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100 Jahre deutsch-dänische Grenze

In diesen Tagen jährt sich die Grenzziehung zwischen Deutschland und Dänemark zum 100. Mal. Gefeiert wird das Ereignis auf beiden Seiten des zwischenzeitlich wieder geschlossenen Schlagbaums – in Dänemark jedoch deutlich größer als bei uns. Corona-bedingt können viele Veranstaltungen zum Jubiläum nicht wie geplant stattfinden.

König Christian X. im Jahre 1920
© Archiv der Dänischen Zentralbibliothek für Südschleswig in Flensburg

Es ist ein historischer Moment für Dänemark: Am 10. Juli 1920 reitet Dänemarks König Christian X. über die alte deutsch-dänische Grenze nördlich von Christians­feld.

Es ist ein Bild, das in die Geschichtsbücher einging: Majestätisch reitet König Christian X. von Dänemark auf einem Schimmel über die alte deutsch-dänische Grenze ins »wiedervereinigte« Nordschleswig ein. Mitten durch das Volk, das seinem Herrscher zujubelt. Es ist der 10. Juli 1920. Aber auch in den Tagen davor und danach feiert der König mit seinen Untertanen das Ergebnis der Volksabstimmungen, durch die Dänemark das Gebiet Nordschleswig zuerkannt wird. Der Landstrich gehörte zwar einst zum Dänischen Gesamtstaat, wurde aber nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 deutsch und von Dänemark 1907 als zu Deutschland gehörig anerkannt. Nach der Volksabstimmung und der neuen Grenzziehung feiert man in Dänemark begeistert die Wiedervereinigung des einstigen Herzogtums mit dem Mutterland.

Versailler Vertrag als Grundlage

»Das war ein Ereignis, das auch heute, 100 Jahre später, immer noch eine sehr wichtige, nationale Bedeutung für das Königreich Dänemark hat«, sagt Dr. Oliver Auge, Professor für Regionalgeschichte an der Universität Kiel. »Anders als in Deutschland. Hier herrscht eine konträre Sichtweise auf das Ereignis vor. In Schleswig-Holstein wird daher lediglich an das Datum der Volksabstimmungen als Geburtsstunde der Minderheiten auf deutscher und dänischer Seite erinnert«, ergänzt Historikerin Caroline E. Weber, die zusammen mit Auge die Umstände der damaligen Volksabstimmungen sowie die Situation in beiden Ländern vor, während und nach der Grenzlegung erforscht. Gemeinsam mit diversen Partnerinnen und Partnern haben sie gleich mehrere Veranstaltungen zum Jubiläum vorbereitet.

»Der Grund für die damaligen Volksabstimmungen liegt im Versailler Vertrag von 1919«, erklärt Weber, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung für Regionalgeschichte der Universität tätig ist. Dieser Friedensvertrag wurde nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ohne deutsche Mitwirkung von den Siegermächten ausgehandelt. Er enthielt umfangreiche Bestimmungen zu den Wiedergutmachungsauflagen und zu den neuen Grenzen des Deutschen Reichs. In einigen Regionen waren Volksabstimmungen über die weitere Zugehörigkeit des Gebietes vorgesehen. So wie im nördlichen Schleswig-Holstein, obwohl Dänemark während des Weltkrieges neutral geblieben war. Hier sollte das Volk selbst über seinen Verbleib entscheiden.

Umstrittenes Abstimmungsergebnis

»Was in der Retrospektive als mustergültiger Akt einer demokratischen Abstimmung und als gerechte Lösung gilt, wurde 1920 durchaus anders bewertet«, berichtet Auge. »Die deutsche Bevölkerung fühlte sich durch den Versailler Vertrag unfair behandelt. Die Modalitäten der Volksabstimmungen waren nicht unbedingt zugunsten der deutschen Seite ausgestaltet. Hinzu kam, dass die Menschen unter den Folgen des Ersten Weltkrieges, Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger, litten«, erklärt der Regionalhistoriker weiter.

Abgestimmt wurde in zwei Zonen: In Mittelschleswig (Zone Zwei) entschied man sich mehrheitlich für den Verbleib bei Deutschland, in Nordschleswig (Zone Eins) war man lokal geteilter Meinung. »In einem Teil der Städte wie in Apenrade oder Tondern wollte man die bestehende Grenzziehung überwiegend beibehalten, die deutlich größere ländliche Region wünschte eine Zukunft bei Dänemark«, so Auge. »Das gab den Ausschlag für den Ausgang der Volksabstimmung in Zone Eins, denn hier wurden die Stimmen en bloc gewertet. Wegen der Gesamtmehrheit der Stimmen pro Dänemark fiel dieser Teil der dänischen Seite zu. Hätte man die Stimmen gemeindeweise ausgezählt, hätte das vor allem im Südwesten Nordschleswigs einen anderen Abstimmungsausgang bedeutet.«

Beziehungspflege bleibt wichtig

Die Deutschen fühlten sich durch diesen Ausgang der Abstimmung ungerecht behandelt, und auch die in Deutschland verbliebene dänische Minderheit tat sich lange schwer mit dem bis heute unveränderten Grenzverlauf. »Die Grenzlinie wurde von beiden Seiten immer wieder angefochten, was den Weg zu einem guten Miteinander der Nachbarländer und der Minderheiten erschwerte. Erst mit den Bonn-Kopenhagener Erklärungen 1955 änderte sich der Ton. Und doch dauerte es noch bis Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre, bis sich die Beziehung zu normalisieren begann«, erzählt Weber.

Heute hat die Region dank des respektvollen Umgangs und des friedlichen Zusammenlebens der deutschen, dänischen und anderen Minderheiten Modellcharakter. »Die Minderheiten sind ein wesentlicher Bestandteil der Kultur der Grenzregion«, sagt die Historikerin. Ebenfalls zu den guten Beziehungen beigetragen hat die offene Grenze zwischen den Ländern. Diese gute Nachbarschaft gilt es zu pflegen. »Jede Generation muss sich immer aufs Neue bemühen, den Grenzfrieden und das gute Miteinander zu erhalten«, sagt Auge mit Blick auf die stärker werdenden nationalistischen Töne des Nachbarlandes, auf die 2015, während der sogenannten Flüchtlingskrise, wieder eingeführten dänischen Grenzkontrollen und den 2020 fertiggestellten Wildschweinzaun, der die Länder ebenfalls trennt. »Umso wichtiger ist das, was uns verbindet«, sagt Weber. »Und das gilt es durch Gespräche und Treffen weiterhin zu bewahren und zu stärken – vielleicht ergibt sich bei den – durch Corona erst im kommenden Jahr stattfindenden – Veranstaltungen zum 100. Jahrestag der Volksabstimmungen dazu Gelegenheit. In Schleswig-Holstein steht das Jubiläum nicht umsonst unter dem Motto Gemeinsam über Grenzen.«

Autorin: Jennifer Ruske

Feierlichkeiten werden auf 2021 verschoben

Vor 100 Jahren wurde der Verlauf der Grenze zwischen Deutschland und Dänemark durch zwei Volksabstimmungen festgelegt. In Dänemark wurde bereits im Januar 2020 damit begonnen, das »Jubiläum der Wiedervereinigung« groß zu begehen. 4.000 verschiedene Veranstaltungen von zahlreichen Einrichtungen waren geplant, gefeiert werden sollte überwiegend im Mai, Juni und Juli. Schleswig-Holstein erinnert unter dem Motto »Gemeinsam über Grenzen« an die Volksabstimmungen und der Grenzziehung. In Flensburg sollte mit einem Bürgerfest und einer grenzübergreifenden Gartenschau im August gefeiert werden. Dies soll am 24. November in der Flens-Arena nachgeholt werden. Die Abteilung für Regionalgeschichte der Universität Kiel hatte eine Ausstellung und eine Vortragsreihe zum Thema geplant, ebenso eine internationale Tagung in Berlin und eine Sommerschule für deutsche und dänische Studierende. Während die Ausstellung noch im Februar in der Förde Sparkasse in Kiel feierlich unter großem Besucherandrang eröffnet werden konnte, mussten die letzten Vorträge der Vortragsreihe und die Tagung auf 2021 verlegt werden. Die Tagung wird nun voraussichtlich am 11. und 12. Mai 2021 in der Landesvertretung in Berlin stattfinden. (JR)

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