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„Zucker bei die Fische!“ – Adipositas-Kongress in Kiel vom 19.-21. September 2019

Zuckerverzehr zu hoch, Adipositas noch immer unterschätzt – die Politik muss handeln!

Morgen beginnt der dreitägige wissenschaftliche Kongress der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Er steht unter dem Motto mit Kieler Flair: „Zucker bei die Fische!“. „Mit diesem Motto wollen wir - Wissenschaftler, Behandler, Adipositas-Patienten und Verbraucher -  zum Ausdruck bringen, dass unser Unmut wächst; nicht nur im Hinblick auf nach wie vor überhöhten Zuckergehalte in unseren Lebensmitteln und Getränken, sondern auch in Bezug auf die nach wie vor fehlende Adipositas­versorgung und insgesamt unzureichende präventive Maßnahmen. Endlich muss hier mehr passie­ren in Deutschland! Trotzdem verlieren wir in Kiel aber nicht unseren nord­deutschen Humor“, so Tagungspräsidentin Professorin Anja Bosy-Westphal augen­zwinkernd.

Zentrales Thema des DAG-Kongresses sind die Folgen des zu hohen Zuckerkonsums auf die Entwicklung von Übergewicht und dessen Folgeerkrankungen (wie z.B. Typ 2 Diabetes), deren metabolische Grundlagen, die Behandlung von Übergewicht (z.B. durch personalisierte Maßnahmen) sowie die Verhältnisprävention zur Schaffung „gesunder“ Lebenswelten. „Wir sind stolz darauf, dass wir hochrangige internationale und nationale Expertinnen und Experten wie Professorin Kimber Stanhope aus San Francisco, Professor Arne Astrup aus Kopenhagen und Professor Dirk Schaal aus Leipzig für unsere Keynotes gewinnen konnten“, freut sich Bosy-Westphal, die an der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät der CAU selbst zum Thema Zucker forscht.

Über die gesundheitlichen Risiken eines zu hohen Zuckerkonsums, z.B. die Förderung von Adipositas und Diabetes Typ 2 bestehe heute kein Zweifel mehr, so Bosy-Westphal. „Wir wissen heute auch, dass der Zucker in Getränken auch unabhängig vom Körpergewicht das Risiko für Diabetes Typ 2 erhöht. Und besonders bei Personen mit Übergewicht, körperlicher Inaktivität und familiä­rem Risiko für Diabetes ist der Anstieg des Blutzuckerspiegels durch zucker­haltige Getränke ein Problem.“ Die Angst vieler Verbraucherinnen und Verbraucher vor Zucker im Obst sei jedoch unbegründet: „Obstverzehr wirkt günstig auf Körpergewicht und Blutzuckerspiegel. Während der Saft zweier Äpfel schnell getrunken ist, macht das Essen der Äpfel deutlich satt und der Zucker geht nicht so schnell ins Blut“, erklärt Bosy-Westphal.

„Adipositas ist eine chronische Erkrankung von epidemischen Ausmaßen“, darauf weist Professorin Martina de Zwaan, Präsidentin der DAG, hin und appelliert an die Gesundheits­politik, endlich Verantwortung zu übernehmen und für die an Adipositas Erkrankten therapeutische Lösungen anzubieten: „Hier muss endlich eine Regelversorgung etabliert werden. Das macht auch ökonomisch Sinn: allein 43 Prozent der Diabeteskosten (1) gehen auf Adipositas zurück!“, so de Zwaan. „Ein sicher nicht ausreichen­der, aber erster Schritt könnte daher die Integration eines Adipositas-Moduls in das bestehende DMP Diabetes Typ 2 sein.“ Disease-Management-Programme (DPM) sind strukturierte Behandlungsprogramme für chronisch kranke Menschen.

De Zwaan weist weiter darauf hin, dass die DAG Gründungsmit­glied der neu gegründeten Deutschen Adipositas Allianz (DAA) ist. Diese fördere den Dialog und politi­schen Diskurs durch den Zusammenschluss von Fachgesellschaften, Ärzte- und Patienten­verbänden, Kranken­kassen, Rentenversicherung sowie Vertreterinnen und Vertretern der Industrie und Gesundheitspolitik. „Unser Ziel ist es, ein breites gesellschaftliches Bündnis zu schmieden und die dringend notwendige Regelversorgung zu etablieren. Wir sind auf einem guten Weg, erste Schritte sind gemacht“, so de Zwaan.

Patientenvertreterin Melanie Bahlke, Erste Vorsitzende des Adipositaschirurgie Selbst­hilfe Verband Deutschland, ist es wichtig, dass die Adipositas als eigenständige Krankheit anerkannt wird und dass Behandler und Behandlerinnen gut ausgebildet werden: „Als Menschen mit Adipositas werden wir tagtäglich stigmatisiert und diskriminiert, selbst von ärztlichem Behandlungs­personal. In erster Linie bin ich aber Mensch und möchte respektvoll behandelt werden, auch beim Arzt!“, so Bahlke, auch Vertreterin in der Bundesarbeitsgemeinschaft Adipositas. „Wir Menschen mit Adipositas fordern eine bedarfsgerechte und flächendeckende Behandlung für unsere Krankheit – wie es das ganz selbstverständlich bei anderen Krankheiten auch gibt“, so Bahlke.

Dr. Stefanie Gerlach, Vertreterin der DAG beim Runden Tisch und im nachfolgenden Begleit­gremium des Ernährungsministeriums zur Nationalen Reduktions- und Innovations­strategie für Zucker, Fett und Salz in verarbeiteten Lebensmitteln, fasst die Kritik der DAG an der Strategie von Ministerin Klöckner zusammen: „Die Strategie der freiwilligen Zielvereinbarung­en mit der Industrie sind evidenzbasiert nicht ausreichend oder sogar unwirksam. Sie sind auch unambi­tio­niert: Zu wenig Zielvereinbarungen, zu geringe Zielmarken, zu große Umsetzungs­zeit­­­räume, keine Stringenz in der Umsetzung, derzeit keine wettbewerbsfördernde Transpa­renz der Performance einzelner Unternehmen.“ Zudem hätten auch Erwachsene, nicht nur Kinder, ein Anrecht auf nährwertoptimierte Lebensmittel, Süßwaren seien nicht einbezogen (obwohl sie mit 36 Prozent die wichtigste Quelle für den Zuckerkonsum sind) (2) und der ganze Bereich des Snacking und der Außerhaus­verpflegung werde derzeit nicht berücksichtigt.

Zur erweiterten Nährwertkennzeichnung habe die DAG eine klare Haltung, erläutert Gerlach: „Wir favorisieren den NutriScore, weil seine Überlegenheit gegenüber anderen Nährwer­tkenn­zeich­nungsmodellen mehrfach bewiesen wurde. Wie unsere eigene Verbraucherumfrage mit weiteren Gesundheitsorganisationen gezeigt hat (3), fällt es insbesondere Menschen mit Übergewicht und Adipositas sowie Menschen mit geringer formaler Bildung leichter, mit dem NutriScore eine gesunde Lebensmittelauswahl zu treffen. Und darauf kommt es an.“

Quellen:

  1. Prof. Wasem, Parl. Lunch der Deutschen Adipositas-Allianz am 11.09.2019 im Deutschen Bundestag
  2. www.dge.de/fileadmin/public/... (PDF)
  3. www.dank-allianz.de/files/... (PDF)

Über die DAG

Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft e.V. (DAG) versteht sich als Fachgesellschaft von Wissenschaftlern und therapeutisch tätigen Experten, die sich dem Krankheitsbild Adipositas (starkes Übergewicht) widmen. Der gemeinnützige Verein hat sich vorrangig zum Ziel gesetzt, Forschung, wissenschaftliche Diskussion, Weiterbildung und wissenschaftlichen Nachwuchs im Bereich Adipositas zu fördern sowie Konzepte und Leitlinien zu Prävention, Diagnose und Therapie der Adipositas zu entwickeln. Neben der Veranstaltung von Fachtagungen engagiert sich die DAG berufspolitisch, forschungs­politisch und gesundheitspolitisch. Fachorgane der DAG sind die Zeitschriften "Adipositas" (Thieme Verlag) und "Obesity Facts" (Karger Verlag). Ein aktueller Tätigkeitsschwerpunkt der DAG ist es, Politik und Öffentlichkeit auf die „Public Health“-Aspekte der Adipositas hinzuweisen. Die DAG nimmt aktiv am Runden Tisch von Bundesministerin Julia Klöckner zur nationalen Reduktionsstrategie von Zucker, Salz und gesättigten Fetten in Fertigprodukten teil.

Eine Tochterorganisation der DAG ist die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) (www.a-g-a.de).

Die DAG ist Mitglied der World Obesity Federation (www.worldobesity.org), der European Association for the Study of Obesity (www.easo.org) sowie Mitgliedsgesellschaft der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) und der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) (www.dank-allianz.de).

Pressestelle Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG)

Dr. Stefanie Gerlach
pressestelle@adipositas-gesellschaft.de
während des Kongresses: sgerlach8@aol.com 
0163/ 8534731

Geschäftsstelle Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG)

Tel.: 089-710 48 358 (bis 12.00 Uhr)
info@adipositas-gesellschaft.de
www.adipositas-gesellschaft.de
Facebook: www.facebook.com/AdipositasGesellschaft

Prof. Anja Bosy-Westphal

Institut für Humanernährung und Lebensmittelkunde
0431/880-5676
abosyw@nutrition.uni-kiel.de