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Kieler Universität ehrt die besten Promotionsarbeiten

Fakultätspreisverleihung 2019

Gruppenbild

vordere Reihe (v. links): Natalie M. Nobitz, Wassili Lasarov, Luisa Schneider, Stefanie Muff, Elisa Kuhne, Chiara Fioravanti, Falk Hubertus Behrens, Lutz Kipp
hintere Reihe (v.links): Ariane Kehr,  Marike Hansen, Christine Kirchhof, Cord-Christian Casper, Tobias Dornheim, Jan Lohrengel, Ole Christian Martin, Anja Pistor-Hatam

Das Wie und Warum des Rätselstellens, neueste Erkenntnisse über warme dichte Materie oder die verbesserte Diagnostik der Herz- und Hirnströme im menschlichen Körper: Für ihre herausragenden Arbeiten zu diesen und vielen weiteren Forschungsthemen erhielten die besten Doktorandinnen und Doktoranden heute (Mittwoch, 5. Juni) die Fakultätspreise 2018 der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). „Sie haben sich mehrere Jahre einem Forschungsthema gewidmet und dieses in hervorragenden Arbeiten umgesetzt, das ist echte Spitzenforschung! Jetzt ziehen Sie in die Welt. Halten Sie dabei die Fahne für Ihre Kieler Universität hoch und lassen Sie auch mal von sich hören“, wünschte sich Professor Lutz Kipp, CAU-Präsident, bei der Übergabe der Urkunden. Dotiert sind die Fakultätspreise mit jeweils 1.000 Euro.

Neben den Fakultätspreisen wurden der DAAD-Preis  für hervorragende Leistungen ausländischer Studierender und der Genderforschungspreis  für hervorragende Arbeiten mit einem Bezug zu Geschlechterfragen vergeben. Außerdem wurde in diesem Jahr erstmals der Aenne-Liebreich-Preis  für Abschlussarbeiten im Bereich der Diversitätsforschung verliehen. „Dieser Preis ist im Rahmen des Auditierungsverfahrens ‚Vielfalt gestalten‘ entstanden. Ich freue mich ganz besonders, dass wir heute die ersten beiden Preisträgerinnen damit auszeichnen und zugleich das Andenken an Aenne Liebreich ehren können“, sagte Professorin Anja Pistor-Hatam, CAU-Vizepräsidentin für Studienangelegenheiten, Internationales und Diversität.

Fakultätspreise 2018

Theologische Fakultät

Dr. JAN LOHRENGEL
„Eine evangelische Auslandsgemeinde im Kontext nationalsozialistischer Machtpolitik – das Beispiel Istanbul“

„In meiner Dissertation zeige ich am Beispiel Istanbul, wie sich das Leben einer deutschsprachigen evangelischen Auslandsgemeinde im Kontext nationalsozialistischer Machtpolitik entwickelt hat. Zahlreiche von den deutschen Behörden verfolgte Akademiker fanden in der Türkei Zuflucht und beeinflussten den Gemeindealltag nachhaltig. Untersucht habe ich vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges die Beziehungen der Gemeinde zu anderen internationalen Religionsgemeinschaften, die in Istanbul ansässig waren.“

Rechtswissenschaftliche Fakultät

Dr. ELISA KUHNE
„Die Sachentscheidungsbefugnis des Revisionsgerichts nach der Einführung des § 354 Abs. 1a StPO“

„In meiner Arbeit wird das Spannungsfeld beleuchtet zwischen der revisionsgerichtlichen Praxis, die aus Gründen der Verfahrensbeschleunigung und der Prozessökonomie ein Bedürfnis danach hat, im möglichst großen Umfang ein Strafverfahren mittels einer eigenen Sachentscheidung zum Abschluss zu bringen, und dem Interesse des Angeklagten auf Wahrung seiner verfassungsrechtlich verbürgten Verfahrensrechte. Da das Revisionsgericht in den allermeisten Fällen durch Beschluss, d.h. ohne mündliche Verhandlung entscheidet, sind die Verfahrensrechte des Angeklagten, insbesondere sein Recht auf rechtliches Gehör sowie sein Recht auf ein faires Verfahren, bei einer Sachentscheidung durch das Revisionsgericht eingeschränkt. Zum Schluss wird ein eigener Reformvorschlag für eine gesetzliche Neuregelung der Sachentscheidungsbefugnisse unterbreitet, der diese Interessen in einen angemessenen Ausgleich bringen soll.“

Medizinische Fakultät

Dr. STEFANIE MUFF
„Die Rolle von Calcineurin und Nuclear Factor of Activated T cells in der kolorektalen Karzinogenese“

„Im Rahmen meiner Doktorarbeit habe ich die Rolle des Enzyms Calcineurin B und des Transkriptionsfaktors NFAT für die Entstehung von Darmkrebs untersucht. Mithilfe der Zellkultur und einem Mausmodell konnte ich zeigen, dass dieser Signalweg in Darmtumoren die Zellteilung stimuliert und den programmierten Zelltod hemmt und dadurch zu einem vermehrten Tumorwachstum führt. Als wesentliche Aktivatoren des Signalwegs konnte ich Bestandteile von Bakterien identifizieren, was bedeutet, dass die Darmflora zur Entwicklung von Darmkrebs beitragen kann.“

Philosophische Fakultät

LUISA SCHNEIDER
„Vom Suchen und Finden. Untersuchungen zu griechischen Rätseln“

„Rätsel spielen in der griechischen Antike nicht vereinzelt, sondern ganz prominent in literarischen Kontexten und in verschiedenen alltäglichen, pädagogischen und kultischen Zusammenhängen eine Rolle. Die vorgelegte Arbeit widmet sich dem Verständnis dieser vielfältigen Gattung in einem umfassenden Sinn, der nach dem Wie und dem Warum des Rätselstellens sowie nach Identität und Eigenschaften des Rätselpersonals und seiner Rätselobjekte fragt.“

CORD-CHRISTIAN CASPER
“Against Anarchy: Political Alterity in Early Modernism”

„Meine Dissertation setzt sich mit der Darstellung des Anarchismus im politischen Roman des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts auseinander. Sie stellt dar, wie der Anarchismus als Kontrastfolie benutzt wird, um kulturelle Ängste und politische Unordnung zu verhandeln. An der Schnittstelle von Literaturwissenschaft, Diskursgeschichte und politischer Theorie zeigt die Dissertation die Strategien, mit denen die Romane einen ‚politischen Anderen‘ konstruieren, um im Gegenzug den Eindruck einer vermeintlich stabilen politischen Ordnung und Identität zu erwecken.“

Agrar- und Ernährungswissenschaftliche Fakultät

Dr. FALK HUBERTUS BEHRENS
“Investigation on the role of miRNAs in regulating plant-Verticillium longisporum interactions in oilseed rape (Brassica napus) and Arabidopsis thaliana”

„Intensiver Anbau von Raps hat zu schweren Problemen wie z.B. Krankheiten durch bodenbürtige Pathogene geführt. Der hemibiotrophe pilzliche Schaderreger Verticilliumlongisporum parasitiert an Raps, was dessen Anbau beeinträchtigt. Ein wichtiger Mechanismus, der die Interaktion von Pflanze und Pathogen beeinflusst, ist die posttranskriptionelle Genregulation, die u.a. durch nicht-codierende micro RNAs (miRNAs) bestimmt wird. In meiner Dissertation werden drei Kapitel präsentiert, die auf die Identifikation, Charakterisierung und funktionelle Analyse von miRNAs aus Raps abzielen. Dabei wird im Besonderen die Rolle der rapsspezifischen miR1885 in der Pflanzen-V. longisporum-Interaktion herausgestellt.“

Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät

Dr. TOBIAS DORNHEIM
“The Uniform Electron Gas at Warm Dense Matter Conditions. A Permutation Blocking Path Integral Monte Carlo Perspective“

„Die sogenannte warme dichte Materie ist ein exotischer Zustand mit extremen Drücken und Temperaturen, welcher von hoher Bedeutung unter anderem für die Beschreibung von astrophysikalischen Objekten (z.B. dem Inneren von Planeten) und High-Tech-Anwendungen (z.B. Trägheitsfusion) ist. In meiner Doktorarbeit konnte zum ersten Mal eine vollständige, akkurate Beschreibung eines Elektronengases unter diesen Bedingungen gefunden werden. Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage für die zukünftige theoretische Beschreibung und Modellierung von zahlreichen Anwendungen und Experimenten im Bereich der warmen dichten Materie.“

OLE CHRISTIAN MARTIN
“High-frequency statistics with irregular and asynchronous data”

„Meine Arbeit befasst sich mit der Untersuchung von Modellen für stochastische Prozesse in stetiger Zeit, basierend auf unregelmäßigen und asynchronen Beobachtungen. Es werden verschiedene statistische Verfahren in einer Hochfrequenz-Situation diskutiert, d.h. dass Beobachtungszeitpunkte der Prozesse in immer kleineren Zeitabständen auftreten. Stochastische Prozesse von dieser Form und zugehörige statische Verfahren finden unter anderem Anwendung in der Modellierung von Finanzzeitreihen wie z.B. Aktienkursen.“

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät

Dr. WASSILI LASAROV
“Social and Dynamical Influences on Individual Rationalization Processes in Moral Consumption”

„In Politik und Gesellschaft wird in Deutschland zunehmend ein Wandel hin zu einer wettbewerbsfähigen, umwelt- und sozialverträglichen Wirtschaft gefordert („Green Economy“), der sich einerseits bei vielen Verbrauchern in einem erhöhten Bewusstsein für nachhaltige Lebensstile ausdrückt, andererseits oftmals nicht in tatsächlichen Konsum übertragen wird. Meine Dissertation basiert auf der Annahme, dass diese Einstellungs-Verhaltenslücke auf einem individuellen Zielkonflikt zwischen normativen gesellschaftlichen Vorgaben (z.B. nachhaltige Mobilität) und persönlichen Motiven (z.B. Kauf eines leistungsstarken Autos) fußt. Dafür habe ich Faktoren untersucht, die diesen Zielkonflikt beeinflussen. Die Arbeit stellt insbesondere die hohe Bedeutung soziokultureller Einflüsse in den Vordergrund, z.B. die Betonung individualistischer Werte in einer Kultur oder das (un-)moralische Konsumverhalten des sozialen Umfelds.“

Technische Fakultät

Dr.-Ing. CHRISTINE KIRCHHOF
„Resonante magnetoelektrische Sensoren zur Detektion niederfrequenter Magnetfelder“

„Im Rahmen meiner Dissertation wurden neuartige Magnetfeldsensoren entwickelt und erforscht, deren Zielsetzung es ist, die Diagnostik der Herz- und Hirnströme im menschlichen Körper zu verbessern. Der Fokus der Arbeit lag hierbei in der Integration verschiedener Materialien und der Realisierung eines siliziumbasierten chip-nahen Prozesses. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der elektrotechnischen Fakultät konnten zudem große Fortschritte in den elektronischen Auslesetechniken und im Verständnis des Signal-zu-Rausch Verhältnis erzielt werden.“

DAAD-Preis

CHIARA FIORAVANTI
Die Masterstudentin Chiara Fioravanti studiert Deutsch und Philosophie im vierten Semester. Ihr gesamtes Studium hindurch zeichnet sie sich durch hervorragende Studienleistungen aus, wofür sie seit 2016 ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes erhält. Im Rahmen eines linguistischen Seminars veröffentlichte sie eine sprachphilosophische Studie in einer renommierten philosophischen Fachzeitschrift (2018). Eine weitere Veröffentlichung als Mitherausgeberin eines niederdeutschen Dramentextes von 1640 ist für dieses Jahr geplant. Zudem ist sie wissenschaftliche Hilfskraft am Germanistischen Seminar und Leiterin eines Tutoriums. Ehrenamtlich hat Chiara Fioravanti außerdem einen Deutschkurs für Geflüchtete angeboten und sie leitet seit Februar 2019 eine Deutschlerngruppe für Geflüchtete. Studienaufenthalte verbrachte die gebürtige Italienerin in Bristol und València.

Genderforschungspreis

Dr. MARIKE HANSEN
„Erna Scheffler (1893-1983) – Erste Richterin am Bundesverfassungsgericht und Wegbereiterin einer geschlechtergerechten Gesellschaft“
Dotierung: 1.000 Euro

Die Untersuchung von Marike Hansen zeichnet nicht nur den steinigen Weg einer der ersten Jura-Studentinnen in Deutsch­land zu einer der ersten Volljuristinnen und Richterinnen nach, die während der NS-Zeit entrechtet und entlassen wurde, und die ihre Laufbahn als Richterin erst in der Nachkriegs­zeit wiederaufnehmen und mit der Ernennung zur Richterin am Bundesverfassungsgericht krö­nen konnte. Vielmehr entfaltet Marike Hansen den persönlichen Kampf Erna Schefflers um ihre beruf­liche Gleichberechtigung im Kontext der langen Bemühungen um die rechtliche Gleichstellung der Frauen.

Der Genderforschungspreis wird seit zehn Jahren an der CAU an eine herausragende Dissertation mit einem Bezug zur Genderforschung verliehen. Antragsberechtigt sind Wissenschaftler*innen aller Fakultäten, die Entscheidung über den Preis fällt der zentrale Gleichstellungsausschuss des Senates.

Aenne-Liebreich-Preis

Dr. NATALIE M. NOBITZ
Dissertation: “History´s Queer Stories: Retrieving and Navigating Homosexuality in British Fiction about the Second World War“
Dotierung: 1.000 Euro

„Mein Buch ‚History’s Queer Stories‘ untersucht anhand von vier Romanen britischer Autor*innen die retrospektive literarische Repräsentation von Homosexualität während des Zweiten Weltkriegs und zeigt auf, dass Kriegsliteratur facettenreich und nicht zwingend heteronormativ geprägt ist. Gleichzeitig wird die vorhandene literaturwissenschaftliche Behandlung der Romane aus den 1950er Jahren kritisch betrachtet, um eine Revision der queeren Geschichtsschreibung anzuregen, und um die Genealogie von pre- und post-Stonewall Literatur stärker hervorzuheben. Die Untersuchung bislang unbekannter oder unerkannter Werke von nicht-kanonisierten schwul-lesbischen Autor*innen hilft dabei, diversitäre und dekonstruierende queer stories zu etablieren, welche zu einem fundierten queeren Selbstbewusstsein und zu einer facettenreichen Geschichtsschreibung beitragen – meine Dissertationsschrift setzt hier an und sich somit von anderen literarischen Kriegsforschungen ab.“

ARIANE KEHR
Masterarbeit: “Social Transformation through Transnational Solidarity and Self-Empowerment in the Context of the European Border- and Migration Regime“
Dotierung: 500 Euro

„In meiner Masterarbeit habe ich das europäische Migrations- und Grenzregime sowie solidarische Gegenbewegungen machtkritisch analysiert. Hierbei wurde sichtbar, dass die aktuelle Grenzpolitik der Europäischen Union systematisch fundamentale Menschenrechte missachtet. Soziale Bewegungen, die auf Konzepten der Solidarität sowie des Self-Empowerments (Selbstbestimmung) basieren, weisen immer wieder auf diese fatalen Umstände hin und arbeiten an alternativen sowie autonomen Lebensweisen und Politiken (bspw. das Recht auf Bewegungsfreiheit). Damit (weiße) Solidaritätsbewegungen aber nicht den Fehler begehen und paternalistische sowie koloniale Strukturen reproduzieren, die sie eigentlich überwinden wollen, müssen die eigenen Ziele und Strukturen innerhalb der Solidaritätsarbeit kritisch geprüft werden.“

Über den Aenne-Liebreich-Preis

Der Preis wird zum ersten Mal an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel vergeben. Mit ihm werden Abschlussarbeiten und Dissertationen mit Bezug zu Fragen gesellschaftlicher Vielfalt und/oder sozialer Gerechtigkeit gewürdigt und es wird an die universitäre Zugehörigkeit und an das Leben von Aenne Liebreich erinnert. Dr. Aenne Liebreich arbeitete von 1927 bis 1933 als außerplanmäßige Assistentin am Kunsthistorischen Institut in Kiel. Sie gehörte zu den vertriebenen Wissenschaftler*innen, die Opfer der rassistischen und antidemokratischen Politik des Nationalsozialismus wurden.

Über Aenne Liebreich

Dr. Aenne Liebreich arbeitete von 1927 bis 1933 als außerplanmäßige Assistentin am Kunsthistorischen Institut in Kiel. Während dieser Zeit schreibt sie an ihrer Habilitationsschrift über den niederländisch-burgundischen Künstler Claus Sluter. Mit einem Stipendium der „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler“ ist es der jungen Kunsthistorikerin möglich, ihre Habilitation 1932 abzuschließen, die in Fachkreisen einhellig gelobt wird.

Nach der Machtergreifung wird die Kunsthistorikerin am 30. April 1933 zuerst beurlaubt und schließlich am 30. Juni entlassen, da sie nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ „nicht-arischer“ Abstammung ist. Es ist ihr nicht mehr möglich, ihr Habilitationsverfahren in Deutschland zu Ende zu bringen.

Aufgrund ihrer Kontakte zu französischen Kollegen und ihrer Sprachkenntnisse erhält sie eine Assistentenstelle bei Henri Focillon am Institut d'art et d'archéologie an der Sorbonne in Paris, wo sie sich weiterhin mit Stipendien finanziert. Neben der Lehre übersetzt sie das Sluter-Manuskript und reicht es bei Focillon als Doktorarbeit ein. Das Buch erscheint 1936 und wird positiv aufgenommen. Trotz dieses Erfolges nimmt sie sich nach Kriegsbeginn im Winter 1939/40 im Pariser Exil das Leben.

Weitere Informationen:

www.kunstgeschichte.uni-kiel.de...

Claudia Eulitz
Sachgebietsleitung Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation