Deutsch-kolumbianisches Team erstmals auf Forschungsreise in kolumbianischen Gewässern

Interdisziplinäre Expedition mit der MARIA S. MERIAN unter Leitung der CAU führt durch das Rio-Magdalena-Flussdelta

Das einzigartige Rio-Magdalena-Flussdelta hat einen großen Einfluss auf das Karibische Meer. Knapp vier Wochen lang haben die deutschen und kolumbianischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen an Bord des Forschungsschiffs MARIA S. MERIAN Strömungen gemessen, genaue Kartierungen erstellt und umfangreiche Sedimentproben genommen. Die Untersuchungen unter Leitung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) sollen Fragen zum Transport von Sedimenten zwischen der Flussmündung, dem aktiven Delta und den angrenzenden Küstenzonen beantworten. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Einfluss des Menschen auf sedimentologische und morphologische Veränderungen.

Die Forschungsreise, die vom 7. Oktober bis 14. November 2022 vom kanadischen St. John’s bis zur kolumbianischen Stadt Cartagena führt, soll auch die internationale Forschungskooperation der Uni Kiel stärken. Zum ersten Mal ist ein deutsches Forschungsschiff auf einer gemeinsamen Expedition in kolumbianische Gewässer unterwegs.

Gemeinsame Forschungsreise mit einmaligem Charakter und Team

Vor zehn Jahren nahm die Forschungsaktivität zwischen der Kieler Universität und den kolumbianischen Forschungseinrichtungen ihren Anfang. Seitdem arbeiten der wissenschaftliche Leiter der Forschungsfahrt, CAU-Professor Christian Winter, und sein kolumbianischer Kollege Professor Oscar Alvarez von der Universidad de Norte in Barranquilla eng zusammen. Beide kennen sich aus den Doktorarbeitszeiten von Alvarez und erforschen nun erstmals gemeinsam mit einem großen interdisziplinären Team die Mischungszone zwischen Süß- und Salzwasser in der Flussmündung sowie die submarinen Rinnen und Canyons am Kontinentalhang im Rio Magdalena-Flussdelta.

Fahrtleiter Winter, der am Institut für Geowissenschaften im Forschungsschwerpunkt Kiel Marine Science (KMS) an der Uni Kiel lehrt und forscht, beschreibt den Charakter des Projekts als einmalig: "Wir haben diese Themen schon lange mit den kolumbianischen Kolleginnen und Kollegen diskutiert, und es ist fantastisch, dass wir nun den Traum einer gemeinsamen Fahrt in diese Gewässer verwirklichen können.“

Kooperation ermöglicht Untersuchung der Sedimentologie

Die Expedition bringt ein Team bestehend aus elf Kolumbianerinnen und Kolumbianern, zehn Deutschen sowie einem Beobachter aus Kolumbien an Bord zusammen. 26 Tage lang arbeiten und leben die sechs Professoren, fünf Postdoktorandinnen und Postdoktoranden, acht Promovierenden und Studierenden sowie zwei Techniker gemeinsam auf dem Forschungsschiff.

Der Rio Magdalena fließt mit einer Länge von rund 1600 Kilometern durch Kolumbien und mündet bei Barranquilla ins Karibische Meer. „Die Sedimentologie dieses Systems ist trotz vieler Vorarbeiten noch nicht bekannt. Unser Forschungsteam ist interdisziplinär aufgestellt, sodass wir unterschiedliche Aspekte abdecken können“, sagt Winter. In vorläufigen Daten aus dem Deltasystem wurden drei Canyons unter Wasser identifiziert. Mithilfe von unterschiedlichen wissenschaftlichen Instrumenten kartieren Spezialistinnen und Spezialisten diese in hoher Auflösung und nehmen Proben für biogeochemische Untersuchungen. „Wir kombinieren an ausgewählten Stationen schiffsgestützte hydroakustische Methoden, direkte Probenahmen im Sediment und in der Wassersäule auf bestimmten Querschnitten sowie Meeresbodenbeobachtungen mit einem autonomen Meeresbodenobservatorium, einem sogenannten Lander", erklärt Professor Oscar Alvarez.

Beteiligte Institutionen aus Kolumbien sind die Universidad del Norte in Barranquilla, die Universidad Nacional de Colombia in Medellín, die Universidad de Antioquia in Turbo, das Centro de Innovación y Tecnología de Ecopetrol S.A., sowie die Uni Kiel und das Leibniz-Institut für Ostseeforschung (IOW) in Warnemünde auf deutscher Seite.

Über die Expedition MSM112:

Der Rio Magdalena ist ein wichtiges Element im regionalen biogeochemischen Kohlenstoffkreislauf und für den größten Eintrag von terrestrischem organischem Kohlenstoff in das Kolumbien-Becken verantwortlich. Ein wichtiges Ziel der wissenschaftlichen Forschungsreise besteht darin, die Sedimentfahne im Flussdelta zu vermessen: An der Flussmündung vermischen sich die Fluss- und Meerwasser und erzeugen komplexe Transportmuster von Sedimenten, Nährstoffen und Schadstoffen entlang von Küste, Schelf und dem offenen Meer -  die „Region of Freshwater Influence – ROFI“ des Rio Magdalena (RioM-ROFI). Dabei sollen die Dimensionen, Stabilität, Ausdehnung und vertikale Struktur der Flussfahne sowie turbulente Mischungsprozesse ermittelt werden. Zudem untersucht das Forschungsteam auch die Hypothese einer möglichen Interaktion zwischen Rio Magdalena und dem La Guajira Upwelling System. Dazu werden Wasser- und Sedimentproben auf einem Transekt nach La Guajira genommen und in verschiedenen Labors in Deutschland und Kolumbien analysiert.

Diese Expedition gilt als herausragendes Beispiel kolumbianisch-deutscher Zusammenarbeit in der Meeresforschung und wurde mit einem diplomatischen Empfang in Cartagena gewürdigt. Der Empfang wurde von der deutschen Botschaft, der Universidad del Norte in Barranquilla und der Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe organisiert und finanziert. Neben dem kolumbianischen Wissenschaftsminister und der deutschen Botschafterin nahmen Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Verwaltung und Politik am Empfang teil.

Über Kiel Marine Science (KMS):

Kiel Marine Science (KMS) ist das Zentrum für interdisziplinäre Meereswissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). KMS bildet die organisatorische Einheit für alle natur-, geistes- und sozialwissenschaftlich arbeitenden Forscherinnen und Forscher, die sich mit den Meeren, Küsten und den Einfluss auf die Menschheit beschäftigen. Die Expertise der Gruppen kommt beispielsweise aus den Bereichen der Klimaforschung, der Küstenforschung, der Physikalischen Chemie, der Botanik, aus der Mikrobiologie, der Mathematik, der Informatik, der Ökonomie oder aus den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Insgesamt umfasst KMS über 70 Forschergruppen an sieben Fakultäten und aus über 26 Instituten. Gemeinsam mit Akteuren außerhalb der Wissenschaft arbeiten sie weltweit und transdisziplinär an Lösungen für eine nachhaltige Nutzung und den Schutz des Ozeans.

Gruppenbild vor dem Forschungsschiff MARIA S. MERIAN
© Christian Winter, Uni Kiel

Die Expedition MSM112 mit dem Forschungsschiff MARIA S. MERIAN bringt ein einzigartiges deutsch-kolumbianisches Team zusammen. 26 Tage lang arbeiten und leben die Professoren, Postdoktorandinnen und Postdoktoranden, Promovierenden und Studierenden sowie zwei Techniker gemeinsam auf dem Forschungsschiff.

Schiff fährt auf dem Wasser mit unterschiedlicher Färbung
© Christian Winter, Uni Kiel

Forschungsschiff MARIA S. MERIAN fährt aus der Flussfahne des Rio Magdalena heraus. Im Hintergrund ist die grau-braune Wasserfärbung der Salz-Süßwasserfront im Vergleich zum Blauton vom Karibischen Meer im Vordergrund sichtbar.

Arbeiten in einem Schiffshangar
© Adriana Gracia, Universidad del Norte

Mit einem Kranzwasserschöpfer nehmen die Forschenden Wasserproben für spätere Laboranalysen.

Aufgeschnittener Sedimentkern
© Christian Winter, Uni Kiel

Aufgeschnittener Sedimentkern

Forschungsschiff MARIA S. MERIAN
© Yamirka Rojas-Agramonte, Uni Kiel

Forschungsschiff MARIA S. MERIAN

Wissenschaftlicher Kontakt (CAU):

Prof. Dr. Christian Winter
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU)
Institut für Geowissenschaften
Christian.winter@ifg.uni-kiel.de

Wissenschaftlicher Kontakt (Uninorte):

Prof. Dr. Óscar Alvarez
Universidad del Norte (Uninorte), Barranquilla, Kolumbien
Abteilung für Physik und Geowissenschaften
oalvarezs@uninorte.edu.co

Pressekontakt:

Tobias Hahn
Sachgebiet Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation und Kiel Marine Science (KMS)