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Suche nach Entzündungsursachen

Was sind Auslöser und frühe Anzeichen chronisch entzündlicher Darmerkrankungen (CED)? Das herauszufinden, ist Ziel der CED-Familienstudie. Besonders im Fokus stehen Ernährung, Lebensstil und Darmbakterien.

Zentrifuge mit Proben
© pur.pur

In einer solchen Zentrifuge werden Blut- und Stuhlproben von Erkrankten und deren gesunden Familienangehörigen für die weitere Analyse vorbereitet.

Schätzungsweise 400.000 Menschen in Deutschland haben eine chronisch entzündliche Darmkrankung. Die zwei häufigsten Formen sind Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Erkrankte leiden unter anderem an schweren, langanhaltenden Durchfällen, starken Bauchschmerzen und allgemeiner körperlicher Schwäche. Warum sich der Darm bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa immer wieder entzündet, ist nicht endgültig geklärt. Klar ist: Die Erkrankungen haben nicht eine einzige Ursache, sondern entwickeln sich aufgrund einer genetischen Veranlagung in Kombination mit Umwelt- und Lebensstilfaktoren. Auch eine gestörte Darmbarriere (also der Schutz vor Keimen oder schädlichen Substanzen aus dem Darm) spielt eine Rolle

Wir wollen genauer verstehen, was dazu beiträgt, dass manche Familienangehörigen an CED erkranken, während andere gesund bleiben.

Wolfgang Lieb

Die auslösenden Faktoren zu finden, ist ein wichtiges Forschungsziel: »Sie sind der Schlüssel zur Prävention«, betont Professor Wolfgang Lieb, der das Institut für Epidemiologie leitet. Im Verdacht stehen etwa ein verändertes Spektrum von Infektionen im Kindesalter und ein erhöhter Antibiotikaeinsatz ebenso wie die Ernährungs- und Hygienegewohnheiten oder auch die Zusammensetzung der Darmflora.

Mit dem Ziel, Risikofaktoren und Prädiktoren für chronisch entzündliche Darmerkrankungen zu identifizieren, wurde in Kiel 2013 mit dem Aufbau der CED-Familienstudie begonnen. Aufgenommen in die Studie werden Patientinnen und Patienten mit entsprechenden Erkrankungen sowie deren Eltern, Kinder und Geschwister. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung haben Angehörige ersten Grades ein 10- bis 20-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko.

Durch langfristige wissenschaftliche Begleitung gesunder Familienangehöriger sollen Lebens- und Ernährungsgewohnheiten aufgedeckt werden, die mit der Krankheitsentstehung zusammenhängen. In Blut- und Stuhlproben wird nach Markern gesucht, die den Ausbruch der Erkrankung vorhersagen könnten. »Mit unserem Ansatz können wir gesunde Personen, die eine etwas erhöhte Wahrscheinlichkeit haben, CED zu bekommen, langfristig wissenschaftlich begleiten«, erklärt Lieb, der sich auch im Vorstand des Exzellenzclusters »Precision Medicine in Chronic Inflammation (PMI)« engagiert.

Forscherin im Labor
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Ein besonderes Augenmerk der Studie liegt auf der Analyse des Darmmikrobioms.

 

»Wir wollen genauer verstehen, was dazu beiträgt, dass manche Familienangehörigen an CED erkranken, während andere gesund bleiben«, verdeutlicht Lieb. Außerdem besteht durch die Untersuchung gesunder Personen die Möglichkeit, erste Anzeichen der Krankheiten aufzuspüren, die den Symptomen vorausgehen. »Daher sammeln wir von den Familienangehörigen regelmäßig Daten zum Lebensstil, Gesundheitsdaten und Bioproben«, ergänzt die Studienkoordinatorin Dr. Janna Enderle. Wenn eine Person im Lauf der Studie erkrankt, kann untersucht werden, ob es in den Bioproben, die vor Krankheitsbeginn gesammelt wurden, bereits Auffälligkeiten gibt, die als eine Art Frühwarnsystem fungieren können. Zurzeit umfasst das Studienkollektiv etwa 2.000 Patientinnen und Patienten sowie 2.000 Angehörige.

Ein besonderes Augenmerk der Studie liegt auf der Analyse des Darmmikrobioms, also der Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm. Die mikrobielle Besiedlung des Darms ist bei Patientinnen und Patienten mit CED im Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich verändert, insbesondere ist die Vielfalt der Spezies vermindert. Unklar ist, ob diese Veränderungen Folge oder Ursache der Erkrankung sind. »Die Hoffnung ist, im Stuhl eine Art Biomarker zu finden«, erklärt Dr. Corinna Bang, die am Institut für klinische Molekularbiologie das Mikrobiomlabor leitet. »Wenn die veränderte Darmmikrobiota krankheitsauslösend ist, ergibt sich eine neue Behandlungsoption. Und wenn sie ein Symptom der Erkrankung ist, wäre das diagnostisch wertvoll.« Die detaillierte Untersuchung der Stuhlproben ist noch nicht abgeschlossen. Aber ein Ergebnis gibt es bereits: Auch klinisch gesunde Verwandte von CED-Patientinnen und -Patienten haben eine verringerte Vielfalt des Mikrobioms.

Im Verlauf der ersten Jahre der Studie sind vier Personen an CED erkrankt, die zu Studienbeginn noch gesund waren. Die detaillierten Analysen der Stuhl- und Blutproben dieser neuen Fälle laufen noch. Bang: »Wir haben herausgefunden, dass bestimmte Entzündungsmarker im Stuhl, wie das Calprotectin, schon zu Beginn der Studie erhöht war, als die betreffenden Personen noch gesund waren.«

Autorin: Kerstin Nees

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen

Bei Morbus Crohn kann die Entzündung den gesamten Verdauungstrakt, von der Mundhöhle bis zum After, betreffen. Bei der Colitis ulcerosa ist ausschließlich die Schleimhaut des Dickdarms entzündet. Die Krankheiten brechen besonders häufig im Alter von 15 bis 35 Jahren aus und verlaufen meist schubförmig. In akuten Krankheitsschüben leiden Betroffene an häufigen, schweren Durchfällen sowie starken Schmerzen im Unterleib. Fieber, grippeähnliche Beschwerden sowie Gewichtsverlust, anhaltende Erschöpfung und Kraftlosigkeit sind häufige Begleiterscheinungen. Auch an anderen Stellen können Entzündungen auftreten, zum Beispiel an Haut, Gelenken oder Augen.

Die Erforschung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen ist seit rund zwei Jahrzehnten ein Forschungsschwerpunkt in Kiel. An der Aufklärung der genetischen Faktoren und molekularen Krankheitsmechanismen waren und sind Forscherinnen und Forscher des Exzellenzclusters PMI und des vorangegangenen Clusters »Inflammation at Interfaces« maßgeblich beteiligt. (ne)

CED-Familienstudie-Kiel

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