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Nr. 71, 07.04.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Begehrte Flächen

Die Zerstörung des tropischen Regenwaldes in Brasilien schreitet unentwegt voran. Was das für Kohlenstoffbilanz und Klimaschutz im Detail bedeutet, ist Thema eines Verbundprojekts mit Kieler Beteiligung.


Brandrodung im tropischen Regenwald: Um Anbauflächen für die Landwirtschaft zu gewinnen, werden riesige Wald­gebiete in Amazonien vernichtet. Die dadurch freige­setzten Kohlenstoff­mengen tragen erheblich zum Treibhauseffekt bei. Foto: Picture Alliance

Der Regenwald am Amazonas ist ein mächtiger Speicher für organischen Kohlenstoff und nimmt große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf. Der Kohlenstoff steckt aber keineswegs nur in der riesigen Pflanzenmasse, sondern ist auch im Boden gebunden. »Man geht sogar davon aus, dass in vielen Wäldern mehr Kohlenstoff im Boden liegt als im Wald darüber«, erklärt Professor Ulrich Irmler vom Institut für Ökosystemforschung. Für den Klimaschutz ist es wichtig, Regenwälder als Kohlenstoffreservoir zu erhalten. »Denn immer wenn Regenwald gerodet und in Acker umgewandelt wird, entweichen große Mengen an Kohlendioxid, das durch die Zersetzung des organisch gebundenen Kohlenstoffs entsteht.«

Tatsache ist jedoch auch, dass die Regenwälder seit Jahrzehnten systematisch zerstört werden, vor allem um Weideflächen für die Viehzucht und Anbau­flächen für Futtermittel (Soja) oder Biotreibstoffe (Mais) zu gewinnen. »In den frühen 1970er Jahren hat man angefangen, Straßen in das Amazonasgebiet zu bauen. Entlang dieser Straßen wird Landwirtschaft betrieben«, so Irmler. Und die Rodung schreitet immer weiter voran.

Mit diesem Raubbau am Regenwald und der Milderung der ökologischen Folgen befasst sich ein groß angelegtes Forschungsprogramm in der Amazonasregion. Das Verbundprojekt »Carbiocial« (Carbon-optimized land management strategies for southern Amazonia) wird vom Bundes­ministerium für Bildung und Forschung für fünf Jahre mit insgesamt 6,15 Millionen Euro gefördert. Schwerpunkte sind die Analyse und Entwicklung von Methoden zur besseren Kohlenstoffspeicherung in Böden, die Reduktion von Treibhausgasen und der Erhalt wichtiger Ökosystemfunktionen. Der Geograf Professor Gerhard Gerold von der Universität Göttingen koordiniert das Projekt. Beteiligt sind daneben neun weitere deutsche Universitäten, zwei Helmholtz-Zentren sowie zahlreiche brasilianische Partnerinstitute. Das Untersuchungsgebiet liegt hauptsächlich in den brasilianischen Bundesstaaten Mato Grosso und Pará.

Ziel des Projekts ist unter anderem ein Modell, mit dem sich abschätzen lässt, wie sich verschiedene Landnutzungsszenarien für die Amazonasregion auswirken. Irmler: »Wir wollen sehen, was zu erwarten ist, wenn die Zerstörung so weitergeht, wie sie bisher in Matto Grosso abgelaufen ist. Was kommt auf uns zu, wenn sich das auch nach Pará weiter fortsetzt? Wieviel Kohlenstoff würde dann entweichen, wie kann man dem entgegenwirken und wie kann man die Bevölkerung einbinden?« Im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso ist die vor 20 bis 30 Jahren begonnene Rodung des Regenwaldes und die Umwandlung zu landwirtschaftlichen Flächen weit fortgeschritten.

Das Team vom Kieler Institut für Ökosystemforschung, dazu gehören neben Irmler auch Dr. Malte Unger und Doktorandin Karina Pe¡na, untersucht vor Ort, wie sich zum Beispiel die Kohlenstoffspeicherung in landwirtschaftlich genutzten Böden verbessern lässt.

»Wir wollen versuchen, in die Ackerböden mehr Kohlenstoff hineinzukriegen.«

Denkbar wäre, Ernterückstände oder Reste aus der Forstwirtschaft einzuarbeiten. »Es geht darum, den Kohlenstoff im Boden zu akkumulieren, um ihn aus der Atmosphäre herauszu­bekommen. Gleichzeitig würden die Böden dadurch auch fruchtbarer.«

Zudem sammeln sie weitere Daten zum besseren Verständnis der vorherrschenden Boden­bedingungen, um in einem späteren Arbeitsschritt deren Einfluss auf die Zersetzungs- und Mineralisierungsrate der organischen Substanzen im Boden zu erfassen. Damit einher geht die Arbeit an der Entwicklung eines Gerätes zur Einbringung von Kohlenstoff in den Boden, welches leicht und profitabel von der regionalen Landwirtschaft bedient werden kann.

Die landwirtschaftlich genutzten Flächen in Mato Grosso und Pará grenzen an flussufernahe Feuchtgebiete, die ein großes Potenzial für Kohlenstoffspeicherung bieten. Ein besseres Verständnis dieses Potenzials ist gleichzeitig eine Möglichkeit für eine bessere Argumentation im Hinblick auf zukünftige Schutzmaßnahmen dieser Ökosysteme. In diesen Feuchtgebieten werden die ober- als auch unterirdisch gespeicherten Kohlenstoffmengen gemessen und die genaue räumliche Ausdehnung dieser Ökosysteme bestimmt.

Kerstin Nees
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