Starker Rückenwind und weiter Horizont

Kieler Stipendiatinnen und Stipendiaten der Studienstiftung zu Gast beim SFB 1261 zu magnetischen Sensoren 

Eine Gruppe Studierender vor einem Labor
© Lina Schmied

Dr. Dirk Meyners (vorne) demonstriert, wie die Sensoren des SFB in der besonders sauberen Umgebung des Kieler Reinraums hergestellt werden. Schon kleinste Staubartikel würden die empfindlichen Mikrosysteme zerstören. Das Luftfiltersystem des Labors sorgt dafür, dass die Partikelkonzentration um etwa das 10.000-fache niedriger ist im Vergleich zu normaler Umgebungsluft.

Talentierte junge Menschen und ihren fachübergreifenden Austausch fördern – dieses Ziel der Studienstiftung des Deutschen Volkes stand auch im Fokus des Abends, zu dem der Sonderforschungsbereich (SFB) 1261 „Biomagnetische Sensorik“ Kieler Stipendiatinnen und Stipendiaten eingeladen hatte. In Vorträgen und Laborbesuchen stellten SFB-Mitglieder am 19. Mai ihre Forschung zu neuartigen Sensoren für eine bessere medizinische Diagnostik vor. Die rund 50 Studierenden und Promovierenden aus verschiedenen Fachbereichen erhielten Einblicke in die enge Zusammenarbeit von Medizin, Elektrotechnik und Materialwissenschaft und die gesellschaftliche Bedeutung solcher Großforschungsprojekte, die mit mehreren Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert werden.  

Herzmessung im Autositz – ein Ziel der neuen Sensorkonzepte

Um die Aktivität des Herzens zu messen, werden bei einem EKG (Elektrokardiogramm) mehrere Elektroden direkt auf der Haut des Körpers angebracht. „Stellen Sie sich vor, das könnte Ihr Autositz ‚nebenbei‘ erledigen – ohne aufwendige Elektroden und direkten Hautkontakt. Und bei Unregelmäßigkeiten informiert er Sie, besser einen Arzt aufzusuchen“, formuliert SFB-Sprecher und Elektrotechnik-Professor Gerhard Schmidt eine Vision des Großforschungsprojektes. Über 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen hier neuartige, extrem sensitive Sensorkonzepte, die magnetische statt elektrische Felder messen und so eine kontaktlose und von Kleidung unbeeinflusste Kleidung ermöglichen sollen.

Ein Redner vor der Tafel
© Lina Schmied

SFB-Sprecher Gerhard Schmidt begrüßte die Stipendiatinnen und Stipendiaten und stellte den SFB vor.

Schmidt hatte den Abend organisiert und begrüßte die Stipendiatinnen und Stipendiaten sowie weitere Interessierte an der Technischen Fakultät: „Sie alle sind schlaue Köpfe. Aber wenn wir die Grenzen des bekannten Wissens verschieben wollen, müssen wir uns alle zusammentun. Unsere aktuellen großen Forschungsfragen brauchen eine Zusammenarbeit über Disziplinen hinweg.“

Gemeinsam an gesellschaftlichen Fragen forschen

Genau das wollen SFBs wie der seit 2016 von der DFG geförderte 1261 ermöglichen. „Wenn jeder Hausarzt elektrische und magnetische Messungen kombinieren könnte, wäre das eine medizinische Revolution“, sagte Professor Ulrich Stephani, medizinischer Berater und davor Mitglied im SFB 1261, in seinem Vortrag über die medizinische Anwendung der erforschten Sensoren. Bis zu seiner Emeritierung war er Professor an der Medizinischen Fakultät und Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin II (Neuropädiatrie) im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. „Da Magnetfelder das Körpergewebe, im Gegensatz zu elektrischen Feldern, nahezu ungehindert durchdringen, könnten Magnetfeldsensoren auch die fetale Diagnostik im Mutterleib verbessern, um zum Beispiel angeborene Herzfehler zu entdecken.“

Studierende im Hörsaal
© Lina Schmied

Sich engagieren, Verantwortung übernehmen und einen Blick über den Tellerrand werfen – unter anderem dafür stehen die Stipendiatinnen und Stipendiaten der Studienstiftung des Deutschen Volkes.

Die Großverbundprojekte prägen auch die gesamte Universität, wie CAU-Vizepräsident Professor Eckhard Quandt, in seinem Grußwort betonte. In ihrer Laufzeit von bis zu 12 Jahren initiieren sie unter anderem neue Strukturen in der Nachwuchsförderung, die Anregung für andere Bereiche der Universität sein können. Als Professor für Materialwissenschaft hat Quandt die Magnetfeldsensorik viele Jahre lang vorangetrieben und schließlich als SFB erfolgreich zur wiederholten Förderung gebracht. Den Stipendiatinnen und Stipendiaten könne er nur empfehlen, in einem SFB als Teil einer starken Gemeinschaft zu promovieren. Nicht zuletzt verbanden ihn auch persönliche Gründe mit dem Abend. „Vor rund 40 Jahren war ich selbst einmal Stipendiat der Studienstiftung gewesen und freue mich deshalb besonders, heute hier zu sein“, so Quandt.

 „Veranstaltungen wie diese sind mit das Beste“

Finanziell und ideell fördert die Studienstiftung des deutschen Volkes bundesweit zurzeit rund 15.000 talentierte und engagierte Studierende und Promovierende aller Studiengänge und Hochschularten. Unterstützt wird sie dabei von ehrenamtlichen Vertrauensdozentinnen und -dozenten an den Hochschulen vor Ort. Sie initiieren nicht nur regelmäßig wissenschaftliche Vorträge oder Theaterbesuche, sondern stehen den Stipendiatinnen und Stipendiaten auch als persönliche Gesprächspartner zur Verfügung, zum Beispiel vor Entscheidungen wie einer Promotion oder einem Auslandssemester. „Als Vertrauensdozent kehre ich oft begeistert von diesen jungen, leistungsbereiten, unglaublich wissbegierigen Menschen zurück und denke, mit ihnen wird die Welt nicht untergehen“, sagt Stephani, der die Kieler Sektion aus rund 150 Stipendiatinnen und Stipendiaten federführend koordiniert.

 

Eine junge Frau mit einem Gerät in ihrer Hand
© Julia Siekmann, Uni Kiel

Bei vielen medizinischen Untersuchungen wird von den Messdaten eines Sensors auf Vorgänge im Körper geschlossen. Dafür ist es wichtig, die genaue Position des Sensors zu kennen. Doktorandin Christin Bald zeigt, wie sich die magnetoelektrischen Sensoren des SFBs lokalisieren lassen.

„Der monatliche Förderbetrag ist natürlich eine tolle Unterstützung, aber Veranstaltung wie diese hier sind mit das Beste am Stipendium“, sagte Stipendiat Philipp bei Snacks und Getränken zum gemeinsamen Abschluss des Abends in der Mensa. Nach Materialwissenschaft studiert er an der CAU jetzt Medizin und dürfte bei der vorgestellten Forschung des SFBs viele Schnittmengen gesehen haben. „Generell würde ich beide Fächer gerne verbinden, aber vor allem die Laborbesuche haben mir nochmal gezeigt, wie komplex das Ganze ist.“ Sein Kommilitone Lucas ergänzt: „Meist bin ich mit anderen Medizinern zusammen, um zum Beispiel zusammen zu lernen. Ich finde es gut, hier nochmal ganz andere Leute kennenzulernen.“ Auch Stipendiat Jakob, der an der CAU Elektrotechnik studiert, gefällt besonders das breite Kultur- und Bildungsprogramm der Stiftung, über das er bereits Sprachkurse in England und Frankreich absolviert hat. Außerdem werden verschiedene Akademieformate angeboten, um fachübergreifend über aktuelle Themen aus Wissenschaft, Gesellschaft und Politik zu diskutieren, von Methoden der Künstlichen Intelligenz über neue elektrische Antriebe bis zur Zukunft Europas.

Die Chance nutzen, sich selbst zu bewerben

Für das Stipendium vorgeschlagen, wurde Jakob von seiner Schule, aber auch Hochschullehrende oder Prüfungsämter können Kandidatinnen und Kandidaten benennen. „Noten sind wichtig, aber nicht das Wichtigste. Es zählt auch, sich zu interessieren und zu engagieren“, sagt Jakob, der unter anderem in der Schülervertretung aktiv war.

Professor und Studierende diskutieren am Tisch
© Lina Schmied

Der Abschluss in der Mensa bot Gelegenheit zum Austausch der Stipendiatinnen und Stipendiaten untereinander und mit ihren Vertrauensdozenten.

Stephani ermunterte an dem Abend auch Interessierte, sich selbst zu bewerben, unabhängig vom fachlichen, sozialen oder politischen Hintergrund: „Das Stipendium bietet einen starken Rückenwind, enorme Horizonterweiterung und sehr gute Karrierechancen. Das Auswahlverfahren ist anstrengend, aber die Chance sollte man wahrnehmen.“ Stephani war während seines Medizinstudiums selbst Stipendiat gewesen und profitierte von den neuen Blickwinkeln, die ihm das Studium an verschiedenen Hochschulen ermöglichte.

Schmidt, der ebenfalls Vertrauensdozent in der Sektion Kiel-Flensburg ist, zeigte sich zufrieden mit dem Abend: „Ich freue mich über das viele positive Feedback und die spannenden Diskussionen mit den Stipendiatinnen und Stipendiaten. Vielleicht können wir solche Veranstaltungen in Zukunft auch mit anderen Forschungsprojekten der Uni Kiel organisieren.“
 

Weitere Informationen:

Website der Studienstiftung des Deutschen Volkes
Website der Kieler Sektion der Studienstiftung des Deutschen Volkes
Website des Sonderforschungsbereichs SFB 1261 "Biomagnetische Sensorik"

Kontakte

Professor Dr.-Ing. Gerhard Schmidt
Sprecher des Sonderforschungsbereichs 1261 „Biomagnetische Sensorik“
Vertrauensdozent der Sektion Kiel-Flensburg der Studienstiftung des Deutschen Volkes
+49-431-880-6125
gus@tf.uni-kiel.de

Prof. Dr. med. habil.Ulrich Stephani
Neuropädiatrie
Federführender Koordinator und Vertrauensdozent der Kieler Sektion der Studienstiftung des Deutschen Volkes
u.stephani@med.uni-kiel.de

Über den CAU-Forschungsschwerpunkt KiNSIS:

Im Nanokosmos herrschen andere, quantenphysikalische, Gesetze als in der makroskopischen Welt. Strukturen und Prozesse in diesen Dimensionen zu verstehen und die Erkenntnisse anwendungsnah umzusetzen, ist das Ziel des Forschungsschwerpunkts »Nanowissenschaften und Oberflächenforschung« (Kiel Nano, Surface and Interface Science – KiNSIS) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). In einer intensiven interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Physik, Chemie, Ingenieurwissenschaften und Life Sciences könnten daraus neuartige Sensoren und Materialien, Quantencomputer, fortschrittliche medizinische Therapien und vieles mehr entstehen. www.kinsis.uni-kiel.de

Pressekontakt:
Julia Siekmann
Referentin für Wissenschaftskommunikation, Forschungsschwerpunkt Kiel Nano Surface and Interface Sciences (KiNSIS)