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Eine Esche macht noch keinen Wald

... sie braucht Gesellschaft. Das Forschungsprojekt FraDiv untersucht, wie sich das Eschentriebsterben auf die Artenvielfalt unserer Wälder auswirkt, und welche waldbaulichen Maßnahmen die Eschen sowie die biologische Vielfalt eschenreicher Waldbestände schützen. Dafür wurden jetzt 25.200 Bäume gepflanzt.

Blätter und Wurzel einer Esche
© emer1940/iStock

Kann die Esche gerettet werden? – »Das ist die falsche Frage«, stellt Ökologin Dr. Katharina Mausolf sofort klar. Sie ist die wissenschaftliche Koordinatorin des CAU-Projekts »Bedeutung des Eschentriebsterbens für die Biodiversität von Wäldern und Strategien zu ihrer Erhaltung«, FraDiv genannt. »Es geht zunächst darum, festzustellen, in welchem Ausmaß die große Artenvielfalt in eschenreichen Wäldern vom Eschentriebsterben betroffen ist und welche Maßnahmen zur Erhaltung dieser Artenvielfalt beitragen können. Außerdem möchten wir herausfinden, in welcher Baumgemeinschaft die Esche am ehesten Überlebenschancen gegen die Krankheit hat«, erklärt Mausolf.

In Wäldern, in denen die Gemeine Esche (Fraxinus excelsior) optimal gedeiht, ist der Artenreichtum an Pilzen, Pflanzen und Tieren meistens besonders hoch. Hier leben zudem viele seltene und vom Aussterben bedrohte Arten. Allerdings breitet sich, so Mausolf, seit den neunziger Jahren ein Pilz – das Falsche Weiße Stängelbecherchen (Hymenoscyphus fraxineus) – in Europa aus und infiziert nahezu alle Eschen, unabhängig von ihrem Alter. Der Befall führt dazu, dass zunächst einzelne Asttriebe des Baumes nicht mehr versorgt werden können und absterben. Im schlimmsten Fall stirbt der ganze Baum ab – oder häufig sogar ganze Waldbestände. So geschehen in einem Waldstück der Gutsverwaltung Harzhof bei Holtsee: Eine Lichtung ist entstanden, weil unzählige kapitale Eschen gestorben sind oder vorher gefällt wurden. Mausolf und zwei weitere Projektmitarbeiterinnen, Doktorandin Katharina Haupt und Biologiestudentin Franziska Fischer, pflanzen in dieser Auflichtung Bäume in unterschiedlichen Kombinationen an: darunter neben neuen Eschen auch die potenziellen Ersatzbaumarten Flatterulme, Hainbuche, Spitzahorn und Winterlinde.

Frau mit Klemmbrett im Wald
© Karena Hoffmann-Wülfing

Biologiestudentin Franziska Fischer verteilt junge Eschenbäume auf einer Waldlichtung bei Holtsee. Dies geschieht streng nach dem Auspflanzplan, den sie auf einem Klemmbrett bei sich trägt.

Für FraDiv werden in zwölf Wäldern Schleswig-Holsteins insgesamt 252 hundert Quadratmeter große Testflächen mit jeweils hundert jungen Bäumchen bepflanzt.

»Heute setzen wir die letzten von 25.200 Bäumen«, erzählt Mausolf stolz am Anfang dieses Jahres – und sie ist erleichtert. Denn seit Dezember waren sie und ihr Team aus dem Institut für Ökosystemforschung nahezu täglich unterwegs, um die Versuchsflächen einzurichten und zu bepflanzen. »Teilweise waren wir zwölf Stunden am Tag draußen. An einem Tag haben wir 2.200 Bäume gepflanzt. Ich weiß gar nicht, wie wir das geschafft haben«, erzählt Landschaftsökologin Haupt. Es gibt Monokulturen und Mischungen aus zwei, vier oder auch allen fünf Arten. Streng nach Vorgabe werden die Bäumchen verteilt und eingegraben. Masterstudentin Fischer führt Protokoll und trägt auf einem Klemmbrett den Auspflanzplan für jeden Versuchsplot bei sich.

In den nächsten Monaten und Jahren werden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Projektleiterin Professorin Alexandra Erfmeier und Projektleiter Professor Joachim Schrautzer die jungen Bäume beobachten und vermessen, die Vielfalt der Pflanzen und Pilze aufnehmen und den Boden unter die Lupe nehmen, um die komplexen abiotischen und biotischen Interaktionen in diesem Waldökosystem zu analysieren. Oft konnte beobachtet werden: Je größer die Artenvielfalt in einem Ökosystem, desto robuster und widerstandfähiger ist es gegenüber Störungen durch Umweltveränderungen oder Krankheitserregern. Auch bei den Eschen weiß man, dass manche Individuen besser mit der Pilzerkrankung zurechtzukommen scheinen als andere. FraDiv untersucht, ob auch die Gesellschaft, in der die Esche wächst, einen Einfluss auf ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Pilz hat. So sollen Aussagen darüber getroffen werden können, ob Eschen in bestimmten Baumart-Mischungen (von Monokulturen bis Vielartmischungen) höhere Überlebenschancen haben.

Das Projekt beinhaltet neben den experimentellen Ansätzen auch umfangreiche Dauerbeobachtungsflächen in Waldbeständen in ganz Schleswig-Holstein. Die Versuchspflanzungen werden die Bedeutung der Vielfalt innerhalb der Bäume für die Vitalität der Baumgesellschaften beleuchten. Außerdem werden sie Hinweise zum optimierten Waldmanagement geben können.

Autorin: Karena Hoffmann-Wülfing

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Das Eschen(trieb)sterben oder die Eschenwelke

Was ist der Auslöser? Das Falsche Weiße Stängelbecherchen (Hymenoscyphus fraxineus) gehört zu den Echten Schlauchpilzen. Die Bäume werden von dem (Neben-)Fruchtkörper Chalara fraxinea befallen.

Welche Bäume werden befallen? Gemeine Esche (Fraxinus excelsior) und Schmalblättrige Esche (Fraxinus angustifolia)

Wo liegt das Verbreitungsgebiet? Deutschland, Großbritannien, Österreich, Polen, Schweiz, Skandinavien, Slowenien, Tschechien

Was macht Hymenoscyphus fraxineus? Über Sporen befällt der Pilz die Leitungsbahnen der noch lebenden Blätter, die Triebe und später auch die verholzten Teile des Eschenbaums.

Wie macht sich die Erkrankung bemerkbar? An Zweigen und Stämmen sind zunächst abgestorbene Flecken zu sehen, später welken die Blätter und fallen ab. Im weiteren Verlauf sterben besonders die Spitzentriebe ab und knicken um. Die abgestorbenen Zweige zeigen eine gelbliche oder rötliche Verfärbung. Besonders gut sichtbar sind die Fruchtkörper des Pilzes auf der mittleren Hauptblattader der abgeworfenen gefiederten Eschenblätter.

Zahlen, Daten, Fakten

Projektname: FraDiv (Bedeutung des Eschentriebsterbens für die Biodiversität von Wäldern und Strategien zu ihrer Erhaltung)

Laufzeit: 02.2019–01.2025

Finanzvolumen: 2,4 Mio. Euro

Förderung: durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit im Bundesprogramm »Biologische Vielfalt«

Gepflanzte Bäume: 25.200, je Art 5.040

Pflanzzeitraum: 02.12.2019 bis 21.01.2020 an 24 Arbeitstagen

Baumarten: fünf Arten – Gemeine Esche (Fraxinus excelsior), Flatterulme (Ulmus laevis), Hainbuche (Carpinus betulus), Spitzahorn (Acer platanoides), Winterlinde (Tilia cordata)

Pflanzung: in Monokultur (einsortig) oder als Mischung

Versuchsflächen Schleswig-Holstein: 12 ehemals eschenreiche Waldgebiete zwischen Gelting und Eutin im östlichen Schleswig-Holstein (Praxispartner: Forstbetriebsgemeinschaft Eckernförder Bucht und Herzoglich Oldenburgische Forstverwaltung), insgesamt circa 14 Hektar

Versuchsplots (zehn mal zehn Meter): insgesamt 264, davon 252 mit 100 Bäumchen pro Versuchsplot bepflanzt und 12 Kontrollplots ohne Neuanpflanzung

Team: sechs bis acht Personen: Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler, Forstwirtinnen und Forstwirte und freiwillige Helferinnen und Helfer

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