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Verwundbare Versorgungsketten

In der Corona-Krise weist die globale Vernetzung der Wirtschaft Schwachstellen in der Versorgung auf. Zeitweilige Lieferengpässe beim Toilettenpapier gehören aber nicht dazu.

Gepäckpalette vor Flugzeug
© iStock/Chalabala

Der stark eingeschränkte Flugverkehr während des Corona-Shutdowns hat die Lieferketten zusätzlich geschwächt. Denn die Transportkapazitäten in den Frachträumen der Passagiermaschinen fielen größtenteils weg.

Die Volksrepublik China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner. 2019 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Waren im Wert von 205,7 Milliarden Euro zwischen beiden Staaten gehandelt. Bei den Einfuhren standen Güter »Made in China« mit einem Wert von fast 109,7 Milliarden Euro an erster Stelle. China ist Absatzmarkt für deutsche Produkte, ein bedeutender Produktionsstandort für deutsche Industriefirmen und der Anfang vieler globaler Lieferketten. Diese Daten machen klar: Wenn die chinesische Wirtschaft ins Schlingern gerät, trifft das auch Deutschland und alle anderen Handelspartner.

Problematisch sind diese Abhängigkeiten insbesondere für das Funktionieren von Lieferketten. Als in China aufgrund der Corona-Pandemie die Fabriken stillstanden, fehlten anderswo Vorprodukte etwa für die Herstellung von Elektronikartikeln, Kleidungsstücken oder Medikamenten. »Für die Elektronikindustrie sitzen in China sehr viele Zulieferbetriebe. Wenn die dichtmachen, und Wuhan ist eins der Zentren für elektronische Bauteile, dann steht auch anderswo die Produktion still«, erklärt Professor Horst Raff vom Institut für Volkswirtschaftslehre. Aber, sagt Raff, »ganz so vernetzt, wie man das häufig darstellt, ist die Welt dann doch nicht. Denn viele Lieferketten sind ausgesprochen regional.« So sei Deutschland das Zentrum von Lieferketten in Europa und sehr stark mit den Nachbarländern vernetzt, China sei vor allem mit Japan, Korea und Taiwan eng verbunden und die USA mit Kanada und Mexiko. »Wenn Italien oder Frankreich dichtmachen, ist das für die deutsche Volkswirtschaft viel dramatischer«, betont der Professor für Mikroökonomie. »Und das betrifft dann auch sehr viele andere Branchen«, wie sein Kollege Professor Frank Meisel vom Institut für Betriebswirtschaftslehre ergänzt. »Dann sind wir auch ganz schnell bei Nahrungsmitteln oder Ähnlichem, das wir nicht aus China oder Südostasien beziehen, sondern von unseren regionalen Partnern.« Meisel ist Professor für Supply Chain Management und hält zusammen mit seinem Kollegen aus der Volkswirtschaft eine Vorlesung zu Ökonomie und Management von globalen Lieferketten (Economics and Management of Global Supply Chains). Die Folgen der Pandemie für Handel und Wirtschaft waren Thema in ihrer ersten Onlinevorlesung im Sommersemester.

Ganz so vernetzt, wie man das häufig darstellt, ist die Welt dann doch nicht. Denn viele Lieferketten sind ausgesprochen regional.

Horst Raff

Ein Beispiel für eine sehr verletzliche Lieferkette ist die der Autoindustrie, an der bis zu tausend Zulieferbetriebe hängen. Das Gros der Zulieferer für deutsche Werke sitzt zwar in Europa, aber auch aus China kommen wichtige Teile, speziell elektronische Komponenten. Und letztlich reicht es, wenn einer nicht liefern kann. »Autos werden heutzutage nach Just-in-Time-Prinzipien gefertigt. Wenn die Montagewerke nicht genau die passenden Teile pünktlich von ihren Zulieferern bekommen, weil diese temporär schließen mussten, dann können sie auf nichts anderes zurückgreifen. Dann muss die Produktion über das gesamte Liefernetz runterfahren. Entweder arbeiten alle oder keiner«, sagt Frank Meisel.

Die Corona-Pandemie sorgte aber nicht nur für unterbrochene Lieferketten, sondern führte auch zu einer steigenden Nachfrage nach bestimmten Gütern. Bei Schutzmasken kam beides zusammen. »Auch wenn der Bedarf für Schutzmasken und dergleichen enorm gestiegen war, konnten die Produktionskapazitäten nicht einfach um ein Vielfaches hochgefahren werden«, sagt Meisel. »Denn auch hinter dieser Produktion stehen Lieferketten. Und wenn die dafür notwendigen Materialien aus anderen Regionen nicht zugeliefert werden können, führt das zu Engpässen.« Hinzu kommen Transportprobleme. Containerschiffe brauchen zu lange, und Passagierflugzeuge, die solche Waren in ihrem Frachtraum transportieren könnten, flogen zeitweise kaum noch.

All diese Aspekte spielten übrigens beim Toilettenpapier keine Rolle. Das Problem war, dass es wegen der Hamsterkäufe auf einmal einen sehr großen Bedarf gab. Die Bestände wurden in den Handel gegeben und schneller verkauft, als nachproduziert werden konnte. Es war aber klar, dass diese Nachfrage nicht nachhaltig sein würde. Irgendwann sind die Haushalte ausreichend versorgt, so dass über Monate hinweg weniger Toilettenpapier in den Geschäften nachgefragt wird. »Deswegen ist es für derartige Unternehmen auch nicht von Interesse, zu investieren, um ihre Produktionskapazitäten zu erweitern«, so Meisel. Solche Nachfrageschwankungen, die sich in Lieferketten sehr stark aufbauen und verstärken können, sind ein bekanntes Phänomen im Lieferkettenmanagement und werden als Bullwhip(Peitschen)-Effekt bezeichnet.

Trotz vieler Schwierigkeiten und Engpässe – die Corona-Pandemie wird nicht das Ende der Globalisierung einläuten. Davon geht Horst Raff aus. »Es ist ja schon sinnvoll, dass Güter, die in China sehr viel günstiger hergestellt werden können, dort auch produziert werden. Die internationale Arbeitsteilung bringt so große Vorteile mit sich, dass man davon nicht abrücken wird.« Aber ein Umdenken wird es vermutlich schon geben. »Bei vielen Unternehmen hat man Lieferketten nach Just-in-Time-Prinzipien organisiert. Um sie auf Effizienz zu trimmen, wurden Lagerbestände stark abgebaut. Ich bin mir nicht sicher, ob das nach der Krise noch mit der gleichen Vehemenz verfolgt werden wird.« Frank Meisel empfiehlt die Transparenz von Lieferketten im Auge zu haben. Unternehmen sollten sich intensiver der Frage widmen, wie ihre Lieferkette aussieht. »Viele produzierende Unternehmen kennen noch ihre Zulieferer, aber im Zweifel nicht mehr die Zulieferer der Zulieferer. Und wenn man künftig Bestände anlegen möchte, dann ist das dort am sinnvollsten, wo mit einem Ausfall von Kapazitäten zu rechnen ist.«

Autorin: Kerstin Nees

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