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Kieler Forschungsstelle Toleranz an der Kieler Universität eröffnet

Ein faires, produktives Miteinander erfordert Toleranz, darin ist sich die Öffentlichkeit im Allgemeinen einig. Was aber bedeutet Toleranz? Oft genug wird der Begriff mehrdeutig oder unscharf verwendet. Dies erschwert die Diskussion darüber, wie Toleranz erreicht und gewährleistet werden kann. Die Kieler Forschungsstelle Toleranz (KFT), die heute (Freitag, 14. September) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) eröffnet wurde, will in den kommenden Jahren das Thema Toleranz intensiv beforschen.

Anlässlich der Eröffnung sagte Wissenschaftsministerin Karin Prien: „Ich betrachte  es als einen großen Gewinn, dass die Universität Kiel sich der Entwicklung einer wissenschaftlich fundierten Toleranz-Konzeption angenommen hat. In einer Zeit, in der wir von einem teilweise radikalen Islamismus erschüttert werden, in der Antisemitismus sich wieder verbreitet, in der Fremdenfeindlichkeit zunimmt und in der populistische Positionen großen Zulauf haben, ist es mir als Bildungs- und Wissenschaftsministerin ein starkes Anliegen, für Toleranz und Demokratie einzutreten. Wir können jeden Impuls gebrauchen. Denn ich bin überzeugt, dass wir Demokratie wieder stärker in den Köpfen verankern müssen.“

„Es erschrickt mich zutiefst, wie wenig Toleranz und Respekt in der öffentlichen Diskussion häufig zu erleben sind. Antisemitismus ist in Deutschland seit den 1990er Jahren kein Tabu mehr. Geflüchtete werden pauschal verunglimpft und als angebliche Bedrohung für Deutschland stigmatisiert. Als Vizepräsidentin für Diversität freut es mich besonders“, betonte Professorin Anja Pistor-Hatam, „dass wir nun die Kieler Forschungsstelle Toleranz an unserer Universität beheimaten. Angesichts der derzeitigen politischen Auseinandersetzungen in Deutschland, die auch durch die Äußerungen führender Politiker von Fehlinformationen und Intoleranz geprägt werden, ist die Erforschung des Themas Toleranz und die Bereitstellung eines Toleranzkonzepts von großer Bedeutung.“

In seinem Vortrag während der Eröffnung der Forschungsstelle sprach sich auch Bernd Ulrich, Leiter des Politikressorts DIE ZEIT, für mehr Toleranz aus: „Die Welt ist so voll, eng und nah geworden, dass Toleranz wichtiger ist als je zuvor – und schwieriger. Wir müssen unsere Toleranzkompetenz quasi täglich erhöhen.“

Der Sozialpsychologe Professor Bernd Simon stellt als Leiter der Forschungsstelle Toleranz folgende Gleichung auf: „Ablehnung + Respekt = Toleranz. Toleranz ist also durch Respekt gezähmte Ablehnung. Wenn wir andere Menschen als ‚Gleiche‘ respektieren, dann tolerieren wir sie und ihre Lebensweisen auch und gerade dann, wenn wir diese eigentlich ablehnen. Man muss andere Leute und ihre Art zu leben oder ihre Überzeugungen also nicht gutheißen, um sie zu tolerieren.“ Im Zuge der Forschungsarbeit der KFT soll diese Toleranzauffassung verfeinert und weiter ausgearbeitet werden.

Bernd Simon und die aus acht wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bestehende Forschungsstelle widmen ihre Arbeit drei Zielsetzungen: „Unsere zentrale Aufgabe ist die Erforschung der Toleranzthematik sowohl in den Grundlagen als auch anwendungsbezogen, zum Beispiel mithilfe von Feldstudien und Experimenten.“ Darüber hinaus sollen die Forschungserkenntnisse in die universitäre Lehre eingebracht werden. „Wir möchten gezielt den akademischen und wissenschaftlichen Nachwuchs mit vertiefenden und forschungsorientierten Lehrveranstaltungen für die Toleranzthematik sensibilisieren, Forschungspraktika und themenbezogene Abschlussarbeiten anbieten. Dadurch erhalten unsere Studentinnen und Studenten die Möglichkeit, ein einzigartiges Ausbildungsprofil zu erwerben“, beschreibt Simon die zweite Aufgabe der Forschungsstelle. Die dritte und ebenso wichtige Aufgabe ist der Erkenntnistransfer: „Unsere Erkenntnisse wollen wir mit Einrichtungen und Initiativen der Zivilgesellschaft teilen, um so zu Aufklärung und mehr Toleranz in der Gesellschaft beizutragen“, so Simon.

Zur Kieler Forschungsstelle Toleranz:

www.kft.uni-kiel.de

Hintergrundinformationen:
Die Kieler Forschungsstelle Toleranz knüpft an die langjährigen programmatischen und systematischen Forschungen des Lehrstuhls für Sozialpsychologie und Politische Psychologie zu den Themenfeldern Identität, kollektives Verhalten und Respekt an. Insbesondere wurden in den Jahren 2013 bis 2018 im Rahmen des DFG-geförderten Reinhart Koselleck-Projekts zum Thema „Kollektive Identität, Respekt und Macht: Eine neue Perspektive auf Intergruppenkonflikte“ wichtige Grundlagen für die zukünftige Erforschung der Toleranzthematik gelegt.

Entscheidend profitiert hat die Toleranzforschung von Erkenntnissen der politischen Philosophen Thomas Scanlon (Harvard University) und Rainer Forst (Universität Frankfurt). In Anlehnung an diese Arbeiten wird die Forschungsaktivität der KFT durch das Ablehnung-Respekt-Modell der Toleranz geprägt. Die KFT dient der Bündelung und Forcierung der Forschungsaktivitäten zum Thema Toleranz im Allgemeinen und zum Ablehnung-Respekt-Modell der Toleranz im Besonderen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die interdisziplinäre sowie ortsübergreifende, internationale Kooperation.

Wissenschaftlicher Kontakt:

Prof. Dr. Bernd Simon
Kieler Forschungsstelle Toleranz (KFT)
Lehrstuhl für Sozialpsychologie und Politische Psychologie an der CAU
Telefon: 0431/880-2976
E-Mail: simon@psychologie.uni-kiel.de

Pressekontakt:

Sachgebietsleitung Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation
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