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Vom Wesen des Wachstumsgedankens

Wie gehen wir Menschen mit unserer Endlichkeit um? Und was hat das mit Wachstumskritik zu tun? Ein Gespräch mit dem Philosophen Professor Ludger Heidbrink.

Holzschnitt von 4 Reitern und einigen Menschen
© gemeinfrei

Visionen vom Untergang der Welt oder zumindest der Zivilisation begleiten die Menschen schon seit vielen Jahrhunderten. Albrecht Dürers apokalyptische Reiter, Holzschnitt, 1498

unizeit: Ihr Forschungsprojekt heißt »Endliche Welt und offene Zukunft. Endlichkeit und Wachstumskritik im politischen Denken der Gegenwart«. Es ist im Herbst angelaufen und auf drei Jahre ausgelegt ist. Was steckt dahinter?

Professor Ludger Heidbrink: Um korrekt zu sein, mache ich das nicht allein, sondern in Zusammenarbeit mit meiner Kollegin, der kürzlich zur Universität Göttingen gewechselten Politikwissenschaftlerin Tine Stein. Interessiert hat uns dabei zunächst diese eine Frage: Woher kommt die Hartnäckigkeit des Wachstumsgedankens, der nicht nur die Wirtschaft, sondern die ganze Gesellschaft und fast jedes Individuum prägt? Seit mindestens 50 Jahren – ich nenne nur den Club-of-Rome-Bericht »Limits to Growth« von 1972 – reden wir über die Grenzen des Wachstums. Aber wir kommen trotzdem nicht vom Fortschritt und der Steigerung des Wohlstands los. Das trägt fast schon Züge einer Obsession.

Wie wollen Sie an das Thema herangehen?

Uns interessiert nicht die ökonomische, sondern die mentale Seite des Wachstums. Wir wollen wissen, warum es so tief in unseren Köpfen sitzt und ob das möglicherweise etwas zu tun hat mit der ursprünglich religiös motivierten Vorstellung vom Ende der Geschichte, die in das Jüngste Gericht mündet. Man kann ganz gut zeigen, dass mit der Säkularisierung ab dem 18. Jahrhundert der christliche Erlösungsgedanke vom Fortschrittsgedanken und der Idee eines Wachstums der Menschheit abgelöst wurde.

Ludger Heidbrink in seinem Büro
© Martin Geist

Ludger Heidbrink denkt über den Zusammenhang von Wachstumsglaube und Endlichkeit nach.

Was bedeutet das genau?

Unsere Herangehensweise begründet sich unter anderem auf die von dem Philosophen Hans Blumenberg beschriebene Koinzidenz von Lebenszeit und Weltzeit. Angesichts der unermesslichen räumlichen und damit auch zeitlichen Dimensionen des Universums ist unsere eigene Lebenszeit so gering, dass sie mit der Weltzeit eigentlich nichts zu tun hat. Das ändert sich mit dem Eintritt in die Moderne: Die Weltzeit klappt gewissermaßen auf die Lebenszeit um und verschmilzt mit ihr.

Hitler zum Beispiel hat im Prinzip gar keinen Unterschied mehr zwischen seiner Lebenszeit und der Weltzeit gemacht. Er hat geglaubt, in seiner eigenen Lebenszeit müsse er das Dritte Reich als umfassendes Heilsgeschehen über den gesamten Globus bringen. Weil die Menschen glücklicherweise in aller Regel nicht so denken, müssen sie sich die Sache anders zurechtlegen. Erlösung bringt nicht mehr das Jüngste Gericht, sondern der Fortschritt, das ewige Streben nach Steigerung und Verbesserung. Carpe diem als Wachstumspostulat. Mache das Beste aus dem Tag, denn du hast nicht endlos viele davon.

Diese gedankliche Transformation steckt ursprünglich in der christlichen Religion und ihrer Säkularisierung. Max Weber beschreibt in seinem Werk »Die protestantische Ethik«, wie das Streben nach materiellem Wohlstand bei gleichzeitig bescheidener Lebensführung als Beweis der Gottgefälligkeit gewertet wurde und zur Entstehung des Kapitalismus beigetragen hat. Auch im Alltag ist es so, dass wir in aller Regel das Beste aus unserem Leben machen wollen und niemand freiwillig verzichtet oder sich gar verschlechtert. Selbst der Verzicht wird interessanterweise damit begründet, dass man dadurch ein besseres Leben hat, wie etwa in der Devise »less is more».

Trotzdem gibt es ja viele, die Kritik üben am Fetisch des »immer mehr».

Damit befasst sich schwerpunktmäßig meine Kollegin Tine Stein im zweiten Teil des Projekts. Sie nimmt sich Autoren wie Hans Jonas, Rudolf Bahro, Hoimar von Ditfurth oder Carl Amery vor, also alles Leute, die schon vor Jahrzehnten eindringlich vor den Folgen eines endlosen Wachstums gewarnt haben. Auffällig ist die apokalyptische Dimension, die diesen Warnungen innewohnt. Wenn die Menschheit nicht radikal umkehrt, ist die Erde dem Untergang geweiht, lautet im Prinzip die Botschaft. Und auch mit diesen Gedankengängen wären wir wieder dicht dran an der säkularisierten Version des Jüngsten Gerichts.

Wie es scheint, haben diese Endzeitvisionen gerade wieder regelrecht Konjunktur.

In der Klimabewegung gibt es apokalyptische Elemente, die teilweise gefährliche Dimensionen annehmen. Von Klimanotstand zu reden, ist geschichtslos und blendet aus, dass Notverordnungen zum Untergang der Weimarer Republik beigetragen haben und dass mit ihrer Hilfe in die parlamentarische Verfassung mit der Begründung eingegriffen werden kann, eine Katastrophe abwenden zu wollen. Mit der Wachstumskritik ab den 1970er-Jahren wird eine Rhetorik bemüht, die das Zeug hat, unsere demokratischen Fundamente in Frage zu stellen.

Also alles nur Panikmache in Sachen Klima?

Natürlich nicht, die Gefahr ist real und nicht zu leugnen. Ich plädiere nur für eine weniger extreme Perspektive. Wir müssen auf liberalem und demokratischem Weg zu einer Lösung des Wachstumsproblems kommen.

Das Interview führte Martin Geist.

DFG-Projekte zu »Politik und Ethik der Endlichkeit«

Das Projekt »Endliche Welt und offene Zukunft. Endlichkeit und Wachstumskritik im politischen Denken» von Professor Ludger Heidbrink und der Politikwissenschaftlerin Professorin Tine Stein von der Universität Göttingen ist Teil eines Dreierpakets, mit dem die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) an der Uni Kiel noch bis Herbst 2022 die wissenschaftliche Arbeit zum Themenkomplex Endlichkeit und Wachstumskritik unterstützt. Ebenfalls enthalten ist darin ein Projekt des Kieler Umweltethikers Professor Konrad Ott zu »Sittlichkeit und Nachhaltigkeit in einer Postwachstumsgesellschaft«. Professorin Stein schließlich befasst sich im dritten Teil mit den Möglichkeiten einer ökologischen Transformation der Gesellschaft. (mag)

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