Grußwort des Vorsitzenden des Bundestagsausschuß Ernährung, Landwirtschaft und Forsten


Peter Harry Carstensen (CDU){short description of image}
 

anläßlich den Eröffnung zum EXPO-Projekt „Sicherung der Welternährung“
am 01. Mai 1999 im Freilichtmuseum Molfsee

 
 

Es gilt das gesprochene Wort
 

Der ehemalige Chefredakteur des Öko-Magazins „Natur“ hat das Problem  „Welternährung“ einen Gordischen Knoten aus lokalen Traditionen und globalem Handel, aus wissenschaftlichem Fortschritt und ökologischer Komplexität, aus wachsender Bevölkerung und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit, aus Überfluß und Hunger, Geschmack und Profit, Gesundheit und Naturschutz genannt.

Unsere moralische Verpflichtung, auch in Zukunft zur Überwindung von Hunger und Armut in der Welt beizutragen, ist selbstverständlich.

Einer Aufstellung in der FAZ konnte man entnehmen, daß nach Aussagen der FAO derzeit mindestens 17 Länder der Erde unter schwerer Nahrungsmittelknappheit zu leiden haben. Das heißt hier konkret, es stehen weniger als 2000kcal täglich je Person zur Verfügung.

Nur damit wir Satten hier in diesem Raum das kurz vor dem Gang zum kalten Buffet auch richtig werten: In Mocambique, in Afghanistan, in Burundi stehen gerade mal 1700 kcal, in Eritrea 1600 und in Somalia keine 1600 kcal zur Verfügung. Das ist so ungefähr die Menge an Essen, die einem Europäer bei einer teuren Kur verabreicht wird, um sein Gewicht zu reduzieren und die Cholesterinwerte wieder richtig einzustellen.

Neben diesen 17 Ländern gibt es noch 37 Länder, in denen Unter- und Mangelernährung wahrscheinlich sind, weil nur 2000 bis 2300 kcal täglich je Person zur Verfügung stehen.

Der Kalorienbedarf je Person und Tag wird von der FAO bei mittleren körperlichen Aktivitäten für einen 65 kg schweren Mann auf 2900 kcal geschätzt.

Wie soll es in diesen Ländern, bei dieser Versorgung zu einer wirtschaftlichen Entwicklung kommen? Das ist nicht möglich, wenn Hunger und die Suche nach Nahrung jede andere Aktivität hemmen. Deshalb ist es auch richtig, was Prof. Schmitz aus Gießen und besonders Prof. von Braun sagen: Voraussetzung für eine wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder ist die Bekämpfung des Hungers und der Armut. Der Hunger ist nicht nur eine folge von Armut, nein, Armut ist auch eine Folge des Hungers.

Die bedürftigen Länder geben schon heute bei niedrigen Weltmarktpreisen einen Großteil bzw. ein Vielfaches ihrer Exporterlöse für den Import von Nahrungsmitteln aus. Ansteigende Weltmarktpreise aufgrund knapper werdender Weltlagerbestände – das ist übrigens das Ziel der Agrarpolitik in Europa und in anderen Exportländern, um gute Preise für unsere Bauern zu erzielen – machen die notwendigen Importe für die ärmeren Länder zunehmend unerschwinglich.

Die Staatengemeinschaft der reichen Industrieländer könnte also künftig noch mehr gefordert sein, ihren humanitären Verpflichtungen nachzukommen. Es ist anzunehmen, daß ein solches Handeln zukünftig nicht nur auf ethischen Motiven beruhen wird, sondern im Hinblick auf den zu erwartenden Migrationsdruck auch aus Eigeninteresse erfolgen wird. Denn Bevölkerungswachstum plus prekäre Versorgungslage birgt die Gefahr, daß Millionen Hoffnungsloser den „reichen Norden“ als Einwanderungsland entdecken werden. Wie heißt es schon im alten Testament bei Genesis 12,10 „Es kam aber eine Hungersnot in das Land. Da zog Abraham hinab nach Ägypten, daß er sich dort als ein Fremdling aufhielte, denn der Hunger war groß im Lande.“

Wenn „Fremdlinge“ an unsere Tür klopfen und in unser Land wollen, weil das wirtschaftliche Umfeld sich dann für sie verbessert, dann gibt es bei uns gute Gründe, „nein“ zu sagen, ihr bleibt draußen. Wenn sie aber an unsere Tür klopfen und sagen: „Wir haben Hunger!“ Wer wird sie dann noch abweisen können?

Vordringlich müssen daher Bemühungen unterstützt werden, die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern selbst nachhaltig zur Ertragssteigerungen zu befähigen. Hierzu kann und muß auch im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit die deutsche Agrarforschung beitragen, die über ein beträchtliches Know-how verfügt, um an Lösungen zur Produktsteigerung, Ertragssicherung sowie Umwelt- und Ressourcenschonung mitzuwirken. Natürlich ist deshalb Prof. von Wietzke zuzustimmen, wenn er kürzlich einen Artikel überschrieb: „Agrarforschung sichert die Welternährung.“

Und auch deswegen ist es ein Fehler bei uns in unserer Universitäts- und Forschungslandschaft gerade die Bereiche und Fakultäten zu beschneiden, wo die international ausgerichtete Agrarforschung und die angewandte Agrar- und Fischereiforschung noch einen angemessenen Stellenwert haben.

Es muß für die betroffenen hungernden oder Unterernährten wie ein Hohn klingen, wenn Statistiker und erklären, daß es eigentlich ja keinen Hunger auf dieser Erde geben müßte. Theoretisch, so rechnen Biologen vor, vermag die Biosphäre Nahrung für 10, für 20 oder auch 30 Mrd. Menschen bereitstellen. In der Praxis wuchs die Nahrungsmittelproduktion sogar schneller als die Erdbevölkerung. Allein beim wichtigsten Grundnahrungsmittel Reis konnte die Ernte in den letzten 20 Jahren auf heute 570 Mio. Tonnen verdoppelt werden.

Per Pinstup Andersen, Generaldirektor des Internationalen Forschungsinstitutes für Ernährungspolitik in Washington sagt: „In der heutigen Welt gibt es genügend Nahrungsmittel. Wenn diese gleichmäßig verteilt wären, müßte niemand hungern.“

„Das tückische Wort „wenn““, so schreibt die „Bild der Wissenschaft“, „trennt die ungerechte Realität von einer Welt, in der alles gleich verteilt ist, wo niemand hungern muß.“

Dieses tückische „wenn“. In ihm bündeln sich die Hoffnungen sowohl der wissenschaftlich-technisch orientierten Welternährungsexperten, wie auch ihrer sozial und ökologischen Kritiker.

Und um noch einen Zweiten zu zitieren: „Jährlich 2 Mrd. Tonnen Weltgetreideernte machen 2,5 Mrd. US-Bürger satt – oder 10 Mrd. Inder.“, so Klaus Lange, langjähriger Leiter des Instituts für Internationale Reisforschung in Manila.

Wenn also wir Europäer und die Amerikaner unsere Verzehrgewohnheiten den Indern anpassen würden, wenn dann auch noch die Verteilung des Getreides nahezu so Problemlos verlaufen könnte, wie die Verteilung von Waffen, dann hätten wir ein großes Problem gelöst.

Aber wir sind Realisten, nicht die Amerikaner werden die Eßgewohnheiten der Inder annehmen, nein, die 1 Mrd. Inder und die 1,3 Mrd. Chinesen und viele andere Asiaten werden sich den Eßgewohnheiten der Amerikaner nähern und somit dadurch die Versorgungsprobleme für die Hungernden in der Konkurrenz um Anbaufläche, um Wasser, um Viehfutter noch verschärfen.

Trotz Asienkrise befinden sich etliche Länder der sogenannten 3. Welt, vornehmlich im asiatischen Raum, in einem raschen Industrialisierungsprozeß mit anhaltendem Wirtschaftswachstum und zunehmender Kaufkraft.

Die Nachfragebedingungen nach Grundnahrungsmitteln unterliegen inzwischen erheblichen Schwankungen auf den Weltmärkten und was sehr schnell passieren kann, zeigten die Jahre 92/93 mit ca. 30 Mio. t Getreiden in den europäischen Interventionslägern und 1996 mit noch gerade 2 Mio.t..

Da hatte plötzlich die erhöhte Nachfrage in Kombination mit einer rückläufigen Produktion aufgrund agrarpolitischer Reformen in Europa und USA sowie wetterbedingten Ernteausfällen in Australien und den USA zu einer besorgniserregenden Lagerbestandsentwicklung geführt. Europäischer Weizen durfte praktisch nicht auf dem Weltmarkt angeboten werden. Aber von den gestiegenen Preisen konnten die europäischen Bauern damals leider nicht profitieren.

Diese Entwicklung in nur 3 Jahren belegt eindrucksvoll, wie schnell sich die politischen Bestimmungsgründe gerade im landwirtschaftlichen Bereich ändern können und daß Agrarpolitik auf schnelle und durchgreifende Veränderungen von Rahmenbedingungen eingestellt sein muß.

Der nächste El Nino, unberechenbar wie manche Agrarpolitik, in Kombination mit unberechenbaren Entscheidungen mancher Agrarpolitik wird wieder enorme Auswirkungen auf internationale Märkte haben.

Auch die praktischen, die praktizierenden Landwirte müssen sich auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen. Sie müssen das aber auch können und dürfen. Ich habe nicht den Eindruck, daß auch gerade nach den Beschlüssen zur „Agenda 2000“ die unternehmerischen Freiräume der Landwirte sich verbessert haben.

Nein, ganz im Gegenteil: 
Die insbesondere in Deutschland festzustellende Eingriffsintensität im Agrarbereich durch kostenträchtige Umweltauflagen, Bauvorschriften und vieles andere mehr droht die hiesige Landwirtschaft allmählich international ins Abseite zu drängen, obwohl wir hinsichtlich besonders günstiger Boden- und Klimaverhältnisse über beste Voraussetzungen verfügen, mit ressourcenschonendem Einsatz von Produktionsmitteln hohe Flächenerträge zu erwirtschaften.

Das gesellschaftspolitische Klima trägt ein übriges dazu bei, technischen Fortschritt in der Landwirtschaft zu blockieren und führt dazu, daß Arbeitsplätze und Marktanteile auch in der Pflanzenzüchtung sowie in der Pflanzenschutz – und Düngemittelindustrie gefährdet sind. 

Allein im gentechnischen Bereich der Pflanzenzüchtung wird in den nächsten Jahren mit einem internationalen Marktvolumen von 6 – 8 Mrd. Dollar gerechnet. Es zeichnet sich aber ab, daß davon hauptsächlich die amerikanischen und europäischen Wettbewerber außerhalb Deutschlands profitieren werden. Und neue zusätzliche Belastungen durch die Steuerreform und die Ökosteuer behindern den notwendigen Schritt zu einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit unserer Bauern.

Nur eine veränderte Einstellung sowie innovationsfreundlichere Rahmenbedingungen können die weitere Verlagerung von Produktion, Forschung und Entwicklung ins Ausland und somit auch erhebliche volkswirtschaftliche Verluste verhindern.

Was ist zu tun?

Der politische Wille muß da sein, Die Bedingungen der landwirtschaftlichen Produktion auf die sich veränderten Situationen in der Welt einzustellen.

Wie haben wir es in unserem ersten „Husumer Gesprächskreis“ der DGAU 1996 formuliert:

„Das Menschenrecht auf Nahrung gebietet, daß der Produktion von Nahrungsmitteln ein mindestens ebenso hoher moralischer und politischer Stellenwert eingeräumt wird wie dem Naturschutz. Die landwirtschaftliche Produktion darf daher nicht zugunsten von Umweltzielen eingeschränkt werden, die über die Beachtung berechtigter ökologischer Erfordernisse hinausgehen. Die seitens der Agrarforschung immer wieder optimierten technischen und technologischen Verfahren ermöglichen der Landwirtschaft heute eine hoch intensive und zugleich ressourcenschonende Produktion qualitativ hochwertiger, gesunder Nahrungsmittel. Angesichts des dynamischen Wachstum der Weltbevölkerung sowie der Begrenztheit der natürlichen Ressourcen und begrenzten Belastbarkeit des globalen Ökosystems ist die Verweigerung biotechnologischer und technischer Neuerung in der Landwirtschaft ökologisch unverantwortlich und inhuman, indem sie heute notleidenden Menschen und zukünftigen Generationen die Chancen auf ein besseres Leben verwehrt“.

In diesem Sinne ist unsere Landwirtschaft in der Lage den Forderungen der Agenda 21 zu entsprechen, wo es unter 14.25 heißt: „Die Landwirtschaft muß intensiviert werden, damit die künftigen Nachfragen nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen gedeckt und ein weiteres Vordringen auf marginale Standorte und empfindliche Ökosysteme verhindert werden kann“.

Unsere verehrte Ministerpräsidentin pflegt manchmal zu sagen: „Schleswig-Holstein ist schon lange kein Agrarland mehr“.

Wir wissen alle, was sie damit aussagen will.

Auch wegen der in diesem kurzen Satz mehr oder minder versteckten Qualitätseinstufung der Landwirtschaft im allgemeinen Wirtschaftsgefüge des Landes kriege ich bei diesem Satz immer wieder eine Gänsehaut, schließe die Augen, kneife mir kurz in den Arm und wenn ich wieder die Augen öffne, danke ich dem Herrgott, heißa, wir sind glücklicherweise doch immer noch ein Agrarland.

Und der Bauernverband hast Recht, wenn er mit Stolz verkündet: „Einer ackert und 110 werden satt“. Und unsere Bauern und ihre Frauen können stolz sein, wenn sie die wichtigste Funktion der Landwirtschaft erfüllen, nämlich die Menschen mit Nahrung zu versorgen.

Und es ist mehr als angebracht, wenn der Bauernverband, der Landfrauenverband, die Landwirtschaftskammer, der Pflanzenschutzdienst und die Agrar- und Ernährungswissenschaftliche Fakultät der Christian-Albrecht-Universität für die Weltausstellung in Deutschland, für die EXPO 2000, Modelle aus einer Spitzenregion, nämlich aus Schleswig-Holstein zeigen, die effizient und umweltschonend ihren Beitrag zur Sicherung der Welternährung leisten.

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