> NACHGEHAKT

Begehrte Innenstadtlagen

Unter dem Titel  „Stadt, Land, Flucht“ berichtete die „unizeit" vor zehn Jahren über den Trend zur Reurbanisierung. Dieser Boom der Städte hält an. Zu Gründen und Konsequenzen hat die „unizeit" bei Professor Rainer Wehrhahn nachgehakt.

Was vor zehn Jahren nur der Beginn einer Entwicklung hin zum städtischen Wohnen war, ist heute unübersehbar: „In allen Stadtgrößenklassen beobachten wir einen Trend zum Bevölkerungswachstum“, sagt Professor Rainer Wehrhahn. Dem gegenüber stehe eine zunehmende Entleerung im peripheren ländlichen Raum, von der die Umgebung großer Metropolen, die sogenannten Speckgürtel, ebenfalls profitieren. „Dort stellen wir auch in kleineren Städten demographisches Wachstum fest.“

Kurz gesagt: Städte wachsen und Dörfer schrumpfen. Der Experte für Stadt- und Bevölkerungsgeographie an der Kieler Universität verwendet hierfür den Begriff Reurbanisierung. „Nach einer Phase unterschiedlich intensiver Schrumpfung der meisten Kernstädte sehen wir seit 10 bis 15 Jahren zum Teil sehr hohe Bevölkerungsgewinne der meisten deutschen Stadtregionen.“

Die Gründe dafür leuchten ein. Städte bieten gute Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten sowie eine Vielzahl von Betreuungsmöglichkeiten für Kinder. Sie punkten durch vielfältige Sport- und Freizeitangebote und halten auch für die ältere Bevölkerung Versorgungsangebote parat. Schulen, Kindergärten und Arztpraxen, Sportvereine, Jugendgruppen und kulturelle Einrichtungen – an all dem mangelt es in dörflichen Gegenden. Wehrhahn: „Diese Defizite spielen eine wesentliche Rolle für die Reurbanisierung. In Schrumpfungsgebieten verschwindet nicht nur die Verkehrsinfrastruktur, sondern auch die soziale und ökonomische Infrastruktur. Und wenn dieser Prozess erst mal in Gang gesetzt wurde, ist es unglaublich schwer, ihn aufzuhalten.“

Um einen sozialen Ausgleich zu schaffen, muss der Staat regulierend eingreifen.

Rainer Wehrhahn

Viele Arbeitsplätze konzentrieren sich auf die städtischen Zentren und die Vororte. Dort finden die Unternehmen, was sie benötigen, eine gute Verkehrsanbindung, die Nähe zu Kunden und qualifizierte Arbeitskräfte. „Aus Nachhaltigkeitsgründen macht es schon Sinn, wenn Ökonomie und Bevölkerung in größeren Städten gehalten werden. Eine Verbreiterung würde nur zu mehr Verkehr und Flächenverbrauch führen“, erklärt der Geograph. „Aus politischen und sozialen Gründen ist es andererseits natürlich auch wichtig, entlegenere ländliche Gebiete nicht aufzugeben“.

Und er führt noch einen weiteren Grund für die steigende Attraktivität von Städten an: Wohnen als Investitionsobjekt. „Der Wohnbereich ist der letzte Bereich, in den es sich im Moment noch lohnt zu investieren. Das heißt, nationales und globales Finanzkapital drängt in Wohnungsmärkte, so dass es zu dieser investorengetriebenen Stadtentwicklung kommt. Und das ist eine Entwicklung, die von lokalen Akteuren kaum beeinflusst werden kann.“

Die Kehrseite des Städte-Booms sind Wohnraummangel und steigende Mieten. Vor allem für Haushalte mit geringen Einkommen ist das Wohnungsangebot rar. Hier sieht der Wissenschaftler die Kommunen in der Pflicht, „weil sie auf der einen Seite in den letzten 15 Jahren keine Sozialwohnungen gebaut und auf der anderen Seite die kommunalen Wohnungen und Flächen verkauft haben. Um einen sozialen Ausgleich zu schaffen, muss der Staat regulierend eingreifen.“ Mietpreisbremse oder Milieuschutzsatzungen sind solche regulierenden Instrumente, ein weiteres ist die Quote für Sozialwohnungen bei Neubauprojekten. „Es gibt für die Zukunft für mich nur die Möglichkeit, den öffentlichen Wohnungsbau rasch umzusetzen. Das heißt, kommunale Wohnungsbaugesellschaften zu stärken beziehungsweise neu zu gründen, so dass man von Seiten der öffentlichen Hand günstigen Wohnraum zur Verfügung stellen kann, anstatt teure Mietzuschüsse zu zahlen.“

Und tatsächlich tut sich einiges in den Innenstädten. So werden etwa in München oder Hamburg ehemalige Bahnflächen oder Industriebrachen zu Wohngebieten umgewandelt. Wehrhahn: „Es gibt von Seiten der Stadtpolitik schon Ideen, wie man das Wohnen in der Stadt fördern kann. Das ist auch notwendig, weil es für die Entwicklung der bestehenden Flächen keine Alternativen gibt.“ Der typische innerstädtische Einzelhandel geht zunehmend zurück. „Von größerer Bedeutung für die Innenstädte sind mittlerweile Events und Gastronomie, in jeder Form. Und das versucht man in Kombination mit Wohnen in der Innenstadt zu fördern.“ Beispielhaft dafür sei das Bauprojekt am Kieler Bootshafen. Wichtig sei auch, bei Neubauprojekten neben hohen Quoten für niedrigpreisige Mietwohnungen die Attraktivität des Wohnumfelds zu steigern, etwa in Form von neuen Parkanlagen, wie bei der Neugestaltung des Gleisdreiecks in Berlin.

Autorin: Kerstin Nees

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