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Pollen für die Geschichtsforschung

Wie haben die Menschen vor 6.000 Jahren gelebt? Was haben sie angebaut, wie war das Klima? Das wird im Institut für Ur- und Frühgeschichte untersucht – unter anderem anhand von Pollenproben. Diese dienen in der großen Sammlung von Vergleichsproben auch der Ausbildung der Studierenden.

Zeichnungen von Sporen
Zeichnungen: J.J. Sobotta

Sporen: 1 und 2 = Spagnum recurvium, 3 = Pteridium aquilinum, 4 = Polypoium vulgare, 5 = Athyrium filix-femina, 6 = Lycopodium clavatum, 7 = Telepteris palustris, 8 = Dryopteris Filix-mas, 9 = Osmunda regalis

Hatschi! Sie sind mikroskopisch klein und sorgen bei Allergikerinnen und Allergikern für Niesattacken oder tränende Augen. Die Rede ist von Pollen. Von Mitte Januar bis Oktober fliegen die Pollenkörner durch die Luft oder werden von Insekten von Blüte zu Blüte transportiert, um Bäume, Gräser, Getreide, Obst und andere Pflanzen zu bestäuben. Sie sind echte Überlebenskünstler: Denn die Pollenkörner sind – dank ihrer stabilen Hülle, die das sensible Erbgut vor der UV-Strahlung schützt – äußerst widerstandsfähig. So widerstandsfähig, dass sie auch noch in metertiefen Bodenschichten (aus ur- und frühgeschichtlicher Zeit) nachgewiesen und untersucht werden können. Genau das macht den Blütenstaub für die Prähistorische und Historische Archäologie so besonders: »Anhand von Pollen und ihren Vorkommnissen im Boden wissen wir, wie die Menschheit vor rund 6.000 Jahren gelebt hat«, erklärt Archäobotaniker Dr. Walter Dörfler, der sich mit der Pollenanalyse beschäftigt. Dörfler ist im Institut für Ur- und Frühgeschichte der Kieler Universität unter anderem auch für die vollständige Sammlung von Vergleichsproben sowie die kleinere Lehrsammlung zuständig, die der Forschung und der Ausbildung der Studierenden dient.

Schwierige Bestimmung

Mit der Sammlung der Proben wurde in den 1960er Jahren von Archäobotaniker Dr. Fritz-Rudolf Averdieck begonnen. »Inzwischen verfügen wir im Institut über rund 6.750 Präparate von 161 Pflanzenfamilien und bilden damit das Pollenvorkommen der Norddeutschen Tiefebene sowie, zu einem geringeren Teil, des mediterranen Bereichs ab«, sagt Dörfler, der immer wieder begeistert ist von der Vielfalt der Erkenntnisse, die der Pollen bei Bodenuntersuchungen liefert. »Wir nehmen eine Probe aus einem langen Bohrkern, extrahieren im Labor in mehreren Schritten die 10 bis 120 Mikrometer großen Pollenkörner (Anm. der Red. 100 Mikrometer entsprechen 1/10 Millimeter), zählen und untersuchen sie unter dem Lichtmikroskop.« Eine Aufgabe dabei ist, die Familie, die Gattung und die Art des Blütenstaubs zu bestimmen. Was beim Haselnussstrauch (Art: Haselnussstrauch – Gattung: Hasel – Familie: Birkengewächse) einfach ist, funktioniert nicht bei allen Proben: »Viele der Pollenkörner ähneln sich so sehr, dass nur die Familie oder bestenfalls die Gattung unterschieden werden kann. So ist das Erbgut der hiesigen Eichenarten zwar verschieden, der Pollen sieht aber komplett gleich aus.«

Um sicherzugehen, zu welcher Pflanzenfamilie der Pollen gehört, ziehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Vergleichssammlung zu Rate. Auf fast 7.000 Objektträgern finden sich die unterschiedlichsten Arten und Typen von Pollen: runde, ovale oder kranzartige Pollenkörner mit glatter Oberfläche (Luftbestäuber), mit Stacheln (durch Insekten bestäubt) oder Luftsäcken (Nadelbäume), mit Schlitzen, Poren und Löchern (Aperturen), deren Anzahl und Anordnung für die Bestimmung wichtig ist. »Die Sammlung ermöglicht es uns, die Pollenkörner in 3D von allen Seiten sowie ihren Aufbau zu betrachten.« Je klarer sich der Pollen zuordnen lässt, umso genauer werden auch die Ergebnisse der Forschungen.

Botanische Zeitzeugen

Wurde die Pollenanalyse früher eingesetzt, um in der Botanik Verwandtschaftsbeziehungen von Pflanzenarten zu untersuchen, geht die Wissenschaft heute einige Schritte weiter: »Dank der Untersuchungen können wir nachvollziehen, was Menschen vor langer Zeit angebaut und gegessen haben, ob sie Handel betrieben haben, ob die Umgebung aus Wald, Wiese oder Feldern bestand, wie das Klima war und etliches mehr«, sagt Dörfler. Auch Veränderungen lassen sich nachweisen, egal ob Vulkanausbruch oder die Rodung von Wäldern, um Siedlungen anzulegen. So weiß die Wissenschaft, dass zum Beispiel der Hanf erst vor 800 Jahren zu einer wichtigen Kulturpflanze für die Faserproduktion im Norden wurde und die Buche sich erst vor circa 2.000 Jahren stärker ausbreiten konnte. Auch in der Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaften wie der Geschichte oder der Geologie hilft der Pollen, wichtige Erkenntnisse zu gewinnen, um die Lebensbedingungen der Menschen zu rekonstruieren. »Die Pollenanalyse und ihre Ergebnisse sind schon sehr faszinierend«, sagt Dörfler. So faszinierend, dass der selbst von Heuschnupfen geplagte Archäobotaniker den Pollenkörnern die gelegentlichen Niesattacken im Frühjahr gern verzeiht.

Autorin: Jennifer Ruske

Forschungsangebot zur Archäologie

Wer Lust hat, selbst Pollen zu erforschen, kann das in Kürze in der Kieler Forschungswerkstatt tun. Voraussichtlich nach den Sommerferien wird das gemeinsam mit dem Exzellenzcluster ROOTS entwickelte archäo:labor eröffnet. Schulklassen untersuchen hier an verschiedenen Lernstationen mit archäologischen Methoden die Themen Behausung, Ernährung, Bekleidung und soziales Miteinander sowie die Wechselwirkung von Mensch und Umwelt in der Jungsteinzeit und der Bronzezeit. Beispielsweise können die Jungen und Mädchen selbst Pollenfunde unter dem Mikroskop bestimmen und anhand dessen vergangene Landschaften charakterisieren. (JR)

www.forschungs-werkstatt.de/labore/archaeolabor

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