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Nr. 98, 30.03.2019  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Die beste Medizin ist individuell

Im Zentrum des neuen Exzellenzclusters »Präzisionsmedizin für chronische Ent­zün­dungserkrankungen« steht die klinische Forschung direkt am kranken Menschen. Ziel ist es, Krankheiten präziser verstehen, vorbeugen und behandeln zu können.


Sequenzierer der neueren Generation (im Bild) sind wichtige Werkzeuge der Präzisionsmedizin. Foto: Oliver Franke / IKMB

Eine chronische Entzündung ist die Grundlage vieler Erkrankungen, vor allem solcher, die in der westlichen Welt mit zunehmender Häufigkeit auftreten. Hierzu zählen chronische Darmentzündungen, entzündliche Haut- und Lungenerkrankungen und die Vielzahl von entzündlich rheumatischen Erkrankungen. Sie mindern Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit, erhöhen die Sterblichkeit und sind eine der wesentlichen Herausforderungen für das Gesundheitssystem unserer Zeit. Denn die Erkrankungen treten oft schon in jungen Jahren auf, erfordern eine lebenslange Behandlung und können Komplika­tionen, Langzeitfolgen und Begleiterkrankungen verursachen.

Zur Aufklärung der Krankheitsursachen hat der schleswig-holsteinische Forschungsverbund zur Entzündungsforschung, der bis Ende 2018 als Exzellenzcluster »Inflammation at Interfaces« gefördert wurde, maßgeblich beigetragen. Im neuen Exzellenzcluster »Präzisionsmedizin für chronische Entzündungserkrankungen« sollen die Ergebnisse der Grundlagenforschung in die Krankenversorgung münden, so dass Betroffene direkt profitieren. Dabei setzen die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Ansätze aus der Präzisionsmedizin.

»Unsere Vision ist es, Krankheiten in jeder Phase vollständig kontrollieren zu können«, sagt Cluster-Sprecher Professor Stefan Schreiber, Direktor der Klinik für Innere Medizin I am UKSH Kiel und Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie an der Universität Kiel. »Der Weg dahin ist nach unserem Verständnis ein umfassender systemweiter Ansatz, der das Wissen über den individuellen Krankheitsverlauf auf molekularer und morphologischer Ebene, klinische Daten und Ergebnisse therapeutischer Maßnahmen integriert.« Dahinter steckt die Erkenntnis, dass chronisch entzündliche Krankheiten trotz ähnlicher äußerer Merkmale im Einzelfall sehr unterschiedlich sein können. Diese Unterschiede zeigen sich zum Beispiel in verschiedenen genetischen Baufehlern, in unterschiedlichen Mechanismen der Krankheitsentstehung und in leichteren oder schwereren Verläufen bei ein und derselben Diagnose. Während eine Patientin mit der chronischen Darmentzündung Morbus Crohn gut auf Therapie A anspricht, wirkt diese Therapie bei einem anderen Crohn-Patienten eventuell gar nicht, dafür aber Therapie B.

Diese individuellen Unterschiede zu erkennen und diagnostisch wie therapeutisch nutzbar zu machen, ist der Kerngedanke hinter dem Begriff Präzisionsmedizin. Sie basiert auf molekularer Diagnostik, Bildgebung und analytischen Algorithmen und kombiniert alle verfügbaren Forschungsdaten mit den klinischen Daten einer Person. »Wir sind überzeugt davon, dass individuell zugeschnittene Ansätze entscheidend dazu beitragen werden, die Versorgung von Betroffenen zu verbessern. Präzisionsmedizin ist die Medizin der Zukunft«, betont Schreiber.

Und Bedarf an Verbesserungen gibt es zur Genüge. So dauert es immer noch viel zu lang, im Schnitt neun bis 24 Monate, bis nach dem Auftreten der ersten Symptome die Diagnose einer chronisch entzündlichen Erkrankung gestellt wird und eine geeignete Behandlung beginnt. Die Wahl der Therapie erfolgt nach dem Prinzip Versuch und Irrtum, da es keine objektiven Kriterien für den Therapieerfolg gibt. Es lässt sich im Einzelfall nicht vorhersagen, ob die Krankheit aggressiv oder mild verlaufen wird, ob Komplikationen oder Krebserkrankungen zu erwarten sind. Diese Information wäre aber für die Therapieentscheidung wichtig. Nebenwirkungen und nachlassende Wirkung von Therapeutika schränken die Behandlungsmöglichkeiten zusätzlich ein. Und es fehlen Therapien, die an den Krankheitsursachen ansetzen.

Um die Wirksamkeit der existierenden Therapien zu optimieren, die Frühdiagnostik zu ermöglichen und die langfristige Prognose von Patientinnen und Patienten zu verbessern, soll vor allem die klinische Forschung intensiviert werden. Ansätze, die in früheren Forschungsarbeiten entwickelt wurden, sollen jetzt klinisch geprüft werden. Dazu bedarf es klinischer Forscherinnen und Forscher, die gute Ärztinnen und Ärzte sind, und sich auch in der Erforschung neuer Therapien auskennen.

Diese sogenannten Clinician Scientists, die einerseits auf international wettbewerbsfähigem Niveau forschen und gleichzeitig ein Standbein in der Krankenversorgung haben, sind Mangelware. Daher unterstützt der Cluster die Karriere von forschenden Ärztinnen und Ärzten mit einem strukturierten Clinician Scientist Programm, in dem sowohl die ärztliche Fortbildung kondensiert wird, als auch ein Forschungstraining erfolgt. Dreh- und Angelpunkt für die klinische Forschung im Cluster und auch für die innovativen Behandlungsstrategien sind die beiden Exzellenzzentren für Entzündungsmedizin in Kiel und Lübeck, zwei große interdisziplinäre Ambulanzen für chronisch entzündliche Erkrankungen.

Kerstin Nees
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