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Shutdown in der Jungsteinzeit

Um 3.100 vor Christus wird Mitteleuropa von einer Krise erfasst, die zu einer umfassenden Änderung der Lebensverhältnisse führt. Danach ist nichts mehr wie zuvor

Megalithgrab in nebligem Wald
© Sara Jagiolla

Im Megalithgrab »Brutkamp« im Kreis Dithmarschen in Schleswig-Holstein setzten die Menschen der Steinzeit ab circa 3.600 vor ­Christus über lange Zeit die Gebeine ihrer Toten bei. Ab dem 31. vorchristlichen Jahrhundert werden solche Großsteingräber nicht länger errichtet.

»Es gibt da einen Shutdown«, sagt Professor Johannes Müller. »Wir wissen nicht warum, aber wir wissen, dass es eine Krise gab«, erläutert der Archäologe vom Kieler Institut für Ur- und Frühgeschichte. »Was sich über lange Zeit entwickelt hat, verschwindet im 31. vorchristlichen Jahrhundert für immer, und das Leben der Menschen verändert sich in nahezu allen Bereichen«.

Die Folgen des Umbruchs sind mannigfaltig: Siedlungen und auch Häuser werden kleiner und, wo möglich, von der Ebene auf Anhöhen verlagert. Die Kulturlandschaft verändert sich. Zuvor mit dem Pflug bewirtschaftete Ackerflächen verwildern und werden von Wald und Naturlandschaften zurückerobert. Eine zuvor unbekannte Keramikform verbreitet sich in Mitteleuropa: Kugelamphoren, bauchige Gefäße mit oft reich verzierten Hälsen.

Und auch die Bestattungspraxis ändert sich. Die Menschen setzen ihre Toten nicht länger kollektiv in Großsteingräbern bei, die über hunderte von Jahren hinweg für immer neue Bestattungen genutzt wurden. Stattdessen gibt es nun Einzelgräber, in denen häufig Waffen als Grabbeigaben vom Status des Toten zeugen. »Das Aufstellen der tonnenschweren Findlinge war eine Gemeinschaftsleistung. Durch den Bau der Großsteinanlagen und die Kollektivbestattungen brachten die Menschen ihren Gemeinschaftssinn zum Ausdruck«, erläutert Müller. »Nach der Krise um 3.100 vor Christus sehen wir, dass das Individuum in den Vordergrund rückt.«

Was hatte diesen Wandel ausgelöst, der sich auf alle Bereiche des Lebens auswirkte? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs 1266 »TransformationsDimensionen« versuchen in einem interdisziplinären Team den Ursachen der Krise auf die Spur zu kommen.

Dabei untersuchen sie unter anderem, ob die Ausbreitung von Epidemien maßgeblich für den gesellschaftlichen Wandel verantwortlich war. »Es ist eine allgemeine Annahme, dass das Risiko für Epidemien mit der Sesshaftwerdung zu Beginn der Jungsteinzeit deutlich anstieg«, sagt Professor Ben Krause-Kyora, Biochemiker und Archäologe am Institut für Klinische Molekularbiologie (IKMB). Die Bevölkerungsdichte stieg an und Menschen lebten mit ihrem Vieh in Siedlungen auf engem Raum zusammen, was die Ausbreitung von Krankheitserregern begünstigte. Zudem erhöhten mangelhafte oder einseitige Ernährung, verunreinigtes Wasser und mangelnde Hygiene das Risiko für Infektionen.

»Tatsächlich haben wir durch die Analyse alter DNA (aDNA) bereits für das Neolithikum diverse Erreger von Krankheiten nachgewiesen, die wir auch heute kennen, wie etwa Pest oder Lepra. Aus der bloßen Existenz dieser Pathogene können wir aber nicht schließen, dass sich die Krankheiten auch seuchenartig verbreiteten und zu hohen Sterberaten führten«, erläutert Krause-Kyora. Dafür fehlen auch weitere Beweise wie Massengräber, in denen sämtliche Individuen dieselbe Infektion aufweisen. »Aktuell lässt sich die Hypothese eines epidemiebedingten Wandels während des Neolithikums auf Grundlage unserer Untersuchungen nicht überzeugend untermauern«, fasst er den Stand der Forschung zusammen.

Auch die Auswirkungen von Migration nahmen die Forscherinnen und Forscher unter die Lupe und stellten fest, dass sich die Netzwerke und Kommunikationswege um 3.100 vor Christus deutlich ausweiteten. Die Menschen standen von Frankreich bis zur Ukraine in Verbindung. »Aber wir können keine großen Bevölkerungswanderungen nachweisen, eher vereinzelte Migration durch Individuen oder kleine Gruppen«, so Archäologin Clara Drummer, die in ihrer Doktorarbeit untersucht hat, ob der Wandel der Bestattungssitten durch Migration hervorgerufen wurde.

Trotz aller bisherigen Untersuchungen stellt der damalige gesellschaftliche Umbruch die Wissenschaft immer noch vor ein Rätsel. Aber die Auswirkungen sind deutlich sichtbar. Über etwa acht Generationen hinweg nahm in vielen Regionen Mitteleuropas und Skandinaviens die Vielfalt der wirtschaftlichen und sozialen Praktiken zunächst zu. »Das ist etwas, das wir historisch auch zu anderen Zeiten beobachten und das offensichtlich allgemein hilft, den Weg aus Krisen zu beschreiten – sozusagen als Botschaft an unsere heutige Situation: Diversität kann der Schlüssel zur Überwindung von Krisen sein«, sagt Müller.

Um 2.800 vor Christus öffnete sich dann der Weg in eine ganz neue Zeit: Die archäologischen Phänomene wirken europaweit erneut recht einheitlich, diesmal mit Betonung auf der Darstellung des Individuums in Form von Grabhügeln und reich inszenierten Individualbestattungen. »Offensichtlich hatte eine separate, kriegerische Gruppe die Verfügungsgewalt über andere Menschen erlangt«, mutmaßt Müller. »Auch das ist eine Gefahr in Krisensituationen.«

Autorin: Angelika Hoffmann

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