Botanische Schätze aus 200 Jahren Forschungsgeschichte

Herbarium erhält Förderbescheid des Wissenschaftsministeriums

Ein international bedeutender Schatz an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) bekommt jetzt den dringend benötigten Schub für die Sanierung: Rund 100.000 Bögen mit Pflanzen, die bei großen Forschungsexpeditionen im 18. und 19. Jahrhundert entdeckt und archiviert worden sind, werden zum Großteil restauriert und in ein neues Boxen-Ordnungssystem überführt. Das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Schleswig-Holstein finanziert das Projekt mit 42.000 Euro aus dem Förderprogramm „Erhalt schriftlichen Kulturgutes in den wissenschaftlichen Bibliotheken des Landes Schleswig-Holstein“. Das Generalherbarium des Botanischen Gartens der CAU enthält unter anderem Sammlungsstücke von Alexander von Humboldt, Adelbert von Chamisso und Georg Forster.

Die großen Entdeckungsreisen von Naturforschern zu allen Kontinenten fielen in eine Zeit, als das Interesse der Gesellschaft an wissenschaftlichen Erkenntnissen auf einen Höhepunkt zusteuerte. „Die Menschen konnten Aktien für Forschungsreisen kaufen, und als Dividende erhielten die privaten Sammler später Serien mit Original-Pflanzenbögen aus aller Welt“, erläutert Professor Dietrich Ober, Direktor des Botanischen Gartens Kiel. Im Kieler Herbarium finden sich etwa viele archivierte Pflanzenfunde von Eduard Pöppig, der von 1822 bis 1832 die Anden von Peru bis in die Amazonasebene überquerte.

Im Bestand: Wertvolle Erstfunde

„Auch von dem bekannten Naturforscher und Dichter Adelbert von Chamisso führen wir in unserer Sammlung eine erhebliche Zahl der so genannten Herbar-Bögen. Er hatte von 1815 bis 1818 an der russischen Weltumsegelung unter dem Kapitän Otto von Kotzebue teilgenommen“, berichtet Professor Ober. Weitere historisch wertvolle Pflanzenbögen stammen von Expeditionen des Botanikers Joseph Dalton Hooker, der ab 1839 die Südpolregion, Südaustralien und Tasmanien bereiste, sowie des Naturforschers und Schriftstellers Georg Forster, der mit seinem Vater an der zweiten Weltumsegelung unter Captain James Cook 1772 bis 1775 teilnahm und Pflanzen der Südsee mitbrachte. Als botanisch besonders wertvoll gelten dabei Funde, die erstmals entdeckt, wissenschaftlich beschrieben und benannt wurden.

Doch nach der teilweise über 200-jährigen Lagerung in Aktenschränken befindet sich der botanisch-kulturelle Schatz inzwischen in einem schlechten Zustand: „Das säurehaltige Papier zeigt deutliche Alterungsspuren, die Blattränder brechen ab, teilweise fallen Pflanzenteile aus den Pappen heraus, wenn man sie für die Forschung verwenden will“, berichtet Ober. Zudem sorgen Staub, Lichteinfall und früherer Schimmelbefall für schnell voranschreitende Alterungsprozesse.

Originale schützen und digitalisieren

In Kooperation mit der Universitätsbibliothek Kiel und der Hildesheimer Fachhochschule für Angewandte Kunst und Wissenschaft hat daraufhin ein Hildesheimer Masterstudent Empfehlungen für die Restaurierung erarbeitet. So werden nun in dem auf neun Monate angesetzten Projekt die besonders belasteten Herbar-Bögen mit Hüllen aus alterungsbeständigem Papier versehen und anschließend in fest schließende Boxen gelagert, um sie mechanisch und vor Staub und Umwelteinflüssen zu schützen, berichtet Professor Ober: „Zudem können Forschende die Bögen für ihre Arbeit so leicht entnehmen, ohne die Gefahr einer Gefährdung der alten Funde.“

Studierende werden die Restaurierung ebenso unterstützen wie ehrenamtliche Mitarbeitende des Freundeskreises des Botanischen Gartens. Dabei denken die Verantwortlichen schon einen Schritt weiter: „Die Sanierung der Sammlung ist eine wichtige Grundlage für das geplante Nachfolgeprojekt: Wir wollen den Bestand komplett digitalisieren, fotografieren und der Öffentlichkeit frei zur Verfügung stellen“, kündigt der Botaniker an. Das Kieler Herbarium ist ein international registriertes Herbarium, das im digital zugänglichen Index Herbariorum am New Yorker Botanischen Garten verzeichnet ist. Auch eigene Internetseiten existieren bereits (www.herbarium.uni-kiel.de).

Schon jetzt fragen Fachleute aus aller Welt für ihre Forschungsarbeiten regelmäßig beim Kieler Herbarium nach alten Pflanzenfunden. Mit der Digitalisierung würde die Bedeutung des wissenschaftlich hoch relevanten Kulturschatzes am Botanischen Institut in Kiel noch deutlich zunehmen, sagt Professor Ober voraus. Aber faszinierend ist nicht allein seine historisch-botanische Bedeutung: Bis heute lassen sich aus den Jahrhunderte alten Blättern und anderen Pflanzenteilen die Erbinformationen der DNA komplett sichtbar machen.

Die linke Bildhälfte zeigt einen Aktenschrank mit alten Akten, rechts hält eine Person eine Akte.
© Jürgen Haacks, Uni Kiel

Derzeit sind die Herbarien in Aktenschränken aufgestapelt. Die Förderung ermöglicht es Professor Dietrich Ober und seinem Team die wertvollen Bögen zu konservieren und sie zukünftig in fest schließenden Boxen zu lagern.

Fotostrecke:

Gepresste Pflanze auf Papier.
Nahaufnahme defekter Papierseiten.
Nahaufnahme einer getrockeneten Pflanze auf Papier.
Papierseite mit gepresster Pflanze, daneben QR-Codes und ein roter Fingeranfeuchter.
Auf einem Tisch liegen Pappboxen mit alten Akten, dahinter steht ein Mann und schaut in die Kamera.
Wissenschaftlicher Kontakt:

Professor Dr. Dietrich Ober
Direktor des Botanischen Gartens Kiel
Botanisches Institut und Botanischer Garten
 0431-880-4299
dober@bot.uni-kiel.de

Pressekontakt:

Stabsstelle Presse, Kommunikation und Marketing der Kieler Universität
Sachgebiet Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation