Evolution by the Sea: Konferenz zur Evolutionsforschung im Kieler Raum

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der evolutionswissenschaftlichen Forschungsinitiativen an der CAU und ihren Partnerinstitutionen tagen erstmals gemeinsam in der Landeshauptstadt

Am heutigen Mittwoch, 15. September, ging die gemeinsame Konferenz der Forschungsinitiativen Clinician Scientist Program in Evolutionary Medicine (CSEM), Leibniz-WissenschaftsCampus Evolutionäre Medizin der Lunge (EvoLUNG) und DFG-Graduiertenkolleg (GRK) Translationale Evolutionsforschung (TransEvo) unter dem Titel „Evolution by the Sea" zu Ende. Seit Montag diskutierten rund 75 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den verschiedenen Verbünden an und mit Beteiligung der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel (CAU) über ihre jeweiligen Fachgebiete in der Evolutionsforschung. Eine gemeinsame Herausforderung besteht in unbeabsichtigten menschlichen Eingriffen in natürliche Systeme. Sie führen oft dazu, dass der Ablauf der natürlichen Selektion als Treiber evolutionärer Entwicklungen verändert wird. Diesen oft negativen Veränderungen wollen die Kieler Forschenden entgegenwirken, indem sie die zugrundeliegenden evolutionäre Prinzipien erforschen und darauf basierende Strategien zum Beispiel in der Evolutionsmedizin, im Umweltschutz oder in der Landwirtschaft entwickeln. Gemeinsames Ziel der Forschenden sind neue Ansätze zur Lösung großer gesellschaftlicher Herausforderungen wie der Antibiotikakrise, der Bewahrung natürlicher Ressourcen oder der Ernährungssicherheit.

In 20 Vorträgen, verschiedenen Poster-Präsentationen und Diskussionsrunden tauschten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die vielfältigen Facetten des umfangreichen Forschungsgebietes aus. Besondere Schwerpunkte der Tagung bildeten unter anderem evolutionäre Strategien zur Vermeidung von Resistenzen bei der Antibiotikagabe oder in der Tumortherapie. Ebenso spielten die Evolutionsmedizin, also die Berücksichtigung evolutionärer Prozesse bei der Behandlung verschiedener Krankheiten, der Einfluss der Fischerei auf Fischbestände oder die Entwicklung von Resistenzen bei Pflanzenschädlingen eine wichtige Rolle. Wichtige Impulse lieferten dabei die Gastvorträge internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter anderem von der Universität Bergen oder dem Pariser Muséum National d’Histoire Naturelle.
 

Die Evolutionäre Perspektive stärken

„Das präzise Verständnis der vom Menschen beeinflussten Selektionsprozesse birgt den Schlüssel zu nachhaltigen Lösungen für eine Vielzahl von aktuellen Herausforderungen. Diese evolutionäre Sichtweise findet jedoch in Forschung und Anwendung oft noch zu wenig Beachtung - das wollen wir künftig ändern“, betont CAU-Evolutionsbiologe Professor Hinrich Schulenburg, Sprecher des GRK TransEvo und Mit-Organisator der Tagung. „Mit unserer Konferenz zur Evolutionsforschung bieten wir ein wichtiges Forum für diese Perspektive und ermöglichen zudem einen engen Austausch dieser gesellschaftlich relevanten und im Kieler Raum besonders stark aufgestellten Forschungsbereiche“, so Schulenburg weiter.
 

Hotspot der Evolutionsforschung

Keimzelle der evolutionswissenschaftlichen Aktivitäten in und um Kiel ist das Kiel Evolution Center (KEC), das sich seit 2016 als interaktive Wissenschaftsplattform an der CAU erfolgreich um eine Bündelung aller relevanten Forschungsinitiativen vor Ort bemüht. Inzwischen sind diese in mehreren Großforschungsprojekten und Zentren vernetzt und arbeiten eng mit verschiedenen Institutionen in der Region, zum Beispiel dem Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön, dem GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel oder dem Forschungszentrum Borstel, zusammen.

In diesem Rahmen markiert die nun erstmals durchgeführte Konferenz den Beginn einer Veranstaltungsreihe, die künftig ein regelmäßiges Austauschforum für die Evolutionsforschenden im Kieler Raum und ihre Kooperationspartnerinnen und -partner im In- und Ausland bieten soll. „Uns ist es in den vergangenen Jahren gemeinsam mit unseren starken Partnerinnen und Partnern gelungen, an der CAU und in der Kieler Region ein in Deutschland einzigartiges Zentrum zu formen, das interdisziplinäre Spitzenforschung rund um das Thema Evolution zusammenführt“, unterstreicht Professor Eva Stukenbrock, Vizesprecherin des GRK TransEvo und Mitglied im KEC. „Mit dieser Tagungsreihe und zahlreichen weiteren Aktivitäten wollen wir die Kieler Exzellenz auf diesem Gebiet künftig auch international sichtbar machen und die Vernetzung mit wichtigen Partnerinstitutionen weltweit fördern“, so Stukenbrock weiter.

Wissenschaftlicher Kontakt:

Prof. Hinrich Schulenburg
Sprecher Graduiertenkolleg (GRK)
„Translationale Evolutionsforschung“ (TransEvo), CAU:
0431-880-4141
hschulenburg@zoologie.uni-kiel.de

Über das CSEM-Programm:
Das Clinician Scientist-Programm in Evolutionärer Medizin (CSEM) ist von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und hat insbesondere die weitere Verwurzelung evolutionsbiologischer Prinzipien in der medizinischen Forschung zum Ziel. Ferner sollen nachhaltige Strategien zum Beispiel im Kampf gegen Behandlungsresistenzen bei verschiedenen schwerwiegenden Krankheiten entwickelt werden. Fokus von CSEM ist die evolutionäre Medizin. Die Grundsätze evolutionsbiologischen Denkens und Forschens werden in den Bereichen Antibiotikaresistenz, Onkologie, Hautbarriere, Entzündung, Mikrobiom und Altersforschung zur Anwendung gebracht. Hierfür werden biomedizinische und evolutionsbiologische Kenntnisse vermittelt. Ziel ist es, nachhaltige Lösungen für die großen Fragestellungen der Medizin zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen zum Beispiel Krankheitsbilder wie entzündliche Hauterkrankungen, Autoimmunerkrankungen, die auf eine gestörte Bakterienbesiedlung des Körpers zurückgehen, sowie verschiedene Krebserkrankungen. Schon heute lässt sich erkennen, dass die evolutionäre Medizin auf diesen Gebieten vielversprechende Perspektiven eröffnet. Diese Ansätze sollen weiterverfolgt werden und systematisch in die medizinische Ausbildung einfließen. Beteiligte Institutionen sind die Medizinische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), Kliniken des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, das Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie (MPI-EB) in Plön und die Lungenclinic Großhansdorf.

Über EvoLUNG:
Trotz großer Fortschritte in Diagnostik und Behandlung sind Lungenerkrankungen weltweit auf dem Vormarsch und gehören zu den häufigsten Todesursachen. Ziel des Leibniz-WissenschaftsCampus "Evolutionary Medicine of the Lung (EvoLUNG)" ist es, die Entstehung und Entwicklung chronischer Lungenerkrankungen wie Tuberkulose oder Asthma besser zu verstehen. Dazu untersuchen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in interdisziplinären Teams zum einen die Ausbreitung und Herkunft multiresistenter Erreger in der Lunge. Sie erforschen andererseits die Evolution von Genvarianten des Menschen, die Lungenerkrankungen begünstigen, sowie das komplexe Zusammenspiel von Krankheitsgenen, Mikroorganismen, Krankheitserregern und Umweltfaktoren bei der Entstehung von Erkrankungen der Lunge. Langfristig sollen in EvoLUNG bessere Diagnostika entwickelt und Therapien für Erkrankungen wie Asthma, Tuberkulose, zystische Fibrose oder chronische Bronchitis verbessert werden. Ein besonderer Fokus liegt auf der Vermeidung der Resistenzentwicklungen im Verlauf der Tuberkulose oder der zystischen Fibrose sowie auf einem besseren Verständnis der Rolle der körpereigenen Mikrobiota bei der Entstehung von Asthma. Beteiligt an EvoLUNG sind das Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum (FZB), die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und das Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön (MPI-EB).

Über das GRK TransEvo:
Das Graduiertenkolleg TransEvo ist ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Graduiertenkolleg GRK 2501) gefördertes Graduiertenkolleg an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Ziel ist es, die Relevanz evolutionärer Prinzipien für angewandte Probleme zu untersuchen und zu fördern. Unbeabsichtigte Folgen menschlicher Eingriffe resultieren oft aus Handlungen, die die natürliche Auslese beeinflussen, zum Beispiel der Einsatz von Antibiotika oder Krebsmedikamenten in der Medizin, von Pestiziden in der Landwirtschaft oder menschliche Eingriffe in die Ökosysteme der Erde. Überraschenderweise werden evolutionäre Konzepte nur selten genutzt, um unser Verständnis für diese angewandten Herausforderungen zu verbessern und neue nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Das übergreifende Ziel des Graduiertenkollegs TransEvo ist es, bei Doktoranden zwei Hauptkompetenzen zu schulen: die Nutzung von Wissen und Konzepten aus der evolutionsbiologischen Grundlagenforschung, um unser Verständnis für aktuelle Herausforderungen in angewandten Bereichen zu verbessern, und die Nutzung der neu gewonnenen Erkenntnisse, um unser Verständnis der Evolution zu bereichern.

Forschende auf einem Gruppenfoto
© Christian Urban, Uni Kiel

Rund 75 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den verschiedenen Verbünden an und mit Beteiligung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) tauschten sich über ihre jeweiligen Fachgebiete in der Evolutionsforschung aus.

Konferenzraum im Kieler Maritim Hotel
© Christian Urban, Uni Kiel

Gemeinsames Ziel in der Kieler Evolutionsforschung sind neue Ansätze zur Lösung großer gesellschaftlicher Herausforderungen wie der Antibiotikakrise, der Bewahrung natürlicher Ressourcen oder der Ernährungssicherheit.

Gruppenbild mit Forschenden
© Christian Urban, Uni Kiel

Vertreterinnen und Vertreter der Kieler Forschungsinitiativen und ihre Gäste bei der Evolution by the Sea-Tagung an der CAU (von links): Dr. Randi Bertelsen, Prof. John Baines, Prof. Laura Rose, Prof. Hinrich Schulenburg, Dr. Philipp Altrock, Prof. Thierry Wirth, Prof. Tal Dagan und Prof. Barbara Stecher.

Weitere Informationen:

Über das KEC

Das Kiel Evolution Center (KEC) als interaktive Wissenschaftsplattform an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) setzt sich zum Ziel, Evolutionsforscherinnen und -forscher in der Region Kiel besser zu koordinieren. Daneben sollen unter dem Schlüsselbegriff „Translationale Evolutionsforschung“ gezielt Brücken zwischen Grundlagenforschung und Anwendung geschlagen werden. Neben der Förderung der Wissenschaft stehen ausdrücklich auch Lehre und Öffentlichkeitsarbeit im Fokus des Kiel Evolution Center. Daran beteiligt sind neben der CAU auch Forschende vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, dem Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön (MPI-EB) und dem Forschungszentrum Borstel (FZB), Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften.

 

Pressekontakt:

Christian Urban
Wissenschaftskommunikation
„Kiel Life Science", CAU
0431-880-1974
curban@uv.uni-kiel.de