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Frühe Seefahrt: Sizilien später besiedelt als vermutet

Eine neue Studie widerlegt die Annahme, dass die Straße von Messina von altsteinzeitlichen Menschen überquert wurde.

Es ist eine komplexe archäologische Aufgabe nachzuweisen, wann und wo unsere Vorfahren die Meere bereisten. Als erwiesen galt bisher, dass Menschen, die der altsteinzeitlichen Kultur des Aurignacien (circa 38.000 bis 29.000 vor Christus) angehörten, das Mittelmeer zwischen dem italienischen Festland und Sizilien, die Straße von Messina, überquerten. Untermauert wurde diese Behauptung durch Funde von Steinwerkzeugen im sizilianischen Riparo di Fontana Nuova, die typologisch dem Aurignacien zugeschrieben wurden.

Die archäologische Aufarbeitung von Fontana Nuova hat eine über hundertjährige Geschichte hinter sich. Um 1914 ließ ein sizilianischer Adliger dort unsystematische Ausgrabungen durchführen und riss die Funde aus ihrem Kontext. Die entdeckten Steinwerkzeuge übergab er dem Archäologischen Museum in Syracus, die Skelettreste vergrub er wieder. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Untersuchungen von Fontana Nuova wieder aufgenommen. In der Folge stellten Forscherinnen und Forscher basierend auf den Artefakten sowie menschlichen und pflanzlichen Überresten unterschiedliche Theorien zur Chronologie auf, die den Fundort aber mehrheitlich dem Aurignacien zuordneten.

Nun hat ein Team aus internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen die Fundstätte erneut unter die Lupe genommen und Radiocarbondatierungen an pflanzlichen Überresten und menschlichen Zähnen vorgenommen. Die Studie, an der von Seiten der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) Gianpiero Di Maida von der Graduiertenschule „Human Development in Landscapes“ und Professor Ben Krause Kyora vom Institut für Klinische Molekularbiologie beteiligt waren, widerlegt die bisherige Theorie zur Besiedlungsgeschichte Siziliens: Das durch die Datierungen ermittelte Alter liegt zwischen 7960 und 6530 vor Christus, deutlich später also, als bislang angenommen und weist die Funde somit dem Holozän zu. Es scheint, dass Fontana Nuova nicht von paläolithischen, sondern von mesolithischen Jäger-Sammlern besiedelt wurde.

„Wir sind der Meinung, dass die Zuschreibung von Fontana Nuova zum Aurignacien aufgegeben werden muss“, so Di Maida, Erstautor der Studie, die im März in der Online-Zeitschrift PLOS ONE veröffentlicht wurde. „Damit gibt es auch keine glaubwürdigen Beweise mehr für paläolithische Seereisen zu großen Mittelmeerinseln. Das Ergebnis unserer Studie hat große Auswirkungen auf unser Wissen über die prähistorische Seefahrt im Mittelmeer.“ Auch kann Sizilien nicht länger als südlichster Punkt der Ausbreitung des Aurignacien gelten. „Was Sizilien betrifft, so beenden unsere Ergebnisse hoffentlich Spekulationen über die Besiedlung der Insel, die auf Funden aus undokumentierten Kontexten und schlecht datierten Orten stammen“, so Di Maida weiter. Um zu klären, wann Sizilien erstmals von anatomisch modernen Menschen besiedelt wurde, bedarf es nun weiterer Forschung.

Originalpublikation:

Di Maida G, Mannino MA, Krause-Kyora B, Jensen TZT, Talamo S (2019) Radiocarbon dating and isotope analysis on the purported Aurignacian skeletal remains from Fontana Nuova (Ragusa, Italy). PLoS ONE 14(3): e0213173. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0213173

Kontakt:

Gianpiero Di Maida
Graduiertenschule Human Development in Landscapes
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
gianpiero.dimaida@gmail.com


Prof. Dr. Ben Krause-Kyora
Institut für Klinische Molekularbiologie
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
0431/500-15135
b.krause-kyora@ikmb.uni-kiel.de