Forschung | Geisteswissenschaft

Kultivierte Angst

Sorge, Furcht, Panik, Kontrollverlust, Phobie, Unsicherheit: Angst hat viele Gesichter, und sie wird geschürt durch Terroranschläge, Künstliche Intelligenz oder Klimawandel, populistische Politik, Migration oder Krisen aller Art. Seit sich im Jahr 2015 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) in Kooperation mit amerikanischen Kolleginnen und Kollegen daran machten, Angstkultur (genannt „Anxiety Culture“) zu erforschen, wächst das Forschungsgebiet rapide. Nach nunmehr vier Jahren ziehen sie ein Zwischenfazit.

„Der Begriff Angstkultur bedeutet, dass Angst nicht nur eine persönliche Wahrnehmung ist, sondern dass Ängste auch stark kulturell geprägt werden. Jeder hat Angst, aber von Kultur zu Kultur ist das Empfinden darüber anders“, erklärt PD Dr. Karen Struve von der Kieler Projektkoordination den Ausgangspunkt der Forschung und nennt ein Beispiel: Wenn an amerikanischen Schulen bewaffnete Sicherheitskräfte eingesetzt werden, dann trägt das vermeintlich zur Beruhigung bei (genannt „securitisation“). Eine ähnliche Situation in Deutschland würde dagegen wohl eher Angstgefühle wecken. „Wie Angst in verschiedenen Kulturen und in verschiedenen Situationen wahrgenommen wird, wie mit ihr umgegangen wird und wie Emotionalitäten in der Gesellschaft Wirkung zeigen, das sind einige unserer Kernfragen“, ergänzt der Projektleiter Professor Ulrich Hoinkes vom Romanischen Seminar.

Laut Dr. John Allegrante, Mitbegründer des Projekts und Professor für Gesundheits- und Verhaltensforschung am Teachers College und in den sozialmedizinischen Wissenschaften an der Mailman School of Public Health an der Columbia University, „gibt es eine Vielzahl empirischer Belege dafür, dass Angst ein allgegenwärtiges und heimtückisches Merkmal des modernen Lebens ist. Das National Institute of Mental Health in den Vereinigten Staaten schätzt, dass 31 Prozent der Erwachsenen in ihrem Leben eine Angststörung haben werden. Wir wissen viel über den Begriff ‚Angst‘ als medizinisches Idiom auf individueller, klinischer Ebene. Was wir noch nicht wissen, ist, wie Angst aussieht und welche Auswirkungen sie auf kultureller und sozialer Ebene hat“.

„Das Phänomen ‚Angst‘ ist zudem keiner Leitdisziplin zugeordnet. Jedes Fachgebiet findet seinen Anknüpfungspunkt“, so Hoinkes weiter. „Wir nähern uns den Angstkulturen deshalb aus verschiedenen Fachrichtungen, binden Expertinnen und Experten ein, und wollen letztlich verstehen, was auf gesellschaftlicher Ebene dahintersteckt.“ Seien es Unsicherheiten beim Einsatz intelligenter Roboter mit Demenzerkrankten, Sorgen um die kulturelle Identität, wenn die eigene Muttersprache gefährdet ist, oder Finanzkrisen, ausgelöst durch Panikreaktionen an der Börse: „Wenn man darüber nachdenkt, findet jeder Experte und jede Expertin Angstkulturen auf dem eigenen Gebiet“, so Hoinkes.

Das Ziel der Kieler Forschenden ist nicht, einfache Handlungsempfehlungen zur Lösung von Ängsten in der Gesellschaft zu geben. Vielmehr „eröffnet die Betrachtung von Ängsten ganz neue Perspektiven auf komplexe, globale Probleme“, erläutert der Romanist Hoinkes. Ein Beispiel lieferte jüngst die Klimaaktivistin Greta Thunberg mit ihrem Aufruf „It’s time to panic!“ (Es ist Zeit für Panik.) Aus Sicht der Kieler Forscherinnen und Forscher ist es der Versuch, Angst als positive dynamische Kraft zu nutzen. „Seither ist Klimaangst in aller Munde“, berichtet die Kulturwissenschaftlerin Struve. Aber auch auf politischer Ebene, ob durch Veränderung von Machtverhältnissen oder durch bewusste Instrumentalisierung von Ängsten zum Beispiel gegenüber Geflüchteten, sind Angstkulturen als Mittel der Machtausübung etabliert. Die Angstkultur könne negative, jedoch auch positive Wirkungen zeigen, betont Hoinkes: „Solange Angst nicht lähmend wirkt, sondern neues Denken und Handeln anstößt, kann sie sogar dabei helfen, eine  Gesellschaft voran- und zusammenzubringen – wie im Falle der Klimaangst.“ Unverantwortlich sei es dagegen, diffuse Befürchtungen als Machtinstrument zu missbrauchen, wie es populistische Staatspräsidenten gern tun.

Angst, mit Methode

Insgesamt widmen sich die Kieler und amerikanischen Forschenden in ihren Studien vier Themenkomplexen: 1) Klima und Umwelt, 2) Migration/Sprache/Kultur, 3) Population Health (Gesundheitsfragen aus ganzheitlicher Perspektive) sowie 4) Politik/Arbeit/Gesellschaft.

Über alle Themenkomplexe hinweg erforschen sie die theoretischen Grundlagen, nehmen die Verankerung in der Bildung in den Blick und hinterfragen, inwieweit neue Technologien die jeweilige Angstkultur prägen. Zu diesem Zweck werten sie politische Reden, Interviewsequenzen und die mediale Berichterstattung aus. Aber auch literarische und künstlerische Werke werden herangezogen, um den gesellschaftlichen Umgang mit Ängsten zu erfassen.  

Angst, vom deutschen zum globalen Phänomen

Die „German Angst“ geht zurück auf die 1970er und 80er Jahre, als die Angst vor einem allumfassenden Atomkrieg durch die Katastrophe von Tschernobyl ins Unermessliche stieg und zugleich die Welt an einem globalen Waldsterben oder wahlweise durch den RAF-Terror zu Grunde zu gehen schien. Die daraus entstandenen existenziellen Ängste waren in Deutschland besonders ausgeprägt. Heutzutage ist Angst längst nicht mehr den Deutschen vorbehalten, sondern zu einem globalen Phänomen geworden, darin sind sich die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einig. Der kulturelle Vergleich zeige aber deutliche Unterschiede im Umgang mit der Angst, die die Forschenden helfen wollen, ein Stück weit besser zu verstehen: „Unser Projekt versucht, Angst als kulturelles und soziales Phänomen zu verstehen, so dass wir vor dem Hintergrund tiefgreifender globaler Herausforderungen wie Migration, Klimawandel und dem rasanten Tempo der Automatisierung und des technologischen Fortschritts unsere Bildungspolitik und -praxis informieren können, und um der nächsten Generation zu helfen, Angst besser zu verstehen und damit umzugehen“, schließt Allegrante.

Über das Anxiety Culture-Projekt

Das Forschungsprojekt „Anxiety Culture“ läuft seit 2015 unter der Leitung von Professor Ulrich Hoinkes unter Mitarbeit von Dr. Mar Mañes-Bordes am Romanischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel . Bisher konnten rund 200.000 Euro aus Mitteln der Alfred-Töpfer-Stiftung sowie aus verschiedenen Einzelinitiativen eingeworben werden. Mehrere amerikanische Hochschulen – allen voran das Teachers College der Columbia University in New York –  sind an dem Projekt ebenso beteiligt wie der in den USA ansässige Council for European Studies (CES), das Alliance Program der Columbia University, mehrere renommierte Hochschulen in Paris und das in Freiburg ansässige europäische Universitätsprojekt „Eucor –The European Campus“. Auf dem diesjährigen Kongress des CES in Madrid präsentierten Ulrich Hoinkes, Karen Struve und John Allegrante gemeinsam mit weiteren Kolleginnen und Kollegen das Anxiety Culture-Projekt für rund 1.500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der ganzen Welt.

Stark unterstützt wird die Angstforschung außerdem von dem Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) sowie durch zahlreiche Kieler Professuren aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, den Natur-, Meeres- und Wirtschaftswissenschaften.

Weitere informationen:
www.europenowjournal.org/2018/07/01/...

Wissenschaftlicher Kontakt:

Prof. Dr. Ulrich Hoinkes
Co-Projektleitung im „Anxiety Culture-Projekt“
Romanisches Seminar
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
0431/880-2265
hoinkes@romanistik.uni-kiel.de

Wissenschaftlicher Kontakt:

PD Dr. Karen Struve
Research Manager im „Anxiety Culture-Projekt“
Romanisches Seminar
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
0431/880-3300
kstruve@romsem.uni-kiel.de

Wissenschaftlicher Kontakt:

Prof. Dr. John Allegrante
Co-Projektleitung im „Anxiety Culture-Projekt“
Gesundheits- und Verhaltensforschung
Teachers College
Columbia University
+1 212-678-3960
jpa1@tc.columbia.edu

Pressekontakt:

Claudia Eulitz
Sachgebietsleitung Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation