedoch dafür, dass die Farbe verloren ging – so auch bei der Kore. Beim Gipsabguss des Originals entdeckten Forschende aber verschiedene Muster auf der Oberfläche, verglichen sie mit anderen Werken und konnten auf diese Weise die Farbigkeit zum Teil rekonstruieren. Solche Eigenschaften sind es, die Manuel Flecker an den Kieler Kopien schätzt, ihr Zustand ist oft besser als der der originalen Marmorstatuen.

Dies trifft nicht unbedingt auf Fleckers persönliches Lieblingsstück in der Ausstellung zu, den Hermes mit dem Dionysosknaben. Der Abguss der Marmorgruppe aus dem vierten Jahrhundert vor Christus wurde nach dem Zweiten Weltkrieg restauriert. Er erhielt einen farblichen Überzug, der den Stein des Originals imitieren sollte. Dabei gingen aber die besonderen, vor allem unterschiedlichen Oberflächeneigenschaften von Haar, Körper und Mantel der Skulptur verloren. Gerade um diese Eigenschaften aber drehten sich seit dem Auffinden Kontroversen: Stammt die Skulptur direkt vom berühmten antiken Bildhauer Praxiteles, oder handelt es sich um eine spätere Kopie?

Aber auch wer Originale bevorzugt, kommt in der Antikensammlung auf seine Kosten. Zahlreiche griechische Tongefäße erzählen mit ihrer reichen, glänzenden Bemalung von Göttinnen und Göttern, Helden, Königen und der antiken Lebenswelt. Gemeinsam ist den Statuen und der Keramik nicht zuletzt, dass es noch lange dauern wird, bis sie keine neuen Geschichten mehr erzählen werden, denn, so Manuel Flecker: »Jede Zeit und auch jeder von uns stellt immer ganz neue Fragen an die antiken Kunstwerke.«

Denis Schimmelpfennig
Digitale Schätze und erzählte Geschichte

Im Frühjahr feiern gleich zwei neue Angebote der Kieler Antikensammlung Premiere: Gemeinsam mit Studierenden der CAU hat das Museum einen interaktiven Online-Katalog entwickelt, in dem über 1.000 bisher unpublizierte antike Münzen aus der Sammlung präsentiert werden. Den Wandel des antiken Menschen und seiner Umwelt können Interessierte künftig über einen neuen Audioguide erleben. In Zusammenarbeit mit der Graduiertenschule »Human Development in Landscapes« sind zwei Rundgänge entstanden, die von professionellen Sprecherinnen begleitet werden. (ds)

www.antikensammlung-kiel.de
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