„Es gibt praktisch fast keine NS-neutrale Predigt“

Kieler Historiker untersuchte das Wirken von Pastoren der evangelisch-lutherischen Landeskirche Schleswig-Holstein in der NS-Zeit

War die evangelische Kirche viel stärker in den Nationalsozialismus verstrickt als bisher angenommen? Zu diesem Ergebnis kommt eine annähernd 2.000 Seiten umfassende Untersuchung des Kieler Historikers Dr. Helge-Fabien Hertz. Der Wissenschaftler hat das Wirken aller 729 Pastoren der evangelisch-lutherischen Landeskirche Schleswig-Holstein in der Zeit zwischen 1933 und 1945 ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass die Befürwortung und Unterstützung der NS-Herrschaft „erstaunlich weit verbreitet waren“.

Das innerhalb von fünf Jahren am Historischen Seminar der der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) entstandene Promotionswerk von Helge-Fabien Hertz ist mehr als nur eine imposante Fleißarbeit. Erstmals überhaupt wurde eine solche Untersuchung flächendeckend für eine ganze Landeskirche vorgenommen. Und das mit einer großen Vielfalt aus qualitativen und quantitativen Methoden bis hin zur Sozialstatistik, die eigentlich in der Soziologie oder Ökonomie zu Hause ist.

Landeskirche und nationalsozialistische Propaganda

Eine neue Dimension bedeutet schon einmal die Zahl von 729 durchweg männlichen Geistlichen. Wie nahe oder fern die Pastoren dem NS-Regime standen, hat Hertz mithilfe von mehr als 120 selbstentwickelten Handlungstypen ausgewertet. Waren sie Mitglieder der NSDAP oder der SA? Bekleideten sie Ämter in diesen Organisationen? Über solch formale Kriterien hinaus lautete für den Geschichtswissenschaftler die entscheidende Frage: „Was haben die ihren Gemeinden denn vermittelt?“

„Die Antwort war zwar mit enormem Aufwand verbunden, dank guter Quellenlage aber von der Sache her machbar“, berichtet Helge-Fabien Hertz. Für seine von den Doktorvätern Professor Manfred Hanisch und Professor Rainer Hering mit der Bestnote opus eximium bewertete Arbeit nahm er sich vorrangig die Personalakten der Pastoren vor, unter anderem mit schriftlich hinterlegten Predigten und Materialen zum Konfirmandenunterricht. Mangels brauchbarer Digitalisierung der Dokumente geschah die Analyse in rein händischer Form – und führte zu einem erschreckenden Bild, für das stellvertretend dieses Zitat des Stormarner Propstes Gustav Dührkop steht: „Wer Deutscher und Christ sein will, der trete selbstlos in die vordersten Reihen und helfe des Führers Werk vollenden.“ „Es gibt praktisch fast keine NS-neutrale Predigt“, bekräftigt der 32-jährige Historiker die Dimension der Verbrüderung zwischen Kirche und NS-Diktatur.

Äußerungen gegen die jüdische Religion oder gegen jüdische Menschen an sich, die Heiligung der „Volksgemeinschaft“, die Rechtfertigung und oft genug Verherrlichung des deutschen Angriffskrieges oder auch die Verklärung von Hitler zum Propheten im Rang von Jesus Christus: All das gehört zu den eindeutigen Indizien, die sich in den Quellen finden. Das übrigens sogar häufig in den Reihen der „Bekennenden Kirche“, die meist mit dem Namen des großen Widerständlers Dietrich Bonhoeffer in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich lehnte die Bekennende Kirche in erster Linie die Gleichschaltung mit dem Staat ab, während viele ihrer Anhänger ansonsten auf NS-Linie waren.

Nordkirche unterstützt Aufarbeitung

Herausgearbeitet hat Hertz über die statistischen Erhebungen hinaus die Profile von zehn beispielhaften Pastoren. Das soll unter anderem deren individuelle Widersprüchlichkeiten vermitteln und verdeutlichen, dass bösartige Propaganda und menschenfreundliche Regungen durchaus in ein und derselben Person stecken konnten.

„Absolut umfassend unterstützt“ wurde der Geschichtswissenschaftler nach eigenen Worten bei seiner Arbeit von der Nordkirche. „Wir fördern das sehr“, versichert Oberkirchenrat Dr. Thomas Schaack, Referent für Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts. Einen großen Wert in der Untersuchung sieht der Vertreter der Nordkirche darin, „dass man die ganze Problematik jetzt viel genauer betrachten kann“.

Das dreibändige Werk „Evangelische Kirchen im Nationalsozialismus“ von Helge-Fabien Hertz ist digital im Verlag De Gruyter erschienen, als Druckausgabe ist die Publikation ab 4. April im Handel erhältlich. Ermöglicht wurde dem Autoren die Promotion durch Stipendien der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) sowie der Nordkirche. Unter www.pastorenverzeichnis.de legte er außerdem eine allgemein zugängliche Datenbank zu allen 729 Pastoren an. Das Verzeichnis enthält biographische Angaben, NS-relevante Informationen und viele weitere Quellenverweise. Das Pastorenverzeichnis Schleswig-Holstein wird gefördert von der Nordkriche, dem Verein für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte sowie der Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein.

Text: Martin Geist

Helge-Fabien Hertz: Evangelische Kirchen im Nationalsozialismus. Kollektivbiografische Untersuchung der schleswig-holsteinischen Pastorenschaft. De Gruyter Oldenbourg , Berlin 2022. eBook, ISBN: 9783110760835. Gebundene Ausgabe ab 4. April, ISBN: 9783110760682.

Portrait des Autoren mit Büchern auf einem Tisch
© Uni Kiel

Der Historiker Dr. Helge-Fabien Hertz hat eine drei Bände umfassende Arbeit über die schleswig-holsteinische Kirche zwischen 1933 und 1945 vorgelegt.

Sepiafoto eines Kirchenschiffs von Innen
© Archiv Wandsbek

Christuskirche in Hamburg-Wandsbek, damals schleswig-holsteinische Landeskirche: Links das christliche Kreuz, rechts das Hakenkreuz. Die Nähe der Kirche zum NS-Regime ist nicht zu übersehen.

Wissenschaftlicher Kontakt:

Dr. Helge-Fabien Hertz
Historisches Seminar
h.hertz@histosem.uni-kiel.de

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