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Nr. 75, 15.12.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Willkommen in Ehemals

Aus Königsberg wurde Kaliningrad, aus Tilsit Sowjetsk: Nach dem Zweiten Welt­krieg bekam Ostpreußen neue Namen. Wie die sowjetischen Behörden dabei vorgingen, erkundet ein deutsch-russisches Forschungsprojekt.


In Tourismuskarten von Kaliningrad werden bis heute neben den russischen auch die alten deutschen Ortsnamen angegeben.

»Die Umbenennungen in der Oblast Kalinin­grad sind im Vergleich zu anderen europä­ischen Gebieten einzigartig«, sagt Sven Frei­tag. Er schreibt über das Thema seine Dis­sertation im Fach Osteuropäische Geschich­te. Sein Doktorvater Professor Ludwig Stein­dorff hat dafür eigens vor zwei Jahren ein von der Stiftung ad infinitum gefördertes Forsch­ungs­projekt angeschoben, bei dem die Kieler Uni mit Olga Peteschowa und Witalij Maslow von der Kant-Universität sowie mit Swetlana Tschekina vom staatlichen Archiv in Kalinin­grad zusammenarbeitet.

»Ohne die russischen Partner ginge es nicht«, betont Steindorff. »Sie haben die Archivbestände erschlossen und analysieren die Semantik der Namen.« Sven Freitag widmet sich der historischen Dimension, auch im Vergleich mit anderen Gebieten wie dem Elsass oder Polen. Am meisten überrascht hat ihn, wie planvoll die sowjetischen Behörden bei der Umbenennung vorgingen.

»Nirgendwo sonst wurden so konsequent alle Namen ausgetauscht – und zwar nicht nur die Namen von Städten und Dörfern, sondern auch von Wäldern, Flüssen und Seen.«


Das liege an der besonderen Geschichte von Kaliningrad, erklärt der 30-Jährige. »1945 gab es hier nicht nur einen neuen Staat und ein neues politisches System, sondern es kam auch eine neue Bevölkerung.« Deutsche, die nicht geflohen waren, wurden 1947–48 abgeschoben. Stattdessen wurden Menschen aus verschiedenen Gebieten der Sowjetunion dort angesiedelt.

»Es gibt dort heute einige Fans, die sich mit den alten Namen befassen«, berichtet Ludwig Steindorff. So finde man dazu sehr ausführliche Beiträge in der russischsprachigen Wikipedia, und auch in Touristenkarten stehen deutsche und russische Namen nebeneinander. »Erst seit 1991 darf man ja überhaupt darüber sprechen.« In Moskau habe man es vorher nicht gern gesehen, wenn etwa auf Kaliningrader Stadtführungen sowjetischen Touristinnen und Touristen zu viel über die deutsche Vergangenheit erzählt wurde. »Allerdings haben wir in Befragungen herausgefunden, dass die Mehrheit der Bevölkerung zwar die alten Ortsnamen kennt, aber keine Ahnung hat, wie die Flurnamen früher lauteten.«

Kernstück des Forschungsprojekts ist neben dem Dissertationstext von Sven Freitag eine Datenbank mit allen alten und neuen Namen. »Dabei erfassen wir auch die Umbenennungen in der NS-Zeit, als viele Namen litauischen Ursprungs durch deutsche Namen ersetzt wurden«, erklärt Sven Freitag.

Er hat im Archiv lange Listen mit neuen russischen Namen ausgewertet, in denen zum Teil auch Begründungen genannt sind. »Viele Städte wurden nach politisch bedeutsamen Persönlichkeiten benannt, wie zum Beispiel aus Königsberg Kaliningrad wurde«, erzählt er. Namensgeber Michail Iwanowitsch Kalinin (1875–1946) war von 1923 bis zu seinem Tod Staatsoberhaupt der Sowjetunion. »In manchen Fällen bleiben Bezüge zwischen zwei alten Namen, so wurde aus Tilsit Sowjetsk und aus dem Tilsiter Wald einfach der Sowjetsker Wald.« Auch das Landschaftsbild spiele eine Rolle, zum Beispiel wurde aus dem Badeort Cranz Selenogradsk, was ungefähr so viel wie »Grünstadt« heißt. Ludwig Steindorff ergänzt: »Was völlig fehlt, sind Namen mit religiösem Bezug.«

Sven Freitag beschäftigt sich auch damit, wer die Namen festlegte. »Es gab dazu drei Gesetzesakte«, erklärt er. »Die politischen Namen kamen oft direkt aus Moskau.« In anderen Fällen hätten Leute vor Ort Vorschläge erarbeitet und die Listen nach Moskau geschickt. »Jeder einzelne Name wurde von ganz oben abgesegnet«, betont Freitag. Auffällig sei weiterhin, dass nicht alle Namen ersetzt wurden. »In dem Gebiet wohnten nach dem Krieg weniger Menschen als vorher – manche Ortsnamen fielen einfach weg.«

Fünfmal war Sven Freitag für mehrere Wochen in Kaliningrad. Er ist jetzt nicht nur Experte für Flurnamen, sondern auch für die günstigsten Verbindungen per Schiff, Bus oder Bahn in die Kieler Partnerstadt. Im Juni machte Olga Peteschowa den umgekehrten Weg, um ihre Ergebnisse bei einer Tagung in Kiel vorzustellen. »Alle Vorträge waren gut besucht«, freut sich Ludwig Steindorff. »Das zeigt das Interesse auch in Deutschland.« Er berichtet, dass es in Kaliningrad aktuell wieder Diskussionen gebe, ob man sowjetische Namen ersetzen soll. »Aber fast sicher wird man keine deutschen Namen einführen – die Kaliningrader bekennen sich zum deutschen Erbe von Königsberg, aber zugleich ist Kaliningrad heute eine typisch russische Stadt.«

Eva-Maria Karpf
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