unizeit Schriftzug

Farbenprächtig und hoch gehandelt

Eine Reise in die Berge Kasachstans weckte das Interesse des Ökologen und Fotografen Dr. Andreas Mieth für Tulpen. Die Heimat und Geschichte der beliebten Frühjahrsblüher präsentiert er bei Vorträgen für die Universitätsgesellschaft.

Feld mit Hunderttausenden von Tulpen
© Dr. Andreas Mieth

Zwei Milliarden Tulpenzwiebeln im Jahr produzieren die Niederlande inzwischen, ungefähr zwei Drittel der Weltproduktion.

Leuchtend rot, gelb oder orange, gefranste Blütenblätter oder gefüllte Exemplare – ein Strauß farbenprächtiger Tulpen bringt den Frühling in die Wohnung. Und das für wenig Geld. Kaum zu glauben, dass vor rund 400 Jahren im Goldenen Zeitalter der Niederlande Tulpenzwiebeln ein Spekulationsobjekt waren, wie Dr. Andreas Mieth vom Institut für Ökosystemforschung der CAU berichtet. »Gehandelt wurden Tulpenzwiebeln in Kneipen, Tavernen und Spelunken in Amsterdam und Haarlem. Der reichlich fließende Alkohol mag dazu beigetragen haben, dass die Preise für Tulpenzwiebeln und auch die Art der Geschäftsabwicklungen, allmählich aus dem Ruder zu laufen begannen.« Der Höhepunkt der Spekulation war 1637 erreicht. Eine einzige Zwiebel der seltenen Sorte »Semper Augustus« kostete damals zehntausend Gulden, soviel wie ein Stadthaus an einer vornehmen Gracht in Amsterdam. »Eine mehrköpfige Familie konnte von solch einem Betrag ein halbes Leben lang essen, wohnen und sich einkleiden«, erzählt der Kieler Wissenschaftler. Im Februar 1637 platzte dann die legendäre holländische Tulpenblase. Innerhalb weniger Wochen stürzten die Preise für Tulpenzwiebeln in den Keller. Panikverkäufe zu schlechten Preisen machten die Runde. Der Wert der Tulpenzwiebeln auf dem Papier verfiel immer schneller. Mieth: »Die Insolvenzen erfassten Zehntausende und damit weite Teile der Bürgerschaft in den reichsten Städten der Niederlande. Der Tulpenwahn, der zur ersten durch Spekulation verursachten Wirtschaftskrise in Europa führte, wurde zu einem Lehrstück der Volkswirtschaft – bis heute.«

Wertvoll waren Tulpen aber auch schon vor dieser Zeit. In Persien und im Osmanischen Reich war die Tulpe eine am Hofe geschätzte Blume, lange bevor sie in Europa bekannt wurde. Bereits im Persien um 1000 nach Christus wurden Tulpen verehrt. Dort durften laut Mieth nur Herrscher Tulpen in ihren Palastgärten kultivieren und vermehren. »Einen Höhepunkt erlebte die Tulpenverehrung in der Herrschaftszeit der Osmanen ab der Mitte des 16. Jahrhunderts. Die vorher verbotene bildliche Darstellung von Tulpen wurde jetzt erlaubt und fand zahlreich Eingang in wertvolle Keramik sowie Wandgestaltungen der Sultanspaläste in Konstantinopel. Die Gärten der Paläste waren so angelegt, dass außer den Gärtnern nur der Sultan selbst aus seinen Gemächern einen Blick auf die wertvollen Tulpen werfen konnte«, erzählt Mieth.

Die Kernheimat der wilden Tulpen sind die Länder Zentralasiens und Vorderasiens sowie Griechenland, Zypern und die Türkei. Die meisten der wildwachsenden Tulpenarten blühen in Kasachstan. Dorthin reiste Mieth in kleiner Reisegruppe, um sich auf die Spuren der Wildtulpen zu begeben. »Diese Reise hat mir einen völlig neuen Blick auf Tulpen eröffnet«, erzählt der Biologe. Beeindruckt hat ihn, dass inmitten einer trockenen Steppe oder aus einem ausgedörrten Halbwüstenboden üppige rote oder gelbe Blüten gedeihen. »Diese Blütenpracht kurz nach der Schneeschmelze im frühen Frühjahr, das ist schon sehr eindrucksvoll. Ich kann heute an keiner Tulpenblüte vorbeigehen, ohne an ihre Heimat in Zentralasien erinnert zu werden.«

Tulpen vor Bergkulisse
© Dr. Andreas Mieth

Die Zenaida-Tulpe (Tulipa zenaidae), gehört zu den seltensten Wildtulpen der Welt. Sie wächst nur in einem einzigen Tal des kirgisischen Alatau, einem Gebirgszug des Tien Shan, im Grenzgebiet zwischen Kasachstan und Kirgistan.

Nach Mittel- und Westeuropa kam die Tulpe um die Mitte des 16. Jahrhunderts aus der Türkei. Unter dem Osmanen-Herrscher Süleyman I. wurden vermutlich die ersten Tulpen aus Wildformen gezüchtet. »Und es ist sehr wahrscheinlich, dass gezüchtete Tulpen mit den Türken reisten, als diese unter Süleyman im 16. Jahrhundert in Europa einfielen und bis vor die Tore Wiens kamen«, schätzt Mieth. In Europa bekam die Blume der Türken den Namen Tulipan (türkisch tülband = Turbanband) – eine Anspielung sowohl auf die Eroberer, die sie mitbrachten, als auch auf die turbanähnliche Form der Tulpenblüte oder der Tulpenzwiebel.

Dass die Tulpe zum Symbol der Niederlande wurde, ist dem Botaniker Carolus Clusius zu verdanken. Clusius reiste damals durch ganz Europa auf der Suche nach seltenen Pflanzen, darunter auch Tulpensamen und -zwiebeln. Er wurde 1592 als Leiter des medizinisch-botanischen Gartens der Universität Leiden berufen. »Endlich hatte Clusius die Gelegenheit, auf einer bezahlten Stelle in großem Umfang der Tulpenzüchtung, -forschung und -systematisierung nachzugehen. Dies war der Ausgangspunkt der Tulpenzucht in Holland«, erklärt Mieth, der auch in die holländischen Anbaugebiete gereist ist, um das andere Ende der Geschichte zu erleben.

»Zu sehen, wie im Frühling ganze Felder von Zuchttulpen das Land in einen bunten Teppich aus Millionen von Blüten verwandeln, war ebenfalls sehr eindrucksvoll.« Die Tulpen, die auf den Freilandfeldern blühen, dienen allerdings ausschließlich der Anzucht von Zwiebeln, so Mieth. Noch auf dem Höhepunkt der Blüte werden die Köpfe der Tulpen abgemäht, damit die Tulpen ihre Kraft nicht in die Samenbildung stecken sondern in die Zwiebel. Bis zum Hochsommer können sich die Tulpenzwiebeln genährt von den Blättern in Ruhe entwickeln. Dann werden sie aus dem Boden geholt, gerenigt und von den kleinen Brutzwiebeln befreit. Die großen Zwiebeln gehen in den Verkauf, die jungen Brutzwiebeln werden im September wieder in die Erde gesetzt.

Dass die Niederlande heute den überwiegenden Teil der Tulpenzwiebeln weltweit anbauen, liege auch daran, dass die holländische Westküste optimale Anbaubedingungen biete. »Die Böden haben ähnliche Eigenschaften wie in den Halbwüsten Kasachstans. Sie sind ton- und und nährstoffreich, und sie dürfen im Sommer austrocknen.« Auch im heimischen Garten gedeihen nach Erfahrung des Biologen die Tulpen dort am besten, wo der Boden wasserzügig sei. Mieth: »In einem Lehmboden mit Staunässe wird man nicht lange Freude an den Tulpenzwiebeln haben.« Und noch einen Tipp hat er parat: »Wildtulpensorten, wie etwa Tulipa kaufmanniana, sind sehr viel ausdauernder als Zuchttulpen. Die kommen viele Jahre sehr schön wieder. Sie dürfen allerdings nur aus der Anzucht stammen und keinesfalls aus Naturbeständen«, betont Mieth.

Autorin: Kerstin Nees

Dr. Andreas Mieth: Blume der Könige, Kaufleute und Kaiser - eine Reise in die Heimat und Geschichte der Tulpen. Vortrag der Schleswig-Holsteinischen Universitätsgesellschaft (SHUG). 22. September, 20 Uhr, Glinder Mühle. Der SHUG-Vortrag am 14. Mai in Hadersleben fällt wegen der Corona-Pandemie aus.

unizeit-Suche:

In den unizeit-Ausgaben 27-96 suchen