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Starker Wille zum Wandel

Geschlossene Gotteshäuser während der Corona-Krise sorgten in der Kirche für kreative Alternativen. Statt Predigt auf der Kanzel gab es Gebete im Internet. Ist »Kirche digital« die Chance für die traditionelle Institution, sich für die Zukunft gut aufzustellen?

Die Kirche ist im Wandel: Neue Ideen sollen mehr Gemeindemitglieder in die evangelischen Gottesdienste locken, neue Formate wie Open-Air-Predigten und Taufen direkt am Seeufer frischen Wind in die jahrhundertalte Institution mit ihren festen Traditionen bringen. »Seit Langem gibt es viele Überlegungen, die Kirche zu verändern«, sagt Theologie-Professorin Uta Pohl-Patalong, die seit vielen Jahren in Vorträgen mit diesem Thema unterwegs ist und ein »ganz intensives Nachdenken über Neuerungen« erlebt. »Viele der Ideen wurden auch schon ausprobiert und umgesetzt.« Doch für den ganz großen Wurf, für grundlegende Veränderungen, die die gesamte Institution bis hin zur kleinsten Ortsgemeinde betreffen, hat es noch nicht gereicht.

Dabei ist es wichtig, dass die Kirche ihre noch aus dem Mittelalter und dem 19. Jahrhundert stammende Struktur und Organisation modernisiert, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Denn die Institution hat mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Der Fachkräftemangel ist auch am Altar angekommen. Es fehlt an Nachwuchs, der vakant gewordene Stellen übernehmen könnte. Bis zum Jahr 2030 werden allein in der Nordkirche 900 Pfarrstellen frei. Lediglich zwei Drittel davon können besetzt werden. Und die liegen vorwiegend im städtischen Bereich. Auch die Mitgliederzahlen sinken. Bis 2060 werden sich durch den demografischen Wandel, durch Tod und Kirchenaustritte die Gemeinden halbieren – und das wiederum hat gravierende Auswirkungen auf die Einnahmen durch die Kirchensteuer. Aktuell kommen die (finanziellen) Auswirkungen der Corona-Krise hinzu, die noch niemand beziffern kann.

Für die Professorin der Theologie ist dennoch eindeutig, »dass die Kirche eine Zukunft hat. Das steht meiner Meinung nach außer Frage«, sagt Pohl-Patalong. »Die Aufgabe von Kirche ist es nach wie vor, den Menschen das Evangelium, die Botschaft von Gott und seiner Liebe zu den Menschen, nahezubringen und erlebbar zu machen«, sagt sie. Die Art und Weise, wie Glaube gelebt wird, wie und wo Gottesdienste abgehalten werden und anderes mehr müsse sich jedoch ändern, um die Menschen weiterhin zu erreichen.

Die Erkenntnis ist da, doch für neue, große Ideen und deren Umsetzung fehlte es in der Vergangenheit oft schlicht und einfach an Zeit: »Das traditionelle ‚Normalprogramm‘ bindet unglaublich viel Zeit und Energie. Das war in der Vergangenheit immer ein Hemmschuh«, sagt Pohl-Patalong. In diesem Punkt erweist sich die Corona-Krise als Chance: Weil die übliche Arbeit während der Pandemie nicht stattfand, war auf einmal Raum fürs Nachdenken und für kreative Neuerungen da.

Wie moderne Formen des Gottesdienstes aussehen könnten, das haben die Gläubigen in den vergangenen Wochen und Monaten erlebt: Es gab Predigten, Gebete und Lieder auf Papier zum Mitnehmen oder als Download im Internet. Ganze Gottesdienste wurden online übertragen. Seelsorge funktionierte per Videochat oder Telefon. Ist »Kirche digital« die große Lösung für die Zukunft, mit der man auch das Problem des Fachkräftemangels und der sinkenden Einnahmen beheben kann? »Es ist auf alle Fälle eine mögliche Variante«, sagt Pohl-Patalong und erklärt: »Die Corona-Zeit ist Herausforderung und Chance zugleich für die Kirchen, digitale Formate in viel größerem Stil als bisher auszuprobieren. Die Resonanz war überraschend groß, und zwar sowohl von vielen ‚Kirchentreuen‘, die – allen Vorurteilen zum Trotz – auch in höherem Alter überraschend wenig Scheu hatten, Kirche digital zu erleben. Aber auch von manchen, die zu Ostern vermutlich keine Kirche betreten hätten, wurden Angebote im Internet angenommen.«

Trotz des guten Zuspruchs habe sich jedoch in der Kirche wie in der ganzen Gesellschaft gezeigt, dass auf dem rein digitalen Wege wichtige Aspekte der Gemeinschaft verloren gehen – wie der zwischenmenschliche Kontakt, die Atmosphäre und die sinnliche Wahrnehmung. Die Theologin ist sich aber sicher, dass vieles von dem, was sich während der Corona-Zeit bewährt hat, im Anschluss – vielleicht mit Anpassungen – übernommen wird. Zudem werde sicher Bewährtes beibehalten, »weil wir jetzt noch genauer um den Wert des direkten Kontaktes wissen.« Für Pohl-Patalong ist diese Vielfalt wichtig: »Mit der Pluralisierung der Gesellschaft ist auch die Vielfalt von Zugängen zu Glauben und Kirche gewachsen, sodass es wichtig ist, Kirche auch vielfältig zu gestalten.«

Allerdings lasse sich schwer abschätzen, ob und wie diese gerade gewonnenen Impulse umgesetzt werden. »Das wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.« Die Corona-Krise habe jedenfalls gezeigt, dass die Kirchen fähig und bereit zu neuen Formen sind. Darauf lasse sich aufbauen.

Autorin: Jennifer Ruske

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