Forschung | Geisteswissenschaft

Kieler Romanistin für „Wildes Wissen“ ausgezeichnet

Karen Struve erhält Elise Richter Preis 2019

Barbaren und Hottentotten, Tiermenschen und Wilde bevölkern das größte Wissenskompendium der europäischen Aufklärung, die französische Encyclopédie von Diderot und d’Alembert. Wie dieses Wissen über den „kolonialen Anderen“ konstruiert wurde, damit hat sich Privatdozentin Dr. Karen Struve vom Romanistischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) in ihrer Habilitationsschrift auseinandergesetzt. Für ihre Arbeit, und den damit verbundenen neuen Zugang zu einem alten Werk, erhielt sie den Elise Richter Preis 2019 des Deutschen Romanistenverbandes.

Es ging ihr um die immer noch sehr aktuelle Thematik, wie Wissen über Fremde entsteht, wie es eingeordnet wird und wie, im Falle der französischen Enzyklopädie, das Bild des Wilden mit dem vermeintlich so zivilisierten Aufklärer zusammenpasst. „Eigentlich wollten die Verfasser der Enzyklopädie mit Halbwissen aufräumen und den damaligen Wissensstand über die Welt gebündelt wiedergeben. Also auch alles Wissen, was man von außerhalb des europäischen Kontinents, der kolonialen Welt, wusste“, erklärt Struve. „Ich habe mir angeschaut, was insbesondere über den Menschen in der ‚anderen‘ Welt zu finden ist. Dafür habe ich sowohl Einträge über die Menschen in den kolonisierten Gebieten untersucht, als auch vermeintlich genuin europäische Artikel, in denen die koloniale Welt überraschend auftaucht.“ Man würde von einer Enzyklopädie einen objektiven Umgang mit „den Fremden“ erwarten, schließlich war die Aufklärung eine Zeit, in der die Menschenrechte entstanden. „Dem war natürlich nicht so. Ich habe daneben viele Artikel in dem Werk gefunden, die aus heutiger Sicht als rassistisch einzuordnen sind“, so Struve.

Erklären ließe sich das mit dem Wunsch des aufgeklärten Europäers, sich selbst von dem fremden, ungebildeten, unzivilisierten abzugrenzen und dadurch die eigene Überlegenheit herauszustellen, meint Struve: „Je dämonischer der Fremde, desto besser ist man selbst.“ Bei dieser Aussage blieb sie allerdings nicht stehen. Vielmehr erforschte Struve in ihrer Arbeit, was sich hinter diesen vermeintlich eindimensionalen Schilderungen der Wilden verbirgt. „Dass sich diese Stereotypen in der Enzyklopädie wiederfinden, hat mich nicht überrascht. Besonders ist allerdings, dass die Enzyklopädie kein reiner Faktentext ist. Das Wissen wird hier nicht nur beschrieben: Es gibt Beiträge aus der Ich-Perspektive, Wiedergaben mündlicher Rede und auch Märchen, Briefe oder andere literarische Werke werden zitiert. Das ist eigentlich das Gegenteil einer objektiven Darstellung von Wissen und hat mich sehr erstaunt“, so Struve.

Die Romanistin beschreibt es als eine Gleichzeitigkeit von Macht und Ohnmacht: Durch die Darstellung des Wilden als Kannibale, Barbar, Tiermensch oder auch als edler Wilder grenzt sich der aufgeklärte Mensch ab und unterstreicht die eigene Macht. Zugleich wird ein ambivalentes Bild des Fremden erzeugt, was in erzählerischen, subjektiven Beiträgen deutlich wird. Diese Komponente stehe für die Ohnmacht der aufgeklärten Welt, die längst nicht alles weiß und regelrecht mit Unwissen konfrontiert ist. So ist Struve in ihrer Arbeit immer wieder auf Passagen gestoßen, in denen Argumentationen abrechen, Themen plötzlich gewechselt werden oder auch offen geschrieben wurde: „Dazu kann ich nichts sagen“.

Warum bleiben solche Informationen dann überhaupt in einer Enzyklopädie? Struve: „Indem auch diese Beiträge, zum Beispiel Reiseberichte von Seefahrern, Eingang in das Werk gefunden haben, demonstrieren die Verfasser die eigene Reflektionsfähigkeit und damit auch wieder Macht. Das ist aber nur ein Teil der Antwort. Es ist auch ein Ausdruck der Ohnmacht, der unwillkürlich seinen Platz in der Enzyklopädie einnimmt.“ Es gab schlicht keinen gesicherten Zugang zu Wissen über „die Fremden“. Die aufklärerische Perspektive verlange deshalb vom Leser und von der Leserin, widersprüchliche Aussagen wahrzunehmen und ihnen mit Vernunft zu begegnen. Diese Erkenntnis reiche bis in die heutige Zeit. Jeder und Jede könne Wissen als Fakten vorbringen, diese Fakten aber für sich zu bewerten, läge in der Verantwortung des Einzelnen. Struves Fazit: „Das 18. Jahrhundert ist gar nicht so weit weg, wie wir denken.“  

Über Karen Struve:

PD Dr. Karen Struve studierte Romanistik und Kulturwissenschaft in Bremen, wo sie im Doktorandenkolleg „Prozessualität in transkulturellen Kontexten: Dynamik und Resistenz“ promoviert wurde. Leiterin der Nachwuchsgruppe im Fokusprojekt „Entzauberte Städte. Urbaner Raum und Migration in der französischsprachigen Gegenwartsliteratur“; Leiterin des Lehr- und Forschungsprojektes „Literaturvermittlung hoch3“ im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung. 2018 Habilitation. Seit 2019 ist sie Research Managerin im „Anxiety Culture“-Projekt an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Über den Preis:

Der Preis trägt den Namen der Wiener Romanistin Elise Richter (1865-1943). Sie war die erste Frau, die an der Universität Wien habilitiert wurde (1905). Als Jüdin wurde sie vom nationalsozialistischen Regime verfolgt und 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet. Der Deutsche Romanistenverband hat den Elise Richter Preis in diesem Jahr zum elften Mal vergeben. Alle zwei Jahre wird dieser Förderpreis anlässlich des Romanistentages an eine Habilitationsschrift und zwei Promotionen für herausragende Arbeiten vergeben. Er ist mit 1.000 Euro dotiert.

Claudia Eulitz
Sachgebietsleitung Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation