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Vortrag über Saddam Hussein, den mystischen Sufismus und die Suche nach einem „moderaten“ Islam

Spätestens seit dem 11. September 2001 und dem darauffolgenden Aufstieg des islamistischen Terrorismus erlangte die Suche nach einem „moderaten“ – einem politisch ungefährlichen – Islam weltweit eine zentrale politische Bedeutung. Der Islamwissenschaftler Dr. David Jordan von der Ruhr-Universität in Bochum hält am Donnerstag, 16. Januar, um 18 Uhr im Audimax der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) einen Vortrag zu dem Thema „Die Suche nach einem ‚moderaten Islam‘: Saddam Husayn und der Sufismus“. Er wird über die Religionspolitik unter Saddam Husayn (Hussein) und die Rolle des Sufismus darin sprechen.

Im Irak hat das Regime der Baath-Partei unter dem Diktator Saddam Hussein (von 1979 bis 2003 irakischer Staatspräsident/Premierminister) schrittweise versucht, seine Kontrolle über die religiöse Landschaft des Landes auszudehnen. Hierbei integrierte das Regime aus verschiedenen taktischen Gründen die in der Gesellschaft fest verankerten Organisationsstrukturen des mystischen Sufismus, der meist als „unpolitisch“ dargestellt wird. Die Anhänger des Sufismus streben danach, durch religiöse Praktiken und die Erziehung des Selbst zu Lebzeiten Gott so nahe wie möglich zu kommen. Aus dieser Allianz zwischen Baath Partei und sufistischen Gruppen entstand schließlich eine Miliz, die als Naqshbandi-Armee auch heute noch aktiv ist. Sie sieht sich als Schutz-Macht der in der Minderheit lebenden Sunniten im Irak und bekämpft die aktuelle, schiitisch geprägte Regierung um Premierminister Adil Abd el-Mahdi (seit 25.Oktober 2018 im Amt) und deren Verbündete. Die Gruppierung machte in den letzten Jahren auch durch eine kurzzeitige Allianz mit der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) Schlagzeilen.

Zur Person:

David Jordan ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Orientalistik und Islamwissenschaft an der Ruhr-Universität in Bochum. Im Jahr 2013 erlangte er an der Universität Hamburg seinen Magisterabschluss in Islamwissenschaft und Philosophie. Dort forschte und lehrte er über die Bedeutung von sufistischen Familienstammbäumen und Heiligenverehrung für die politische Geschichte des Iraks („The Rifāʿiyya in 20th Century Iraq: The Role of Sufi Genealogies and Veneration of Saints in Iraqi Political History”). Im Frühjahr 2019 promovierte Jordan über die Geschichte Baathistischer Politik und das Wiederaufleben des Sufismus im Irak zu Zeiten von Saddam Hussein.

Seit 2017 ist David Jordan der Projektkoordinator des deutsch-französischen ANR/DFG-Forschungsprojekts „Die Gegenwart des Propheten: Muhammad im Spiegel seiner Gemeinschaft im frühneuzeitlichen und modernen Islam”.

Historischer Hintergrund:

Schon seit vielen Jahren kämpfen verschiedene religiöse und ethnische Gruppen im Irak gegeneinander. Insbesondere sind es zwei religiöse Gruppen, die um die Vorherrschaft gewaltsam ringen: die in der Minderheit lebenden Sunniten (35 Prozent der Bevölkerung) und die Schiiten (60 Prozent). Seit Juli 1968 führte das Regime der sunnitisch-dominierten Baath-Partei das Land – zunächst unter dem Baathisten Ahmad Hasan al Bakr, dann unter dem Diktator Saddam Husayn (Hussein). Im Jahr 2003 erfolgte dann ein Angriff der US-Alliierten. Das Baath-Regime wurde gestürzt und ein Teil der Mitglieder flüchtete ins Exil nach Syrien und andere arabische Staaten (Irak-Krieg). Die Baath-Partei wurde verboten.

Nach dem Ende des Irakkrieges gab es demokratische Wahlen, aus denen der Schiit Nuri al-Maliki als Sieger hervorging. Ministerpräsident al-Maliki wurde von einer schiitischen Allianz aus verschiedenen religiös motivierten, kampfbereiten Milizen unterstützt (Kataib-, Assaib- Imam-al-Sadr-Brigaden). Der Allianz um den Ministerpräsidenten stand seit 2014 die sunnitische Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) gegenüber. Seit dem Ende des Baath-Regimes unter Saddam Husayn im Jahr 2003 fühlen sich viele Sunniten im Irak von der Regierung ausgeschlossen. Vor dem Hintergrund zunehmender politischer Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit schlossen sich viele von diesen – darunter auch einige Mitglieder und Gruppierungen um das ehemalige Baath-Regime und dem Militär – dem IS an. Die Naqshbandi-Armee, die bewaffnete Sufimiliz der Baath-Partei, versuchte sich den Aufstieg des IS aus taktischen Gründen zu Nutze zu machen und schloss sich diesem kurzzeitig und letztlich erfolglos an. Die USA und der Iran unterstützten die schiitische Regierung um Ministerpräsident Nuri al-Maliki und dessen Nachfolger im Kampf gegen den IS. Seit August 2014 hat sich eine internationale Allianz aus westlichen und arabischen Staaten zusammengetan, um gegen den IS zu kämpfen. Noch bis Dezember 2017 kontrollierte der IS viele Regionen im Irak, schließlich wurde er in den Untergrund gedrängt.

Das Wichtigste in Kürze:

Was: Öffentlicher Vortrag über die Suche nach einem „moderaten Islam“
Wann: Donnerstag, 16. Januar 2020, 18:00 Uhr
Wo: Kiel, Christian-Albrechts-Platz 2, Audimax, Hörsaal A

Dr. David Jordan
© Joyce Karanfilian

Der Islamwissenschaftler Dr. David Jordan von der Ruhr-Universität in Bochum.

Saddam Hussein
© Pixabay

Der ehemalige irakische Diktator Saddam Hussein († 30. Dezember 2006)

Kontakt:

Professor Dr. phil. Lutz Berger
Seminar für Orientalistik, Islamwissenschaft
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
0431/880-1372
berger@islam.uni-kiel.de

Dr. Karena Hoffmann-Wülfing

Stabsstelle Presse, Kommunikation und Marketing
Sachgebiet Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation