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Prähistorische Netzwerke

Networking ist heute in aller Munde, in Karriereratgebern gilt es als maßgeblicher Karrierebaustein. Und es hat eine lange Tradition: Schon die Kelten der frühen Eisenzeit nutzten ihre Beziehungen zu anderen Kulturen und gelangten durch Netzwerke zu Reichtum und Ansehen.

Rekonstruierte Gebäude der Heuneburg
© LepoRello/Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Rekonstruierte Gebäude der Heuneburg, einer vor- und frühgeschichtlichen Keltensiedlung am Oberlauf der Donau.

Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus entstanden nördlich der Alpen in den heutigen Gebieten von Süddeutschland bis Zentralfrankreich sogenannte Fürstensitze, stadtartige Machtzentren von überregionaler Bedeutung. Die Bewohnerinnen und Bewohner dieser frühkeltischen Siedlungen trieben Handel mit dem Mittelmeerraum, häuften Reichtümer an und bestatteten ihre vornehmen Toten in prunkvoll ausgestatteten Grabhügeln.

Zu den heute bekanntesten Fürstensitzen zählt die Heuneburg in Baden-Württemberg, deren befestigte Kernsiedlung in strategisch günstiger Position auf einem Hügelplateau oberhalb der Donau liegt. In Blütezeiten lebten dort bis zu 5.000 Menschen. Die Funde erzählen von Macht und Selbstbewusstsein der keltischen Oberschicht, die ihren Reichtum gern zur Schau stellte und in der Gold ein Statussymbol war.

Woraus bezogen Fürstensitze ihren Wohlstand? Und wie war die Gesellschaft organisiert? Traditionelle Forschungsansätze gehen von einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft aus, in der wohlhabendere Individuen eine höherrangige Stellung innehatten. Die herrschenden Dynastien, so die Annahme, hatten die Macht über ein fest umgrenztes Gebiet.

Dieser Auslegung widerspricht Dr. Oliver Nakoinz, Archäologe am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Aus seinen Arbeiten schließt er: „Fürstensitze wie die Heuneburg bezogen ihre Macht weniger aus ihrer Herrschaft über ein abgegrenztes Territorium, sondern vielmehr daraus, dass sie an strategisch bedeutenden Orten den Austausch mit anderen Gebieten organisierten. Die Quelle ihres Reichtums war der Handel zwischen Nord und Süd, den sie vielleicht nicht selber betrieben, aber organisierten. Sie waren entlang von Verkehrswegen angeordnete Netzwerkzentren, die ihre Bedeutung durch ihre Kontakte zu anderen wichtigen Netzwerkzentren erhielten.“

Nakoinz und sein Team analysierten die Funde vorausgegangener Ausgrabungen und stellten fest, dass sie keine Bestätigung für die Existenz einer Territorialherrschaft finden konnten. Wäre die Macht aus der Herrschaft über ein zugehöriges Territorium mit seinen Bewohnerinnen und Bewohnern erwachsen, so fände man dort eine einheitliche Kultur, die sich beispielsweise aus gleichen Ornamenten auf Keramik oder Schmuck herleiten ließe. Und irgendwo müsste es Grenzen zu anderen Kulturen geben, so wie auch heute jedes Land seine eigene Kultur hat, die sich von der anderer Länder unterscheidet. Solche Grenzen ließen sich aber nicht nachweisen, erklärt der Archäologe.

Gallische Münze
© Marie-Lan Nguyen/Wikimedia Commons (CC BY 2.5)

Auch fanden die Forschenden keine Nachweise dafür, dass es einen intensiven Austausch von Waren zwischen einzelnen Fürstensitzen und dem sie umgebenden Gebiet gab. Waren die Fürsten also ohne Reich? Woher kam dann ihr Reichtum?

Nakoinz vermutet, dass es ihre Beziehungen zu entfernten Handelspartnern waren, die ihnen dazu verhalfen und die ihnen einen Vorteil gegenüber anderen verschafften. „Wenn ich aus dem Norden komme und beispielsweise mit dem mediterranen Raum Handel treiben möchte, dann brauche ich jemanden, der mir hilft, dort einen Ansprechpartner zu finden. Und diese Vermittlerrolle könnten die sogenannten Fürsten gehabt haben“, erläutert er. Sie wären demnach keine Herrscher überMenschen und Räume gewesen, sondern Netzwerker, die ihre Beziehungen gewinnbringend zu nutzen wussten.

Der Forschungsansatz von Nakoinz verändert das traditionelle Bild der frühen Eisenzeit, da er die Annahme einer hierarchisch strukturierten Gesellschaft in Frage stellt. Noch bleiben viele Fragen offen, zum Beispiel, wie die deutschen Fürstensitze in ein europäisches Austauschsystem integriert waren. Weitergehende Forschungen im Sonderforschungsbereich 1266 und im Exzellenzcluster ROOTS der CAU werden zu dieser überregionalen Sicht beitragen.

Autorin: Angelika Hoffmann

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