3400 vor unserer Zeitrechnung: Weltweit älteste Radspuren in Norddeutschland gefunden

Neue Publikation dokumentiert steinzeitliche Spuren von Rad und Wagen auf einem Gräberfeld bei Flintbek.

Einer der größten Megalith-Friedhöfe Europas liegt in Flintbek bei Kiel. Und dort findet sich auch der weltweit früheste Nachweis für die Nutzung von Rädern und Wagen. Die wissenschaftliche Dokumentation dieses Befundes ist in der kürzlich erschienenen Publikation „Das Neolithikum in Flintbek. Eine feinchronologische Studie zur Besiedlungsgeschichte anhand von Gräbern“ von Professorin Doris Mischka nachzulesen. Das Buch ist Teil einer vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) koordinierten Publikationsreihe, die die Forschungsergebnisse des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Schwerpunktprogrammes (SPP) „Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung. Zur Entstehung und Entwicklung neolithischer Großbauten und erster komplexer Gesellschaften im nördlichen Mitteleuropa“ präsentiert.

Die Wagenspuren, die auf etwa 3400 vor unserer Zeitrechnung (v.u.Z.) datieren, finden sich auf einem Gräberfeld bei Flintbek, auf dem sich dutzende Grabmonumente aus der Jungstein- und Bronzezeit sichelförmig aneinanderreihen.

Das größte frühgeschichtliche Gräberfeld Europas

Archäologinnen und Archäologen fanden dort bei Ausgrabungen sieben sogenannte Langbetten, steinzeitliche Großsteingräber, sowie 14 Grabhügel. Mit Hilfe von Radiokohlenstoffdatierungen konnten sie nachweisen, dass das auf Grund seiner Form als Flintbeker Sichel bezeichnete Gebiet bereits vor etwa 5800 Jahren für erste Bestattungen genutzt wurde.

Zu dieser Zeit erbauten die Menschen zunächst die Langbetten, die sie durch sukzessive Anbauten stetig vergrößerten. Während der frühen Phase errichteten sie zudem Grabhügel mit kleinen Steinkammern, sogenannte Dolmen.

500 Jahre später, um 3300 v. u. Z., verändert sich die Architektur. Man begann, die Toten in Ganggräbern zu bestatten, großen Steinkammern mit ebenfalls aus Stein gebauten Zugängen, die fortan für viele Jahrhunderte als kollektive Bestattungsorte dienten. Mischka nimmt an, dass hier Familien aus verschiedenen Gebieten jeweils ihren eigenen Begräbnisplatz hatten. Die Flintbeker Sichel wäre somit das rituelle Zentrum für die ganze Region.

Die weltweit ältesten Radspuren

Neben der Vielzahl der Gräber sorgten bei den archäologischen Feldarbeiten insbesondere zwei zunächst unscheinbare, braune Linien im Boden für Aufsehen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellten fest, dass die Breite dieser Verfärbungen genau mit der Breite von jungsteinzeitlichen Holzrädern übereinstimmt, in unter anderem in den Mooren Norddeutschlands gefunden wurden. Weiterhin entsprechen die Abstände der beiden Rillen zueinander genau der Breite jungsteinzeitlicher Wagenachsen. Die Forschenden sehen darin einen eindeutigen Beweis dafür, dass für den Bau der Strukturen in der Flintbeker Sichel die damals neue Technologie der Nutzung von Rädern und Wagen zum Einsatz kam – und das bereits um 3400 v. u. Z.

Damit findet sich in Flintbek der früheste Nachweis dieser Innovation, die in vielen anderen Regionen Europas und Südwestasiens erst im späten vierten Jahrtausend v. u. Z. anzutreffen ist. Die Technologie wurde somit vermutlich nicht im Nahen Osten erfunden, wie bislang angenommen.

Der Kieler Archäologe Professor Johannes Müller, Sprecher des SPP und Herausgeber der Reihe, ist beeindruckt von diesem Ergebnis: „Es ist eindeutig, dass die Menschen in Mitteleuropa ebenso früh wie jene des Nahen Osten hochtechnologisiert waren“, erläutert er. „Das Ergebnis rückt Flintbek in das Zentrum einer der entscheidenden Innovationen der Menschheit.“

Mischka, inzwischen Professorin am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, habilitierte 2012 mit der jetzt erschienenen Publikation an der Kieler Universität. Sie dokumentiert darin die gesamte Genese und Entwicklung der Flintbeker Sichel. Durch sogenannte C14-Analysen, mit denen sich das Alter von organischen Materialien bestimmen lässt, konnte das zeitliche Verhältnis der einzelnen Monumente zueinander, diverse Um- und nachbauten sowie einzelne Bestattungen auf wenige Jahrzehnte genau datiert werden.

Originalpublikation:

Mischka, Doris, 2022. Das Neolithikum in Flintbek. Eine feinchronologische Studie zur Besiedlungsgeschichte anhand von Gräbern. Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung 20. Verlag Dr. Rudolf Habelt GmbH (Bonn 2022).

Über das Schwerpunktprogramm SPP 1400

Das DFG-Schwerpunktprogramm SPP 1400 „Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung. Zur Entstehung und Entwicklung neolithischer Großbauten und erster komplexer Gesellschaften im nördlichen Mitteleuropa“ hat 2009 seine Arbeit aufgenommen. Koordiniert von Prof. Dr. Johannes Müller vom Kieler Institut für Ur- und Frühgeschichte untersuchten insgesamt 22 Universitätsinstitute, Forschungseinrichtungen und Denkmalpflegeämter in 16 Teilprojekten das Neolithikum in der Nordeuropäischen Tiefebene im Hinblick auf eine komplexe Fragestellung: Wie verhalten sich die frühen Monumentalbauten zu der Entwicklung der sozialen Verhältnisse nach der Sesshaftwerdung um 4100 v. Chr.?

 Mehr Information

Aufnahme eines Bodens mit zwei Riefen.
© Dieter Stoltenberg

Die beiden dunklen linearen Verfärbungen sind die Wagenspuren, die die Forscherinnen und Forscher in einem der Langbetten (LA3) der Flintbeker Sichel entdeckten.

Blick über ein Grabungsfeld mit Steinen.
© Dieter Stoltenberg

Ansicht von Südwesten auf das Langbett Flintbek LA 3. Es besteht aus einer Ansammlung mehrerer Dolmen und Einzelgräber. Im Vordergrund ist ein Einzelgrab zu sehen. Es ist mit einer Bodenpflasterung aus flachen Steinplatten ausgestattet und der Rand besteht aus vielen Steinen, zwischen denen ursprünglich eine zeltartige Holzkonstruktion fußte. Diese spezifische Architektur ist nach einem Fundplatz in Dänemark als Typ Konens Høj benannt.

Grafische Gestaltung eines Buchtitels.
© Illustration: Susanne Beyer

So wie auf dem Titelbild der Publikation, das die Arbeiten während des Grabbaus darstellt, könnte der von Rindern gezogene Wagen ausgesehen haben, der die Spuren auf dem Flintbeker Gräberfeld hinterlassen hat.

Wissenschaftlicher Kontakt:

Prof. Dr. Johannes Müller
Institut für Ur- und Frühgeschichte
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
0431/ 880-3391
 johannes.mueller@ufg.uni-kiel.de

Prof. Dr. Doris Mischka
Institut für Ur- und Frühgeschichte
FAU Erlangen-Nürnberg
09131/85-22408
doris.mischka@fau.de

Pressekontakt:
Angelika Hoffmann
Referentin Forschungsschwerpunkt SECC/JMA