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Unsichtbarer Feind

Angst kann ein überaus nützliches Phänomen sein. Richtet sie sich aber gegen einen unbekannten, nicht greifbaren Feind wie das Corona-Virus, versagen die üblichen Mechanismen der Angst. Das kann zum Problem werden, meint der Psychologe Professor Julian Keil.

Frau mit Mundschutz desinfiziert Monitor
© iStock/valentinrussanov

Öfter mal die Tastatur oder das Telefon desinfizieren, das könnte eine ­Langzeitfolge von Corona werden.

»Wenn ein Hund zähnefletschend auf uns zurennt oder uns jemand auf aggressive Weise naherückt, funktioniert Angst wunderbar«, sagt Julian Keil. »Unser Körper stößt Adrenalin aus und gibt uns damit den Impuls zur Flucht oder auch zum Kampf«, fügt der Professor für Biologische Psychologie hinzu.

Im Idealfall bewahrt die Angst in derlei Situationen also die eigene Gesundheit oder gar das Leben, aber genau so läuft es nicht, wenn man es mit einem Virus zu tun hat. Das, so erläutert Keil, hat erst einmal viel damit zu tun, wie die Menschen sich mit dem Unbekannten auseinandersetzen. Im Normalfall erleichtern sie sich den Alltag überwiegend mithilfe automatisierter Handlungsstrategien. Zum Einkaufen im Supermarkt holt man sich erst einen Wagen, füllt ihn an den Regalen und Frischetheken, bezahlt an der Kasse und wechselt vielleicht noch ein paar freundliche, aber belanglose Worte mit der Kassiererin oder dem Kassierer. All diese Dinge geschehen in hohem Maße unbewusst – und stellen sich laut Keil bei Bedrohungen wie durch Corona plötzlich völlig anders dar: »Am Eingang ist vielleicht ein Türsteher postiert, man muss Abstand halten, fühlt sich bedroht von Menschen, die einem zu nahe rücken, weiß nicht genau, ob man den üblichen Smalltalk an der Kasse führen oder lieber darauf verzichten sollte.« All das bereitet zunächst einmal Stress, weil in einer solchen Situation entgegen aller Gepflogenheiten über jede einzelne Handlung nachgedacht werden muss. Hinzu kommt: Ebenso wie ein angriffslustiger Hund stellt Corona zwar eine Bedrohung dar, doch die ist unsichtbar und lässt sich weder durch Kampf noch durch Flucht überwinden. »Unser Angstsystem ist nicht auf eine solche Art von Gefahr ausgerichtet«, beschreibt Professor Keil das Dilemma. Die drohende Folge ist so naheliegend wie bedenklich, denn eine stetig präsente Bedrohung kann zu permanenter Übererregung führen. »Das ist tatsächlich auch körperlich nicht gesund«, verweist Keil auf mögliche Auswirkungen wie Neurodermitis oder Verdauungsprobleme.

Notgedrungen lassen sich die Leute aber etwas einfallen, um irgendwie klarzukommen. Je nach Persönlichkeit ignorieren sie die Bedrohung und nehmen gar keine oder hauptsächlich verharmlosende Nachrichten dazu zur Kenntnis. Andere wiederum versuchen ihre Angst in Aktionismus umzusetzen und machen sich beispielsweise mit Hingabe zu allerlei Hamsterkäufen auf. »Das bringt zwar in der Sache wenig, aber man hat das Gefühl der Selbstwirksamkeit«, erläutert Keil den Effekt.

Unser Angstsystem ist nicht auf eine solche Art von Gefahr ausgerichtet.

Julian Keil

Sinnvolle Dinge zu tun und auf diese Weise zu erleben, dass man der Bedrohung doch nicht völlig hilflos ausgesetzt ist, bringt derweil am meisten und wird nach dem Eindruck des Experten tatsächlich auch von sehr vielen Menschen umgesetzt. Häufig die Hände waschen, immer wieder Alltagsgegenstände desinfizieren, Masken tragen, die privaten Kontakte sorgfältig auswählen, das sind aus Sicht von Keil durchweg rationale und zugleich emotional stabilisierende Methoden für den Umgang mit einem Virus.

Die in der Konsequenz existenzielle Gefahr macht die Besonderheit einer Pandemie wie Corona aus, meint Julian Keil, aus dessen Sicht die lange Zeit sehr lückenhaften wissenschaftlichen Kenntnisse über dieses Virus erschwerend hinzukommen. Unbekannten und von ihm selbst nicht beeinflussbaren Situationen setze sich der Mensch zwar auch sonst aus, doch fast immer lassen sich dabei die Risiken recht rational einordnen. Wer im Flugzeug sitzt, legt sein Schicksal zwar in die Hand des Piloten oder der Pilotin, weiß aber genau, dass das Wagnis mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu überleben ist. Auch Reisen zu sehr exotischen Orten mögen das eine oder andere mulmige Gefühl bereiten. Gewertet wird das laut Keil jedoch zumeist als prickelndes Abenteuer – zumal im Ernstfall jederzeit die Rückkehr in die sichere Heimat möglich ist.

Julian Keil
© Katja Scherle

Julian Keil betrachtet die Angst vor dem Unbekannten als ganz besonderes Phänomen.


Lehrt uns Corona bei aller Gefährlichkeit dennoch etwas Positives? »Ich hoffe es«, meint Professor Keil und denkt dabei an eine im Idealfall dauerhaft andere Sicht auf das, was wichtig ist im Leben: »Das fängt bei der Hygiene an und geht mit der Wertschätzung für soziale und Dienstleistungsberufe weiter«, sagt der Wissenschaftler. Und mit Glück, so hofft er, führt diese Krise auch langfristig zu einer stärkeren Solidarität in unserer Gesellschaft.

Autor: Martin Geist

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