Erneute DFG-Förderung für klinisch Forschende in der Evolutionären Medizin

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Clinician Scientist-Programm CSEM an der Medizinischen Fakultät der CAU mit weiteren rund 700.000 Euro.

CSEM steht für „Clinician Scientists Program in Evolutionary Medicine“, auf Deutsch „klinisch Forschende in der Evolutionären Medizin“. 2019 startete das Fortbildungsprogramm an der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität (CAU) mit einer Anschubfinanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für zunächst drei Jahre. Jetzt sagte die DFG auch die Finanzierung für weitere zwei Jahre zu. Das Programm unterstützt speziell die Karrieren forschender Ärztinnen und Ärzte in einem strukturierten Curriculum und sichert ihnen geschützte Zeiten für die Forschung – die sich sonst kaum mit dem klinischen Alltag vereinbaren lassen. „Die thematische Spezialisierung ist einmalig. Unser Programm ist das erste weltweit, in dem sich Ärztinnen und Ärzte während ihrer Facharztweiterbildung auf die Evolutionäre Medizin spezialisieren können“, betont CSEM-Leiter Professor John Baines, der die Sektion für Evolutionäre Medizin am Institut für Experimentelle Medizin der CAU und eine Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, Plön, leitet. „Dass das Thema wichtig ist, wird auch durch die Förderzusage der DFG deutlich. Wir freuen uns sehr über diese Anerkennung und natürlich auch über die weitere Förderung für unsere neun Clinician Scientists.“ Der Dekan der Medizinischen Fakultät, Professor Joachim Thiery, dankte Baines und allen Beteiligten für das Engagement um den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Medizin. „Dies ist eine der schönsten und wichtigsten Aufgaben die wir haben! Der Erfolg des Programms bestärkt uns darin, die Evolutionäre Medizin in Kiel weiter auszubauen und die hier vorhandene Expertise in einem größerem Forschungsvorhaben zu bündeln.“

Zukunftsthema Evolutionäre Medizin

Die Evolutionäre Medizin ist ein junges Teilgebiet der Medizin, das die evolutionären Prozesse ergründet, die Krankheiten zugrunde liegen. Ziel ist auch, neue Ansätze zur Therapie und auch zur Vorbeugung von Krankheiten zu entwickeln. „Die Evolutionsbiologie hilft uns zum Beispiel dabei, die Entwicklung von Krebs zu verstehen. Im Grunde ist Krebs nichts anderes als die Evolution unserer eigenen Körperzellen im Laufe unseres Lebens“, erklärt Baines, der auch Vorstandsmitglied im Exzellenzcluster „Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI) ist. Ein weiteres wichtiges Themenfeld der evolutionären Medizin ist die Entstehung von Antibiotikaresistenzen und deren Bekämpfung. Darüber hinaus gibt es viele weitere Forschungsfragen, die sich aus der evolutionären Perspektive betrachten lassen. Die Clinician Scientists im CSEM untersuchen zum Beispiel die Evolution von Gen-Mikroben-Interaktionen bei der Anfälligkeit für entzündliche Hauterkrankungen oder die individuell unterschiedliche Anfälligkeit für Übergewicht. „Nahezu die Hälfte der Projekte sind in der Krebsforschung angesiedelt, die anderen liegen in den Bereichen Infektiologie, entzündliche Hauterkrankungen, Neurologie, Energiestoffwechsel und Immunologie“, so Baines. „Die evolutionäre Medizin eröffnet auf diesen Gebieten vielversprechende Perspektiven. Diese Ansätze sollen weiterverfolgt werden und systematisch in die medizinische Ausbildung einfließen.“

Die Universität Kiel eignet sich als Standort für eine evolutionsmedizinische klinische Forschung besonders, da sie sich gemeinsam mit ihren Partnerinstitutionen in der Region zunehmend zu einem bundesweiten Leuchtturm in der evolutionsbiologischen Forschung entwickelt. So schuf die CAU als erste Universität deutschlandweit eine Sektion für Evolutionäre Medizin. Sie ist zudem in verschiedenen großen evolutionswissenschaftlich orientierten Forschungskonsortien wie dem Leibniz WissenschaftsCampus „Evolutionary Medicine of the Lung“, dem Exzellenzcluster „Precision Medicine in Chronic Inflammation“ oder dem Sonderforschungsbereich 1182 „Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen“ aktiv. Weiterhin steht in Kiel die evolutionäre Sichtweise schon im Master- und Promotionsstudium im Mittelpunkt, unter anderem in der gemeinsam mit dem Plöner Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie geleiteten Graduiertenschule „International Max Planck Research School for Evolutionary Biology (IMPRS)“ und dem von der DFG geförderten Graduiertenkolleg „Translational Evolutionary Research (TransEvo)“. Das Kiel Evolution Center bündelt und vernetzt diese verschiedenen Aktivitäten und Akteure, für die derzeit auch ein neues Forschungszentrum gebaut wird.

Kombination aus strukturierter Facharztweiterbildung und klinischer Forschung

Das CSEM-Programm ist eins von vier Programmen für forschungsinteressierte Ärztinnen und Ärzte mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten, die die Medizinischen Fakultät der CAU mit dem Exzellenzcluster PMI und dem UKSH etabliert haben. Die Programme ermöglichen eine strukturierte Facharztweiterbildung, sichern die klinische und wissenschaftliche Qualifizierung und bieten gleichzeitig Freiraum für die Forschung. „Mit diesen Programmen begegnet die Universitätsmedizin in Schleswig-Holstein dem enormen Bedarf an forschenden und klinisch tätigen Ärztinnen und Ärzten“, betont Medizindekan Thiery. „Corona hat uns gezeigt, wie effizient, aber auch wie verletzlich und unvollkommen unsere medizinische Wissenschaft und Versorgung sind. Clinician Scientists sind unverzichtbar in diesem Zusammenhang.“ Eine Besonderheit der Clinician Scientist Programme in Schleswig-Holstein ist, dass sie in Zusammenarbeit mit der Landesärztekammer entwickelt wurden. Die Weiterbildungscurricula sind offiziell von der Ärztekammer Schleswig-Holstein zertifiziert. Die Weiterzubildenden haben Planungssicherheit. Am Ende des Programms, das je nach Fachgebiet bis zu acht Jahre dauert, haben sie ausreichend Forschungszeiten, und sie haben auch alle Inhalte erworben, die sie für die jeweilige Facharztprüfung benötigen.

Über CSEM

Das Clinician Scientist Program in Evolutionary Medicine (CSEM) wird gemeinsam von der Medizinischen Fakultät der Universität Kiel, dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), dem Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön (MPI-EB) und der LungenClinic Großhansdorf organisiert und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Das Programm bietet forschungsinteressierten jungen Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit, parallel zu ihrer klinischen Qualifikation zur Fachärztin oder zum Facharzt ein eigenständiges, Forschungsprojekt zu verfolgen und zur Habilitation zu führen. Dafür werden die Clinician Scientists als Teil ihres modularen Curriculums von der jeweiligen Klinik für die wissenschaftliche Tätigkeit freigestellt. Im Rahmen eines begleitenden, strukturierten Ausbildungsprogramms erhalten sie die Möglichkeit, umfangreiche methodische Kompetenzen und wichtige Schlüsselqualifikationen zu erwerben. Ziel ist es, nachhaltige Lösungen für die großen Fragestellungen der Medizin zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen zum Beispiel Krankheitsbilder wie entzündliche Hauterkrankungen, Autoimmunerkrankungen, die auf eine gestörte Bakterienbesiedlung des Körpers zurückgehen, sowie verschiedene Krebserkrankungen.

Text: Kerstin Nees

Portrait eines Mannes
© Christian Urban, Uni Kiel

John Baines leitet die Sektion für Evolutionäre Medizin am Institut für Experimentelle Medizin der CAU und eine Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, Plön.

Wissenschaftlicher Kontakt:

Prof. Dr. John Baines
Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, Plön
Institut für Experimentelle Medizin, CAU
baines@evolbio.mpg.de
04522/763 367

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Stabsstelle Presse, Kommunikation und Marketing der Kieler Universität
Sachgebiet Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation