Transfer | Forschung | Geisteswissenschaft

Sexuelle Freiheit braucht Bildung

Buchveröffentlichung und Fachtagung zu 50 Jahren Sexualpädagogik in Kiel

Die vielfältigen Ausprägungen von Sexualität sind in den vergangenen 50 Jahren durch sexuelle Selbstbestimmung sichtbarer geworden und haben sich weiterentwickelt. Um sowohl autonom als auch sozial verantwortlich gelebt werden zu können, braucht sexuelle Freiheit aber auch Bildung. Das Fachgebiet der Sexualpädagogik hat sich dieser Aufgabe angenommen und sich von der Körperaufklärung bis zur psychosexuellen und sozialmoralischen Kompetenzentwicklung professionalisiert. Sie befähigt Kinder, Jugendliche, Eltern und pädagogische Fachkräfte, die lebensdienlichen Seiten sexueller Identität zu erweitern und sexuelle Übergriffe und Gewalt frühzeitig entgegenzuwirken. Die historische Entwicklung und Fortschritte des Fachgebiets von 1968 bis heute fasst das neue Buch „Gelebte Geschichte der Sexualpädagogik“ zusammen. Es wurde gestern (Donnerstag, 6. September) der Öffentlichkeit vorgestellt.

Sexualpädagoginnen und -pädagogen „knüpfen an dem an, was Menschen erleben. Sie haben aus der eigenen Geschichte gelernt und vertreten weder einen romantisierten noch problemzentrierten Begriff von Sexualität. Sie gehen davon aus, dass alles, was im Leben vorkommt, sich auch in der Sexualität der Menschen widerspiegeln kann. Kinder, Jugendliche und Erwachsene erleben dabei Unterschiedliches und erwarten mal mehr mal weniger von Lust- und Liebeserfahrungen“, betonen Professor Uwe Sielert und Professorin Anja Henningsen vom Institut für Pädagogik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Zusammen mit Privatdozentin Dr. Berenike Schmidt von der Universität Freiburg verfassten sie das Buch.

Zum Thema „Aus gelebter Geschichte lernen – Optionen für Gegenwart und Zukunft“ leitete die Erziehungswissenschaftlerin Professorin Helga Marburger von der Technischen Universität Berlin die Buchvorstellung ein: „Die Geschichte der Sexualpädagogik beschreibt unzweifelhaft eine ‚Erfolgsgeschichte‘, doch deutlich werden auch Widerstände und Rückschläge, die immer wieder überwunden werden mussten. Sexuelle Selbstbestimmung ist auch heute nicht per se selbstverständlich, sondern eine Errungenschaft, die es im aktuellen Kontext neu zu definieren und zu verteidigen gilt. ‚Weitermachen und nicht aufgeben!‘ lautet daher auch die Botschaft der Wegbereiter*innen in der Sexualpädagogik an die Generation der Zukünftigen.“

Im Anschluss folgte eine Diskussionsrunde mit Vertreterinnen und Vertretern aus fünf Generationen. „Qualifizierte sexuelle Bildung berücksichtigt verschiedene Perspektiven und Lebensphasen, sie bietet altersangemessene und situationsadäquate Kompetenzvermittlung“, ergänzte Sielert. Weil viele Menschen sich danach sehnen, stärke sie die Fähigkeit, lustvolle, sinnliche und kraftspendende Erfahrungen zu mehren. Das befähige die Menschen aber auch, in kritischen, wenig lustvollen Situationen handlungsfähig zu bleiben, so der Sexualpädagoge: „Diese Kompetenz kann beim Kampf um die Aufrechterhaltung von Beziehungen helfen, aber auch vor gewaltvollen Erfahrungen zu schützen.“ Mit ihrer Arbeit, erklärt Henningsen, „wollen wir zu einer Versachlichung der öffentlichen Debatte um Sexualpädagogik auch in der Schule beitragen“.

Neben dem 50-jährigen Jubiläum der Sexualpädagogik feiert die Gesellschaft für Sexualpädagogik (gsp) in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass folgt der Buchpräsentation eine zweitägige Fachtagung. Ab heute (7. bis 8. September) geben Expertinnen und Experten einen Einblick in die fachlich fundierten und gesellschaftlich wie auch selbstkritisch reflektierten Angebote sexueller Bildung. Dazu gehören Themen wie Sexualpädagogik und Gewaltprävention, Beziehungsgestaltung 3.0, die Doppelseitigkeit der Scham, Gender, Schönheitsideale oder Elternarbeit zwischen familiärer und professioneller Sexualerziehung. Die Erkenntnisse und Diskussionen werden in den Entwurf eines „Ethikkodex für professionelle Sexualpädagog*innen“ münden, den die Gesellschaft für Sexualpädagogik (gsp) in Kürze veröffentlichen wird.

Pressekontakt:

Sachgebietsleitung Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation
0431/880-7110
Details