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Küste unter Druck

Abbröckelnde Steilküsten, weggespülte Strände, überschwemmte Wiesen: Durch Klimawandel bedingte Wetterextreme belasten die Küsten im Norden. Das Projekt GoCoase untersucht nicht nur, welche umfangreichen Schutzmaßnahmen nötig sind, sondern holt dafür auch die betroffene Bevölkerung mit ins Boot.

Steilküste
© pur.pur

Welche Maßnahmen zum Schutz der Küsten im deutschen Norden – wie hier die Steilküste zwischen Laboe und Stein – wünschen sich die Menschen? Und was sind sie bereit dafür in Kauf zu nehmen?

Die vergangenen Sturmfluten haben es deutlich gemacht: Der Klimawandel ist erkennbar im Norden von Deutschland angekommen. Besonders die Küstenregionen haben immer öfter mit den Wetterextremen sowie deren Folgen zu kämpfen. Tagelang stehen nach Stürmen ganze Landstriche unter Wasser. Kilometerweise wird Sand vom Strand weggespült, Steilküsten brechen ab. Die derzeitigen Küstenschutzmaßnahmen wie Deiche, Buhnen und Sandvorspülungen oder aber die Befestigung von Steilküsten reichen längst nicht mehr aus, um den Extremereignissen noch lange standzuhalten. »Als Folge des Klimawandels muss jetzt darüber entschieden werden, ob und in welchem Umfang der Küstenschutz an die neuen Bedingungen angepasst werden muss. Gleichzeitig darf man den Naturschutz nicht außer Acht lassen«, sagt Professorin Katrin Rehdanz, die sich an der Kieler Universität insbesondere mit Umwelt- und Energieökonomik beschäftigt.

Die Volkswirtin gehört zu einem Universitäten übergreifenden Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Ingenieurinnen und Ingenieuren, das im Rahmen des Forschungsprojektes GoCoase am Beispiel der Ostseeküstenregion in Mecklenburg-Vorpommern untersucht, welche Maßnahmen für den Küstenschutz der Zukunft notwendig sind. Gefördert wird das dreijährige Projekt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Abwägung von Maßnahmen

»Eigentlich ist es der Lauf der Natur, dass Wasser und Wellen Sand vom Strand abtragen oder Steilküsten abbrechen. Der Sand wird ja anderswo wieder angespült«, erklärt Rehdanz. »Doch so einfach ist es nicht.« Die betroffenen Abschnitte sind oft bewohnt, werden landwirtschaftlich bearbeitet, wirtschaftlich oder touristisch genutzt. Küstenschutz ist in dem Fall notwendig. »Es gilt dennoch genau abzuwägen, welche Maßnahmen sinnvoll und notwendig sind und welche Kosten sie verursachen. Genauso gilt es abzuwägen, was die Menschen in der Region und deutschlandweit bereit sind, für den Schutz der Küste in Kauf zu nehmen«, sagt die Kielerin.

Um Antworten zu finden, setzt das Projektteam auf öffentliche Workshops und deutschlandweite Umfragen. »Wir arbeiten zudem eng mit dem Land Mecklenburg-Vorpommern, dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Mittleres Mecklenburg, dem Verband Mecklenburger Ostseebäder, dem Bauernverband und anderen Entscheidungsträgern von der Gemeinde- bis zur Landesebene zusammen«, so die Professorin. »Wir wollen möglichst viele Menschen miteinbeziehen, um einschätzen zu können, wie potenzielle Anpassungen des Küstenschutzes an den Klimawandel bewertet werden. Das ist ein erster Schritt, um später mögliche Konflikte zu vermeiden und die Maßnahmen umzusetzen, die eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung finden.« Denn es sei über kurz oder lang unvermeidlich, für den Schutz der Küste Flächennutzungspläne zu ändern oder eine bestehende Ortschaft, ein Haus oder einen Acker aufzugeben.

Befragungen als Entscheidungshilfe

Gemeinsam mit Dr. Jürgen Meyerhoff von der TU Berlin und Andrea Wunsch von der CAU ist das dreiköpfige Team für die Befragung der Bevölkerung zuständig. »Uns interessiert, welchen Stellenwert der Küstenschutz für die Menschen in Deutschland hat, welche Maßnahmen in welcher Größenordnung – wie beispielsweise der Umfang von Deicherhöhungen oder die Menge an Sandvorspülungen – die Menschen bevorzugen und welche Summe sie hypothetisch dafür bereit wären zu zahlen.« Rund 2.100 Personen aus allen Altersgruppen, Einkommensschichten und Teilen Deutschlands wurden im April 2020 online befragt. »Die Antworten dieser repräsentativen Umfrage liegen jetzt vor.«

Danach war die überwiegende Mehrheit der Befragten schon einmal an der Nord- oder der Ostsee (84 Prozent). Begriffe wie Dünen und Deiche sind 90 Prozent der Befragten bekannt, werden in der Umfrage aber noch einmal erklärt. Die Mehrheit (80 Prozent) ist dafür, die heutige Küstenlinie durch Schutzmaßnahmen auf jeden Fall zu erhalten. Allerdings halten es 74 Prozent für unvermeidlich, dass die Menschen sich langfristig aufgrund der Folgen des Klimawandels von der Küste zurückziehen müssen. Daher sind 90 Prozent dagegen, dass neue Siedlungen in unmittelbarer Nähe zum Meer gebaut werden.

Spannend findet Rehdanz auch die Aussagen zu den Kosten. »Etwa ein Drittel der Befragten stimmt zu, dass nur die jeweiligen Bundesländer die Kosten für die zusätzlichen Schutzmaßnahmen tragen sollten und nicht alle Bürgerinnen und Bürger.« Weitere Aussagen werden sich erst nach der vollständigen Auswertung treffen lassen.

Auch die Ergebnisse der anderen Gruppen des Projektteams stehen noch aus. Eine gemeinsame Veröffentlichung soll Anfang 2021 erfolgen und nicht nur den Entscheidungsträgern in Mecklenburg-Vorpommern als Entscheidungshilfe zur Verfügung gestellt werden, sondern allen Interessierten. Denn die Ergebnisse könnten dem ganzen Norden helfen, den Küstenschutz zu verbessern.

Autorin: Jennifer Ruske

Küstenschutz der Zukunft

Das Forschungsprojekt GoCoase (Laufzeit: 2018–2021) untersucht für die deutsche Ostseeküstenregion in Mecklenburg-Vorpommern mögliche Anpassungsstrategien an den Klimawandel. In GoCoase werden in enger Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Mittleres Mecklenburg (StALU MM), dem Verband Mecklenburgischer Ostseebäder (VMO) und weiteren Entscheidungsträgern von der Gemeinde- bis zur Landesebene Anpassungsstrategien erarbeitet und bewertet. Projektpartner sind die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit dem Institut für Umwelt-, Ressourcen- und Regionalökonomik (Projektkoordination), die Technische Universität Berlin mit dem Fachgebiet Landschaftsökonomie, die Leibniz Universität Hannover mit dem Ludwig-Franzius-Institut für Wasserbau, das Ästuar- und Küsteningenieurwesen und die EUCC – Die Küsten Union Deutschland. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt das Projekt mit 852.000 Euro. Projektträger ist das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). (JR)

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