Versunkenes Schiff aus Hansezeit: Forschungsteam untersucht neu entdecktes Wrack aus dem 17. Jahrhundert

Bei einer Routinemessung in der Trave hatte das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) ein Schiff in elf Metern Tiefe entdeckt. Forschende der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) haben die rätselhafte Konstruktion acht Monate lang untersucht. Das Ergebnis: ein knapp 400 Jahre altes Schiff aus der Hansezeit mit 150 Fässern an Bord - ein einzigartiger Fund im westlichen Ostseeraum.

Preview

Bitte beachten Sie: Sobald Sie sich das Video ansehen, werden Informationen darüber an Youtube/Google übermittelt. Weitere Informationen dazu finden Sie unter Google Datenschutzerklärung.

Vom Schiff sind noch Holzbalken und große Teile der Ladung übrig. Sie sind von Muscheln überzogen, müssen schon seit Jahrhunderten im trüben Wasser der Trave liegen. „Die unabhängige Altersbestimmung der Schiffshölzer in drei verschieden Laboren ergab, dass das Schiff in der Mitte des 17. Jahrhunderts gebaut sein worden muss“, sagt Dr. Fritz Jürgens vom Institut für Ur- und Frühgeschichte (UFG) der CAU. „Auf einen solchen Fund hofft man immer und plötzlich liegt er vor einem. Das ist wirklich einmalig - auch für mich persönlich“, so Jürgens weiter. Der Archäologe hatte das Wrack zusammen mit seinem Team und dem Forschungstauchzentrum der Universität untersucht. Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Hansestadt Lübeck und der Georg-August-Universität Göttingen tauchten mit ihm zu den Überresten des Schiffes.

Schiff gilt als Arbeitspferd des Ostseehandels

Die Ladung konnte das Institut für Geowissenschaften der CAU als Kalk bestimmen. Offenbar transportierte das Schiff Brandkalk, ein begehrtes Baumaterial in der damaligen Zeit. „Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hat man Kalkstein abgebaut, gebrannt und abgelöscht. Daraus wurde Mörtel hergestellt“, sagt Jürgens. Nach ersten Erkenntnissen muss das Schiff auf dem Weg von Skandinavien nach Lübeck gewesen sein, wo es allerdings nie ankam. Warum das Schiff aus der Zeit der Hanse sank, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass das Schiff an einer Biegung der Trave auf Grund gelaufen sein könnte, dort stark beschädigt wurde und deshalb sank.

Wrackteile sind stark gefährdet

Auf Grundlage der Fotos und Videos erstellten die Forschenden 3D-Modelle, mit denen sie die ursprüngliche Länge des Schiffes auf 20-25 Meter bestimmen konnten. Es handelte sich somit um einen Frachtsegler mittlerer Größe, das Arbeitspferd des Ostseehandels. „Für den westlichen Ostseeraum ist dieser Fund außergewöhnlich“, sagt Dr. Fritz Jürgens. Bisher sind nur entsprechende Wracks aus unterschiedlichen Jahrhunderten im östlichen Ostseeraum bekannt.

Bei den Tauchgängen zeigte sich, dass das Wrack massiv durch Erosion gefährdet ist und freiliegende Teile von der Schiffsbohrmuschel befallen sind. Ohne Schutzmaßnahmen würde das Wrack deshalb innerhalb weniger Jahre zerstört und dieses Zeugnis des umfangreichen Seehandels der Hansestadt Lübeck für immer verloren. Um das zu verhindern, arbeiten die Forschenden der CAU zusammen mit der Stadt Lübeck und weiteren Institutionen an einem Konzept für den weiteren Umgang und den Schutz des Wracks. Sie überlegen es zu bergen und anschließend zu konservieren.

13 Tauchgänge mit 464 Minuten

Im Februar 2020 hatte das WSA die Fahrrinne der Trave routinemäßig untersucht und dabei eine Anomalie in der Fächerlotpeilung festgestellt. Anschließend kontrollierten Taucher im August 2021 die Stelle, um eine mögliche Gefahr für die Schifffahrt auszuschließen. Dabei entdeckten sie erste Hinweise auf ein Wrack und informierten die Obere Denkmalschutzbehörde der Hansestadt Lübeck. Diese beauftragte das Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU, das Wrack weiter zu untersuchen. Im November 2021 begannen die Forschenden mit Unterstützung des Forschungstauchzentrums und der Lübeck Port Authority (LPA) ihre Arbeit. Einen Monat später bekamen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Unterstützung von Forschungstaucher Christian Howe, der ein erfahrender Unterwasserfotograf und -kameramann ist. 13 Tauchgänge mit insgesamt 464 Minuten lieferten den Archäologinnen und Archäologen ausreichend Material für ein erstes umfangreiches Gutachten.

Download Rohmaterial Tauchvideo

© Forschungstaucher Christian Howe

Ein Taucher leuchtet auf ein Stück Holz
© Forschungstaucher Christian Howe

Bei den Tauchgängen zeigten sich massive Schäden durch Muschelbefall.

Eine Zeichnung
© Dr. Fritz Jürgens, Uni Kiel

Dr. Fritz Jürgens hat das versunkene Schiff rekonstruiert.

Ein Portraitbild eines Mannes
© D. Lüns, Westfalen-Blatt

Dr. Fritz Jürgens ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU.

Ein Taucher leuchtet auf Teile eines Schiffswracks
© Forschungstaucher Christian Howe

13 Tauchgänge mit 464 Minuten liefern den Forschenden ausreichend Material für ein erstes Gutachten über das versunkene Schiff aus der Hansezeit.

Wissenschaftlicher Kontakt:

Dr. Fritz Jürgens
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU
  0431 880 7115
f.juergens@ufg.uni-kiel.de

Pressekontakt:

Stabsstelle Presse, Kommunikation und Marketing der Kieler Universität
Sachgebiet Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation