| Perspektiven
der Welternährung im Kontext der Multifunktionellen Landwirtschaft
Dr. Hartwig de Haen
Assistant Director General
Economic and Social Department
Food and Agriculture Organization of the United Nations
und
Dr. Hans-Werner Wolter
Director
Land and Water Development Division
Food and Agriculture Organization of the United Nations
Vortrag auf der Eröffnung des
EXPO-Projektes Sicherung der Welternährung: Modelle aus
einer europäischen Spitzenregion effizient und
umweltschonend
Molfsee / Kiel, 1. Mai 1999
GLIEDERUNG
- Vorbemerkung
- Ernährungssicherung - was ist das?
- Zur aktuellen Situation und jüngsten
Entwicklung
Verfügbarkeit und regionale Verteilung
Versorgungsstabilität
Zugang zu Nahrung
Konkretes Ausmaß des Hungers
- Perspektiven der nächsten 10 bis 15
Jahre
Methodischer Ansatz
Bevölkerungswachstum und Nahrungsbedarf
Ausblick auf Weltmärkte und Preise
Importbedarf der Entwicklungsländer
Reichen die Ressourcen?
Nachhaltigkeit - die soziale und ökologische Dimension
- Halbierung der Zahle der Hungernden bis 2015
- Ist das Ziel des Ernährungsgipfel realistisch?
- Multifunktionale Aspekte und ihre Auswirkung
auf die Ernährungssicherung
Naturschutzfunktion
Erzeugung nachwachsende Rohstoffe
Beschäftigung und ländliche Entwicklung
Konfliktfeld Wassererschließung
Akzeptanzprobleme der Biotechnologie
- Schlußfolgerungen
PERSPEKTIVEN DER WELTERNÄHRUNG
VORBEMERKUNG
Das gewählte Thema Perspektiven der Welternährung
im Kontext einer multifunktionellen Landwirtschaft mag breit und
spekulative klingen. Vielleicht wäre die Beschränkung auf
wenige spezielle Aspekte angezeigt gewesen. Jedoch, verengte
Sichtweisen, wie Überbetonung der Produktion auf der einen Seite
oder Armutsüberwindung auf der anderen oder gar die Reduzierung
der Funktion der Landwirtschaft auf landschaftspflegerische Aufgaben führen
leicht zu realitätsfremden Aussagen.
Eine wichtige Bedeutung des Welternährungsgipfels
von 1996 in Rom lag darin, daß der vielschichtige Charakter von
Ernährungssicherung von höchster Ebene anerkannt wurde. Der
Gipfel hat sich die Halbierung der Zahl der hungernden Menschen in
zwanzig Jahren zum Ziel gesetzt, während Henry Kissinger auf der
Welternährungskonferenz 1974 noch postulierte: In ten years time
no child shall go to bed hungry. Keines dieser Zeile ist bisher nicht
erreicht worden. Die Sicherung der Ernährung der wachsenden
Weltbevölkerung ist und bleibt eine der größten
Herausforderungen unserer Zeit. wir werden im folgenden versuchen
Antworten auf die Fragen zu finden: Wo wir stehen? Wie wird sich die
Welternährung in Zukunft voraussichtlich entwickeln? Welche Maßnahmen
sind erforderlich, um dem Ziel näher zu kommen?
ERNÄHRUNGSSICHERUNG WAS IST DAS?
In der FAO Definition bedeutet Ernährungssicherheit
daß alle Menschen zu jeder Zeit ungehinderten physischen,
sozialen und ökonomische Zugang zu ausreichender und ausgewogener
Ernährung haben, um eine aktives und gesunde Leben zu führen
(F2 - Ernährungssicherung). Diese ist sicherlich eine sehr
idealtypische Definition, die gleichwohl reich an operationellen
Ansatzpunkten ist. Vier Dimensionen werden angesprochen:
- Verfügbarkeit (availability)
- Zugang (access)
- Stabilität (stability)
- Nutzbarkeit (utilization)
Es wird oft übersehen, daß der Ernährungszustand
nicht nur durch den Energiegehalt der Nahrung sondern auch durch die
Nutzbarkeit, d.h. die Art der Zubereitung und den Gesundheitszustand
der Konsumenten bestimmt wird.
ZUR AKTUELLEN SITUATION UND JÜNGSTEN
ENTWICKLUNG
Wir beobachten eine im allgemeinen positive
Tendenz:
a. Verfügbarkeit und regionale Verteilung
- In den vergangenen 30 Jahren stieg die
Agrarproduktion pro Kopf weltweit um 1/5, in den Entwicklungsländern
sogar um 1/3 und das obwohl die Weltbevölkerung in diesem
Zeitraum um 80% wuchs Die Zahl der Menschen, die in Ländern mit
durchschnittlich höherer Kalorienverfügbarkeit leben, ist
gestiegen, aber:
- Die Ungleichheit ist weiterhin groß und
zunehmend. Die Zahl der Länder mit Ernährungsengpässen
hat in den letzten Jahren von 31 auf 38 zugenommen, im wesentlichen
bedingt durch innere Unruhen und das El Nino Wetter Phänomen.
b. Versorgungsstabilität
- Die Weltgetreidevorräte liegen im
allgemeinen in der Nähe der von uns Mindestreserve angesehenen
Grenze von 17% des Verbrauches. Mit der Uruguay Round erwarten wir
eine Tendenz zu niedrigeren Vorräten.
- Besonders von Schwankungen betroffen sind die
ärmsten Länder, zumal jene mit politischen Unruhen und Bürgerkriegen.
9 von 10 Ländern mit rücklaüfiger Kalorienversorgung
sind Bürgerkriegsländer.
c. Zugang zu Nahrung
- Wir beobachten eine langfristigen Trend von
abnehmenden Getreidepreisen. Besonders deutlich wird der Trend, wenn
der Weizenpreis inflationsbereinigt zu konstanten Preisen angegeben
wird.
- Die Statistiken verschleiern, daß es
Hunger unmittelbar neben Überfluß gibt. Der schlichte
Grund liegt in der Ungleichheit der Einkommen. Über eine
Milliarde Menschen haben weniger als 1 $ pro Tag zum leben. Der
Zugang zu ausreichender Nahrung ist ihnen durch Armut versperrt.
- Von besonderer Bedeutung bei der Wahl der
richtigen Instrumente zur Behebung dieses Zustandes ist, daß
70 % dieser Armen in ländlichen Räumen leben. Es sind die
Menschen mit begrenztem Zugang zu produktiven Ressourcen wie Boden,
Wasser, landwirtschaftliche Produktionsmittel aber auch Ausbildung
und Kredit, die unter der Unterernährung leiden.
d. Konkretes Ausmaß des Hungers
- Als Folge der geschilderten Situation ergibt
sich eine skandalöse Hartnäckigkeit der Fehl- und
Mangelernährung).
- In Asien und Lateinamerika hat es zwar
erhebliche Verbesserungen gegeben, aber unsere Schätzung zeigt,
daß es weltweit immer noch 830 Millionen unterernährte
Menschen gibt.
- Dabei ist die Entwicklung keineswegs
einheitlich verlaufen. Viele Länder, die noch in den siebziger
Jahren erhebliche Ernährungsprobleme hatten, sind der Lösung
dieser Probleme näher gekommen. Große Länder wie
China, Indien, Indonesien gehören in diese Gruppe. Man
sollte aber nicht übersehen, daß es auch in den
Industrieländern und in den Ländern im Umbruch Hunger und
Unterernährung gibt. Allein in den USA sind nach Schätzungen
30 Millionen Menschen auf food stamps angewiesen.
PERSPEKTIVEN DER NÄCHSTEN 10-15 JAHRE
Die FAO ist zur Zeit mit einer Langfriststudie
beschäftigt, die als Perspektive die Jahre 2015 und 2030 haben
wird. Wir hoffen Anfang nächsten Jahres die ersten Ergebnisse veröffentlichen
zu können. Zum jetzigen Zeitpunkt müssen wir uns damit begnügen,
im Sinne des traditionellen Ansatzes Nachfrage und Produktion zu
vergleichen. Die zukünftige Nachfrage wird als Funktion von Bevölkerung,
Einkommen und Präferenzwandel verstanden, die Produktion als
Funktion von Ressourcen, technischem Fortschritt und Trend. Wenn es
gelingt, Aussagen über die Entwicklung dieser Faktoren zu machen,
ist ein Rückschluß auf Nachfrage und Produktion und damit
auf die Ernährungssituation insgesamt möglich.
Es ist klar, daß diese Art der Prognose
eine grobe Vereinfachung ist. Ein zutreffenderes Model wird die
Faktoren nicht isoliert sondern in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit
erfassen und unter Berücksichtigung von Nachfrageelastizitäten
Gleichgewichtspreise errechnen. Ansätze zu diesen Modellen
existieren und werden bereits angewandt. Ein bisher nicht gelöstes
Problem ist die explizite Berücksichtigung von Ressourcenbeschränkungen
wie Wasser und Boden sowie der technische Fortschritt.
Im folgenden werde ich mich auf die wesentlichen
Aussagen des Welternährungsberichte 1998 stützen, sowie der
Frage nachgehen, welche Politiken zu Schließung der Versorgungslücke
in den least developed countries (LDC) angezeigt sind. Es handelt sich
dabei um das business as usual scenario, d.h. es wird angenommen, daß
die Entwicklung im wesentlichen den Marktkräften überlassen
bleibt und nicht, wie vom Welternährungsgipfel gefordert,
besonderen Anstrengungen zur Steigerung der Ernährungssicherheit
unternommen werden. Dies sind die Kernaussagen:
- Wir erwarten einen deutlichen Rückgang
des absoluten Bevölkerungswachstums, allerdings nicht so sehr
im Problemkontinent Africa. Zugleich rechnen wir mit einer
Fortsetzung der rapiden Urbanisierung, was enorme Anforderungen an
die Verteilung und Vermarktung von Nahrungsmitteln stellen wird). In
den Entwicklungsländern wird sich als Folge der Übergang
von der Subsistenz- zur marktorientierten Landwirtschaft
beschleunigen.
- Die Bevölkerungsentwicklung wird global
gesehen zu einem langsameren Zuwachs an Nachfrage führen als in
der Vergangenheit (Zuwachs in den 80 Jahren 2,3 % p.a.;
Projektion 1,8% p.a.), was zu einer willkommenen Entlastung der
Ressourcen führt. Die Kalorienversorgung pro Kopf in den
Entwicklungsländer wird im Durchschnitt dennoch bis 2010 von
auf durchschnittlich 2700 kcal/Kopf ansteigen.
- Einkommenswachstum und Urbanisierung verändern
die Konsumgewohnheiten in Richtung auf mehr tierische Produkte und höhere
Anteile an Obst und Gemüse. Der Futtergetreidebedarf in
den Entwicklungsländer könnte sich zwischen 1990 und 1915
verdoppeln auf 330 Millionen Tonne, wobei viel von der Entwicklung
in China abhängt.
- Wir erwarten einen Rückgang der Anteils
der chronisch Unterernährten von 20 auf 12 Prozent der Weltbevölkerung.
Die Gesamtzahl würde dann immer noch bei knapp 700 Millionen
liegen mit SS-Afrika als Problemregion.
- In den Entwicklungsländern erwarten wir
ein relativ hohes Wachstum der Agrarproduktion (2,6% p.a.). Dennoch
ergibt sich vor allem für Getreide, aber auch für Fleisch
und Milchprodukte, ein weiterer Anstieg des Nettoimportbedarfes.
Beispiel Getreide: Heute betragen die Nettoimporte der Entwicklungsländern
ca. 100 - 110 Mill. Tonnen; 2010 werden es ca. 160 Mill. Tonnen
sein.
- Eine wichtige Frage, nicht nur für
Produzenten sondern auch für Verbraucher: Kommt der
langfristige Trend sinkender Weltmarktpreise zum Ende? Wie bereits
gezeigt, war der Preistrend seit Beginn der 70er Jahre deutlich
sinkend. Als Folge der Uruguay Runde war (ceteris paribus) eine
allgemeine Preissteigerung erwartete worden. Tatsächlich sind
die Preise nach einer vorübergehenden Festigung im Jahre 1996
auf das Niveau von 1990 zurückgefallen. Aufgrund neuerer
Modelrechnungen glauben wir bis zum Jahre 2005 etwa gleichbleibende
Preise für Getreide voraussagen zu können. Auch die Preise
für tierischer Produkte werden konstant bleiben oder nur
geringfügig steigen. Weiterhin meinen wir, daß wir als
Folge der geringen Vorräte, der größeren
Markttransparenz und der sich abzeichnenden Klimaveränderungen
mit größeren regionalen Schwankungen in der Erzeugung und
daher mit Preisschwankungen rechnen müssen
- Es deutet sich ein längerfristiger
Prozess der Marginalisierung des LDC im Vergleich zu anderen EL an.
Der Anteil der Hungernden und die Abhängigkeit von
Nahrungsimporten ist steigend. Unseres Erachtens kommt es auf
zweierlei an: (a) Massnahmen zur Erhöhung des Wettbewerbsfähigkeit
und (b) Verbesserung des Marktzuganges für die zunehmend mehr
verarbeiteten Produkte dieser Länder. Für die neuen WTO
Verhandlungen schlagen insbesondere die NGOs neue Konzessionen für
diese Länder vor. Man sollte diese Vorschläge, sowie einen
großzügigen, an Bedingungen geknüpften Schuldenerlaß,
ernsthaft prüfen.
- Schließlich wenden wir uns der Frage
zu, ob die natürliche Ressourcen ausreichen, um die jährliche
Produktionssteigerung von 2,6 Prozent in den EL zu realisieren.
Unsere Antwort: Ja, aber nur bei nachhaltiger, ressourcenschonender
Produktionstechnik unter voller Ausnutzung des technologischen
Fortschrittes - mit allen Konsequenzen für Investitionen
und Forschung.
- Global werden 75% des Produktionszuwachses
werden aus der Intensivierung kommen müssen, nur 25 % durch
Ausdehnung der Anbaufläche.
- Die Landreserven sind immer noch erstaunlich
groß. Allerdings finden sich ungenutzte Landflächen
vorwiegend in SS-Afrika and Latein-Amerika. Es ist ferner zu berücksichtigen,
daß in diesen Flächen die Tropenwälder und
Naturschutzgebiete enthalten sind. In den dichtbesiedelten Länder
in Süd und Ostasien gibt es fast keine Landreserven.
- Wasser zeichnet sich als der wichtigste
begrenzende Faktor bei der Steigerung der Nahrungsproduktion ab.
Intensivierung und Ertragssteigerung auf bereits genutzten Anbauflächen
ist ohne eine bessere Kontrolle der Bodenfeuchtigkeit nicht denkbar.
Der Mechanismus wirkt auf zweierlei Art: Erstens reagieren die
meisten Kulturpflanzen auf Dürrestress mit erheblichen
Ertragseinbußen, zweitens scheuen Bauern das Risiko des
Einsatzes teurer Produktionsmittel, wenn die Gefahr von
Ertragsausfällen durch Trockenheit besteht. Das bedeutet, daß
auch in Jahren mit ausreichenden Niederschlägen das volle
Ertragspotential nicht genutzt wird, weil die benötigten
Pflanzennährstoffe nicht zur Verfügung stehen. Nur der
Ausbau der Bewässerung, ergänzt durch feuchte-
konservierenden Maßnahmen im Regenfeldbau, kann hier Abhilfe
schaffen.
- Die Verteilung der Wasserressourcen ist
regional sehr ungleich. Bezogen auf einzelnen Länder ist die
Situation noch dramatischer. Bis zum Jahre 2015 wird die Zahl der Länder,
die mehr als 25% ihrer Wasserressourcen nutzen, d.h. als water
stressed gelten, auf 43 ansteigen. Neuere Modelrechnungen zeigen, daß
die Bewässerungslandwirtschaft nicht, wie vielfach gefordert, überschüssiges
Wasser an andere Sektoren abgeben kann, sondern im Gegenteil selbst
bei Anwendung wirtschaftlich sinnvoller, wassersparender
Produktionstechniken bis 2020 17% mehr Wasser benötigt wird, um
die Produktionsziele zu erreichen.
Die sich abzeichnenden Ressourcenengpässe
haben nicht nur eine ökologische sondern auch eine eminent soziale
Dimension. Betroffen sind oft die armen und ohnehin schon ernährungsunsicheren
Gruppen, die auf marginalen Standorten leben. Zwischen Armut und
Umweltzerstörung besteht ein circulus vitiosus, der in gewaltmässige
Auseinandersetzungen münden kann (Stichwort Ruanda).
HALBIERUNG DER ZAHLE DER HUNGERNDEN BIS 2015 -
IST DAS ZIEL DES ERNÄHRUNGSGIPFELS REALISTISCH?
Wie bekannt haben sich die Regierungsvertreter
auf dem Gipfel in Rom feierlich verpflichtet, die Zahl der Unterernährten
bis 2015 zu halbieren. Offenbar ist das nicht durch business as usual
zu erreichen. Ist das Ziel dennoch realistisch?
Zunächst eine globale Antwort: Bei gezielter Steigerung des
Angebotes in den gut 30 Ländern, die nicht ohnehin aus eigener
Kraft die Halbierung schaffen, reichen 40 Millionen Tonnen Getreide
(oder entsprechende andere Produktionen). Das entspricht 2% der
globalen Produktion. Von der Produktionsseite sicherlich kein
unrealistisches Ziel, allerdings muß dieser Bedarf, wie ausgeführt,
als kaufkräftige Nachfrage wirksam werden.
Dazu ist in den betroffenen Ländern ein radikaler Politikwechsel
notwendig. Die Armutsbekämpfung muß Priorität haben,
das Halbierungsziel muß ins politische Programm übernommen
werden. Das bedeutet konkret: (a) Das Primat der Agrarentwicklung ist
anzuerkennen, (b) Wirtschaftliche Wachstum allein reicht nicht aus,
sondern muß durch distributive Maßnahmen ergänzt
werden muß. Also soziale Infrastruktur, Förderung der außerlandwirtschaftliche
Beschäftigung und Agarreform dort, wo die Ressourcen sehr
ungleich verteilt sind.
Beispiel Bangladesh: Im Jahre 1992 hatte das Land eine
durchschnittliche Kalorienverfügbarkeit von 2000 kcal/Kopf und 40
Millionen Unterernährte. Bei Übernahme des Halbierungsziels
müßte die Zahle der Unterernährten bis 2015 auf 20
Millionen gesenkt werden. Um wieviel müßte das
Nahrungsangebot gesteigert werden? Die Antwort hängt von der
intranationalen Verteilung ab. Bei gleichbleibender relativer
Ungleichheit müßte der Kaloriendurchschnitt auf 2450
kcal/Kopf steigen. Das würde eine dramatische Abkehr vom
bisherigen Trend bedeuten. Allerdings gibt es Anlaß zu
Optimismus:
- die Bevölkerung wächst nur noch um
1,6 Prozent
- die Einkommenszuwächse betrugen in den
letzten Jahren 4% p.a., in jüngster Zeit allerdings verringert
durch die Asienkrise.
- Unsere Projektion läßt ein
Wachstum auf durchschnittlich 2350 kcal/Kopf möglich
erscheinen.
- Durch eine Kombination von erhöhten
Importen und Steigerung der einheimischen Produktion könnte das
Ziel erreicht werden. Gleichzeitig muß die intranationale
Verteilung deutlich verbessert werden. Andere Länder mit
geringerem Wirtschaftswachstum und sehr viel ungleicherer Verteilung
(Kenia) haben kaum Chancen das Halbierungsziel zu erreichen.
MULTIFUNKTIONALE ASPEKTE UND IHRE AUSWIRKUNG
AUF DIE ERNÄHRUNGSSICHERUNG
Die Erreichung der Produktionsziele kann noch
von anderer Seite gefährdet werden. Zunehmend wird erkannt und
gefordert, daß die Landwirtschaft Funktionen über den
engeren Bezug der Ernährungssicherung hinaus hat. In den
Industrieländern sind in diesem Zusammenhang Begriffe wie
Landschaftsschutz, Gewässerschutz, Artenschutz (bio-diversity),
Wiederverwendung von Abfällen, Erzeugung nachwachsender Rohstoffe
usw. zu nennen. In den Entwicklungsländern stehen Maximierung der
Beschäftigung, ländliche Entwicklung, Devisen und Exporterlöse
im Vordergrund. Gemeinsam ist diesen zusätzlichen Funktionen, daß
sie im Widerspruch zur Maximierung der Nahrungsproduktion stehen. Die
Frage ist: Überfrachten wir die Landwirtschaft mit Auflagen oder
Funktionen, die das primäre Ziel Ernährungsziel gefährden?
Schon jetzt beklagen sich viele Entwicklungsländer,
daß z.B. der Ausbau der Bewässerung und der Bau von Staudämmen
wegen der Opposition internationaler NGOs nicht mehr möglich ist.
Die Weltbank und die meisten bilateralen Finanzierungs organisationen
haben sich aus der Finanzierung von Staudämmen,
Wasserkraftanlagen und Großbewässerung zurückgezogen.
Es muß in diesem Zusammenhang die Frage nach der
Verantwortlichkeit der NGOs gestellt werde. Dem Recht auf Natur und
ungestörte traditionelle Lebensweise kleiner Gruppen steht das
Recht auf Entwicklung und freedon from hunger einer Mehrzahl gegenüber.
Unserer Meinung nach sind demokratisch legitimierte regionale und
nationale Regierungen am besten in der Lage, den schwierigen
Interessensausgleich herzustellen. Es ist begrüßenswert, daß
die paritätisch zusammengesetzte World Commission on Dams es sich
zur Aufgabe gemacht hat, allgemein anerkannte Richtlinien zu
entwickeln und den gegenseitigen Boykott zu brechen.
Schwierige Entscheidungen sind auch in anderen
Bereichen erforderlich. Viele Länder stehen unter dem Zwang
Agarreformen durchzuführen, um die Armut im ländlichen Raum
zu bekämpfen und sozialen Sprengstoff abzubauen. Das bedeutet häufig,
daß produktive Großfarmen aufgesiedelt werden müssen.
Damit kann eine Verringerung der Agarerzeugung verbunden sein. Zwar
ist nachgewiesen, daß Kleinbetriebe bei Vorliegen der richtigen
Rahmenbedingungen nicht grundsätzlich weniger produktiv sind als
Großbetriebe, jedoch dauert die Umstellung in den infrastruktur-
und serviceschwachen ländlichen Regionen geraume Zeit und führt
in vielen Fällen zu einer erneuten Konsolidierung unter dem
Einfluß von Marktkräften. In Ländern wie Zimbabwe, Südafrika,
Namibia aber auch Brasilien und Mexico sowie in den Staaten der früheren
Sowjetunion sind diese agrarpolitischen Probleme besonders akut.
Die Entwicklung in der Biotechnologie ist rasant
und eröffnet neue Perspektiven für die Steigerung der
Agrarproduktion. Gleichzeitig wächst der Widerstand gegen den
Einsatz und die Verbreitung genmanipulierter Pflanzensorten. Die Frage
ist, ob wir es uns leisten können, auf die Anwendung dieser
Technologien zu verzichten wenn wir den Hunger der Welt besiegen
wollen. Es darf nicht übersehen werde, daß wir in unseren
Prognosen mit Fortsetzung des bisherigen Trends und mit weiteren
technologischen Fortschritten rechnen, ohne daß klar ist, woher,
wenn nicht aus der Gentechnologie, diese Fortschritte kommen sollen.
Die Durchbrüche der Grünen Revolution sind weitgehend
ausgereizt.
SCHLUßFOLGERUNGEN
Wir möchte der These der Neo-Mathusianer,
daß die natür-lichen Resourcen der Ernährungssicherung
Grenzen setzen, oder den Unken-rufen von Lester Brown, daß China
in wenigen Jahren die Weltmärkte leerkaufen wird,
entge-genhalten, daß die Grenzen eher im fehlenden politischen
Willen liegen, die richtigen Prioritäten zu setzen, als in den
Grenzen der natürlichen Ressourcen. Technisches Potential und natürliche
Ressourcen reichen aus, um auch den nachwachsenden Generationen
nachhaltige Ernährungssicherheit zu bieten. Dazu bedarf es
allerdings eines breiten Spektrums von Maßnahmen:
1. Ernährungssicherung ist nur durch
gleichzeitige Verbesserung der Verfügbarkeit und des Zugangs zu
Nahrung zu erreichen.
2. Das erfordert vor allem den politischen
Willens, die notwendigen Reformen und Investitionen zu realisieren.
3. Die Grenzen der Agrarproduktion liegen nicht
vorrangig in der globalen Begrenztheit der Ressourcen, obwohl
regionale Engpässe unübersehbar sind die besondere
Anstrengungen erfordern (Wasser).
4. Technische Fortschritte eröffnen genügend
Möglichkeiten einer nachhaltigen und umweltfreundlichen
Intensivierung. Allerdings erfordert das vermehrte Investitionen und
Unvoreingenommenheit gegenüber den Fortschritten der
Gentechnologie.
5. Die Agarproduktion in den EL muß
erheblich gesteigert werden. Dazu bedarf es institutioneller Reformen
und wirtschaftlicher Anreize. Es ist zu hoffen daß die
Transmission höherer Weltmarktpreise auf den nationalen Märkten
als Produktionsanreiz für die Landwirtschaft wirkt.
6. Eine zunehmende Differenzierung innerhalb der
EL ist unverkennbar. In den LDC nimmt die Ernährungsunsicherheit
eher zu, was sich durch steigende Preise zu Verstärken scheint.
Diese Länder benötigen weiterhin gezielter Hilfe.
7. Erfolgreiche Ernährungssicherungspolitik
muß Wachstum mit Umverteilung verbinden, vor allem im ländlichen
Bereich, wo die Masse der Armen lebt.
8. Es gibt ein Menschenrecht auf Leben und
freedom from hunger. Für zuviele ist dies eine leere Formel. Das
kann und muß sich ändern.
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