Über die sozialen und politischen Seiten der Digitalisierung

Buchveröffentlichung: „Auf dem Weg zur Cyberpolis“

Digitalisierung ist zunächst ein technisches Phänomen, wirkt aber doch weit hinein in soziale, kulturelle und politische Prozesse. Heidrun Allert und Martin Donner vom Institut für Pädagogik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) legen dies in ihrem neuen Buch „Auf dem Weg zur Cyberpolis“ facettenreich dar.

Es geht um „Neue Formen von Gemeinschaft, Selbst und Bildung“, verrät der Untertitel dieser fast 500 Seiten umfassenden Monografie, die wegen ihres ebenso breiten wie detailreichen Blicks auf das Thema nicht allein fürs einschlägige Fachpublikum eine spannende Lektüre bilden kann. Das hat auch etwas mit dem für dieses Buch stehenden Duo zu tun. Professorin Heidrun Allert ist diplomierte Pädagogin mit Promotion in Informatik. Martin Donner ist Medien- und Kulturwissenschaftler, war zudem lange Jahre als freischaffender Komponist, Medienkünstler und Musikproduzent tätig. Blicke über vielerlei Tellerränder sind in dieser Konstellation mehr als naheliegend.

Vernetzte digitale Technologien prägen die Art wie die Menschen arbeiten, denken, sich die Welt erklären und mithin ihr eigenes Leben basteln. Das zeichnen Donner und Allert schon im ersten Kapitel über die Anfänge dieser Umwälzungen nach. Immer wieder begegnet den Lesenden dabei das Wort Kybernetik, das vom griechischen Wort für Steuermann abstammt und auch als die „Kunst des Steuerns“ bezeichnet wird. Und ähnlich wie Maschinen durch bestimmte Informationen dazu gebracht werden, bestimmte Dinge zu tun, geschieht das nach der kybernetischen Sichtweise auch bei den Menschen.

Von den theoretischen Grundlagen in den 1940er-Jahren über die 1960er-Jahre, als Computer nicht ohne Grund „Elektronenhirne“ genannt wurden und sich in der Bay Area um San Francisco sowie im späteren Silicon Valley eine schillernde Subkultur entwickelte, werden die Anfänge der kybernetischen Digitalisierung nachgezeichnet. Beispielsweise geht es um den Schriftsteller Ken Kesey, der mit seinem 1962 verfassten Roman „Einer flog übers Kuckucksnest“ das urkybernetische Motiv der Menschenprogrammierung unter dem Einfluss von Drogen in einen literarischen und später filmischen Welterfolg übersetzte. Die aktionskünstlerische Gruppe „Merry Pranksters“, in deren Umfeld sich damals unter anderem Rockbands wie „Grateful Dead“ oder „Jefferson Airplane“ bewegten, ist ebenfalls aus gutem Grund ein Thema. Solche Strömungen zeigen aus Sicht von Donner und Allert, dass das frühe Geschehen in den computertechnischen Laboren stark vom Denken in diesen Szenen geprägt war.

Daran knüpft das zweite Kapitel an, das die Geburt des Personal Computers würdigt und in Analogie zu den „Selbst-Programmierungen“ der „Merry Pranksters“ darauf anspielt, dass es sich beim PC um eine genuine Selbstbildungstechnologie handeln soll. Allzu weit ist es dann nicht mehr zum im dritten Kapitel beschriebenen privatisierten Internet, das die ganze Welt in eine Kiste oder später sogar in eine allseits und allzeit verfügbare digitale Wolke packt.

Dies ist wiederum Voraussetzung für das im vierten Kapitel auf Basis einer von Heidrun Allert vorgenommenen empirischen Studie beleuchtete digitale Nomadentum. Menschen arbeiten unabhängig von einem bestimmten Ort, driften dabei aber auch nach dem Befund der Wissenschaftlerin aus Kiel teilweise ab in einen „esoterisch verbrämten, nicht mehr staatlich und demokratisch gerahmten Kapitalismus“.

Das letzte Kapitel greift schließlich aktuelle politische Trends – und Besorgnis erregende Tendenzen auf. „Mit der zunehmenden Dringlichkeit ökologischer Fragen und dem gleichzeitigen technologischen Machtzuwachs werden die Grundfesten liberal-demokratischer Ordnungen zunehmend porös und in Frage gestellt“, fürchten Heidrun Allert und Martin Donner. Damit verbunden machen sie auf kybernetische Techniken aufmerksam, die – siehe China – auf die totale Überwachung und Steuerung der Menschen durch ein Herrschaftssystem hinauslaufen. Es werden jedoch auch Vorschläge unterbreitet, wie „im Gegensatz zu neofeudalistischen Tendenzen auch unter kybernetisierten Bedingungen eine egalitäre, demokratische und ökologisch eingebettete Gesellschaft“ ermöglicht werden kann.

Text: Martin Geist

Buchcover
© transcript Verlag

Digitalisierung ist zunächst ein technisches Phänomen, wirkt aber doch weit hinein in soziale, kulturelle und politische Prozesse. Heidrun Allert und Martin Donner vom Institut für Pädagogik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) legen dies in ihrem neuen Buch „Auf dem Weg zur Cyberpolis“ facettenreich dar.

Über die Publikation:

Martin Donner, Heidrun Allert. Auf dem Weg zur Cyberpolis. Erschienen im transcript Verlag und unter transcript-verlag.de kostenlos als PDF oder E-PUB abrufbar.

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