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Nr. 99, 06.07.2019  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Streifen für mehr Vielfalt

Ein Gemeinschaftsprojekt der Uni Kiel und der Uni Göttingen soll für mehr Arten­vielfalt auf konventionell bewirtschafteten Ackerflächen sorgen. Gunnar Breustedt und Teja Tscharntke setzen dabei auf eine neue Anbaumethode in Form von Streifen.


Auf einem Testfeld mit Raps und Weizen des Klosterguts Grauhof bei Goslar erprobten Forscher der Uni Kiel und der Uni Göttingen, welche Effekte die neue Anbaumethode auf die dortige Insektenpopulation hat. © John Günther

Seit 2003 beschäftigt sich Diplom-Agraringenieur Breustedt an der Uni Kiel mit Investitions- und Land­nutzungsentscheidungen in der Landwirtschaft, Agrarumweltprogrammen, Landmärkten und Struktur­wandel. »Die konventionelle Landwirtschaft steckt in puncto Umweltschutz in einem Dilemma: Um Agrarflächen effizient zu bewirtschaften, müssen Produktionskosten eingespart werden. Das gelingt zum Beispiel, indem man mehrere kleine Felder zu einem großen Feld zusammenlegt«, erklärt Breustedt.

Er ergänzt: »Allerdings wird die Landschaft dadurch eintöniger und manche Insekten, die auf die Abwechslung unterschiedlicher Felder angewiesen sind, verschwinden. Und natürlich verschwinden auch Arten, die von diesen Insekten leben.« Nicht nur Ökolandwirten und Ökolandwirtinnen liege Artenvielfalt am Herzen, meint der Agrarökonom: »Auch in der konventionellen Landwirtschaft ist das ein großes und wichtiges Thema, denn Landwirtschaft muss man als System betrachten.«

Laut Umweltbundesamt werden etwa 90 Prozent der deutschen Ackerbauflächen konventionell bewirtschaftet. »Insekten auf dem Acker können durch Blühstreifen oder durch Ökolandbau gefördert werden. Aber dann verlieren die Landwirte viel Ertrag«, so Breustedt. »Hier bietet sich der Streifenanbau als Alternative an. Insekten können auf diese Weise gefördert werden, ohne dass dadurch Nahrungsmittel für den Menschen knapper und teurer werden.« Auf einem seiner Felder pflanzte Breustedt daher testweise Raps und Weizen nebeneinander in 36 Meter breiten Streifen an, entsprechend der Arbeitsbreite von Düngerstreuer und Pflanzenschutzspritze. Bei der Wahl der beiden Kulturen, die nebeneinander wachsen sollen, setzt Breustedt auf die Erfahrungen befreundeter Agrarökologen der Uni Göttingen, die er während einer Lehrstuhlvertretung kennenlernte. Daraus entstand das gemeinsam geleitete und umgesetzte Streifenanbau-Projekt.

Aktueller Agrarforschung zufolge können kleine, konventionell bewirtschaftete Felder mit vielen Randbereichen den gleichen Mehrwert für die Insektenvielfalt generieren wie große ökologisch bewirtschaftete Felder. »Wir gehen davon aus, dass große Monokulturen eine der Ursachen für den Rückgang der Insektenvielfalt sind. Weil bei der Streifenanbaumethode insbesondere die verbesserte kleinräumige Habitatvielfalt entscheidend ist, könnte eine Vielzahl von Insekten davon profitieren«, schätzt der Göttinger Agrarökologe Professor Teja Tscharntke den Nutzen des Projekts ein. »Zwar werden die Felder im Streifenanbau nicht direkt kleiner, jedoch wird die genutzte Fläche vielfältiger bewirtschaftet und es gibt mehr Ränder, die viele Arten für die Ausbreitung und auch für die komplementäre Ernährung nutzen. Dadurch steht den Insekten eine größere Lebensraumdiversität mit entsprechend vergrößertem Nahrungsspektrum auf relativ kleiner Fläche zur Verfügung«, so der Agrarökologe.

Das Göttinger Team kam zu dem Schluss, dass eine Kombination von Raps und Weizen zum Beispiel sinnvoll sei, um wichtige Bestäuber von Wild- und Nutzpflanzen anzulocken, wie etwa Wildbienen. Sie ernähren sich unter anderem von Raps. Ebenso leben erwachsene Schwebfliegen in Rapsfeldern. Ihre Larven ernähren sich allerdings von Schädlingen wie Blattläusen, die wiederum Weizen bevorzugen. So kommt ein weiterer, positiver Umwelteffekt zustande.

»Der Befall mit Schädlingen könnte mithilfe der neuen Anbaumethode reduziert werden, sodass vielleicht weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden können«, prognostiziert Breustedt. »Das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch für den Geldbeutel.« Insgesamt rechne er mit einem Ertragsverlust von maximal fünf Prozent. »Das ist wenig, wenn man bedenkt, dass im Ökolandbau nur ungefähr halb so viel geerntet wird wie auf einem konventionellen Acker. Mit dem Streifenanbau können wir mit geringem Aufwand viel für die Umwelt tun«, so Breustedt.

Eine Vorstudie mit drei Landwirten läuft bereits seit vergangenem Herbst. Die Folgestudie mit 15 landwirtschaftlichen Betrieben aus der Region um Göttingen ist für diesen Sommer geplant. Sie wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt mit 70.000 Euro gefördert.

Farah Claußen

www.streifenanbau.de
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