„Macht einen Unterschied!“

91 Lehramtsstudierende der Uni Kiel haben das Projekt SprachFoLL zur Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen absolviert

Kinder und Jugendliche, die erst kurze Zeit in Deutschland leben, stehen in der Schule vor besonderen Herausforderungen. Zum einen sind ihre Deutschkenntnisse oft nicht ausreichend, um dem Unterricht gut folgen zu können. Manche müssen auch erst das lateinische Alphabet lernen. Hinzu kommt, dass die Schülerinnen und Schüler aufgrund ihrer Fluchterfahrungen traumatisiert sein können. Lehramtsstudierende für diese Themen zu sensibilisieren und ihnen Hilfsmittel für die Förderung dieser Schülerinnen und Schüler an die Hand zu geben, war das Ziel des für zwei Jahre geförderten Zertifikatsprogramms SprachFoLL: „Sprachliche Bildung – Forschendes Lernen. Qualifizierung von Lehramtsstudierenden für die erfolgreiche Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen“ der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Am vergangenen Donnerstag (27. Juni) fand die Abschlussveranstaltung statt.

„Das Bewusstsein für Sprache und Sprachsensibilität muss in jeder guten Lehrkräftebildung integriert sein“, sagte Professorin Ilka Parchmann, Vizepräsidentin für Lehramt, Wissenschaftskommunikation und Weiterbildung der CAU, anlässlich der feierlichen Zertifikatsübergabe. Und es gehe nicht nur um Sprachsensibilität allein, es gehe auch um ein Bewusstsein für kulturelle Vielfalt.

Theorie und Praxis verbinden

An dem Projekt konnten alle Lehramtsstudierenden teilnehmen, egal ob sie Germanistik, Biologie, Mathematik oder ein anderes Fach studierten. Über zwei Semester erhielten sie Lehrveranstaltungen an der Universität und hospitierten drei Stunden in der Woche an Schulen. Dort arbeiteten sie überwiegend mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen, unterstützten die Lehrkräfte im Deutsch als Zweitsprache-Unterricht (DaZ) und konnten Erfahrungen in der interkulturellen Begegnung sowie mit heterogenen Lerngruppen sammeln. „Theorie und Praxis wurden parallel absolviert, damit eine direkte Rückkopplung stattfinden konnte zwischen den Erfahrungen im Unterricht und den in den Uni-Veranstaltungen gesammelten Erkenntnissen“, sagt Eylem Çetinöz. Die abgeordnete Lehrkraft für DaZ am Zentrum für Lehrerbildung begleitete die Studierenden während des Projektes und koordinierte die Zusammenarbeit mit den 15 Kooperationsschulen.

Die Praxisphase sei für die Studierenden eine wichtige Erfahrung gewesen, in der sie auch viel über sich selbst und die eigene Lehrpersönlichkeit gelernt hätten, berichteten sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Rahmen der Abschlussveranstaltung. „Ich habe gemerkt, wie viel Spaß und Freude man am Unterrichten haben kann, wie wichtig die Arbeit im DaZ-Bereich ist und dass die Entscheidung zum Lehramtsstudium für mich die richtige war“, sagte Alessa Bösche. Und Fin Bandholz wendete sich mit dem Appell, sich nicht auf dem Zertifikat auszuruhen und weiterhin eine Haltung im Beruf einzunehmen, an seine Kommilitoninnen und Kommilitonen: „Bleibt mutig, bleibt neugierig, überschreitet Grenzen, geht auf Menschen zu, tretet aus der Komfortzone, macht euch Arbeit, macht einen Unterschied!“

Qualifizierung für Studierende und Lehrkräfte

Im Rahmen der Zusatzqualifikation konnten die Studierenden an verschiedenen Workshops teilnehmen, etwa im Bereich Traumapädagogik, DaZ-Didaktik, Grammatikvermittlung, Alphabetisierung und sprachbewusster Fachunterricht. Auch die Lehrkräfte der kooperierenden Schulen profitierten von dem Projekt. Im ersten Jahr konnten sie sich im Bereich der durchgängigen Sprachbildung und der Selbstfürsorge in der pädagogischen Arbeit fortbilden, im zweiten Durchgang ging es um die Themen Wortschatz und Ressourcenorientierung im Umgang mit (familiär) belasteten Kindern und Jugendlichen.

Zudem enthielt das Qualifizierungsprogramm Elemente des forschenden Lernens. Die Studierenden begleiteten und unterstützten ein Kind intensiv sowohl im vorbereitenden DaZ- als auch im regulären Fachunterricht. Zum Abschluss des Zertifikats sollten sie als diagnostische Aufgabe den Sprachstand des Kindes einschätzen. „Wir sind stolz auf die Studierenden, die an den Schulen so viel Engagement gezeigt haben“, sagt Melanie Korn, die am Zentrum für Lehrerbildung (ZfL) die extracurricularen Angebote koordiniert. „Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer absolvierten das Programm schließlich freiwillig, ohne Leistungspunkte zu erhalten, und neben ihrem normalen Studienpensum.“

Ins Leben gerufen wurde das Projekt von Eylem Çetinöz und Melanie Korn gemeinsam mit Inger Petersen, Juniorprofessorin für Deutsch als Zweitsprache und fachintegrierte Sprachbildung am Germanistischen Seminar. Gefördert wurde es vom Stifterverband im Rahmen der Initiative „Integration durch Bildung“ mit 60.000 Euro. Insgesamt 91 Lehramtsstudierende verteilt auf zwei Durchgänge haben an dem Programm erfolgreich teilgenommen.

Ergänzungsfach Deutsch als Zweit- und Fremdsprache

Ab dem kommenden Wintersemester ist ein Studienangebot im Bereich Deutsch als Zweit- und Fremdsprache fest in das Curriculum integriert. Mit dem Ergänzungsfach „Deutsch als Zweit- und Fremdsprache“ können sich dann Germanistikstudierende im Lehramtsmaster mit den entsprechenden Vorkenntnissen in dem Bereich spezialisieren. „Wir sind dankbar, dass wir mit Hilfe des Stifterverbandes das SprachFoLL-Projekt durchführen und Studierende für dieses wichtige Thema sensibilisieren konnten. Aber nun freuen wir uns auch, dass das Thema an der CAU fest verankert und nicht mehr abhängig von eingeworbenen Geldern ist“, erklärt Petersen. Zudem soll am ZfL künftig ein Zertifikat für Lehramtsstudierende aller Fächer angeboten werden, die Erfahrungen und Kompetenzen im Bereich kulturelle Vielfalt sammeln möchten.

Kontakt:

Prof. Dr. Inger Petersen
Germanistisches Seminar
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
0431/880-1645
petersen@germsem.uni-kiel.de