Prähistorischem Klimawandel auf der Spur

Langanhaltende Dürre und massive Wasserprobleme machen die Iberische Halbinsel zunehmend zum Klima-Hotspot. Wie Menschen vor rund 4.000 Jahren dem damaligen Klimastress begegneten, untersucht Dr. Mara Weinelt im Sonderforschungsbereich Scales of Transformation und im Exzellenzcluster ROOTS.

Bohrkerne mit Beschriftungen
© Artur Ribeiro, UFG Kiel

Ältere Einzelsegmente des 19 Meter langen Bohrkernes, der an einer Station nordwestlich von Sevilla gewonnen wurde: Aus ihm hoffen die Forschenden der Kieler Universität klimatische Erkenntnisse von der Römerzeit bis zurück ins Neolithikum zu gewinnen.

Wasser war auf der Iberischen Halbinsel im Sommer immer ein rares Gut. Dennoch wird das kostbare Nass großzügig für den Gemüseanbau in Spanien und Portugal und auch für den Tourismus in der Region verwendet. Doch seit einigen Jahren bleiben die so wichtigen Regenfälle im Winter häufiger aus. Gleichzeitig sorgen Hitzeperioden im Sommer dafür, dass die Grundwasserspiegel sinken, Stauseen austrocknen und die Landschaft verdorrt.

Schicht für Schicht und ­Millimeter für Millimeter führt uns der Bohrkern von der Römerzeit zurück bis ins Neolithikum.

Mara Weinelt

»Überdurchschnittliche Temperaturen mit langanhaltenden, intensiven Dürreperioden sowie sinkende Niederschläge wie von Modellszenarien vorhergesagt: Schon heute ist die Entwicklung zum Klima-Hotspot nicht zu übersehen«, befürchtet Dr. Mara Weinelt, Privatdozentin an der Christian-Albrechts-Universität. »Schuld daran ist der menschengemachte Klimawandel.« Um ähnlich gefährliche Bedingungen wie heute und in Zukunft zu untersuchen und zu verstehen, müsse man weit in die Vergangenheit blicken, sagt die wissenschaftliche Koordinatorin des Exzellenzclusters ROOTS und Leiterin eines Teilprojekts im Sonderforschungsbereich (SFB) 1266 »Scales of Transformation«. Wie sich in den Jahren von 2.000 bis 6.000 vor heutiger Zeit Gesellschaften und die Umwelt auf der Iberischen Halbinsel unter Klimastress gewandelt haben, untersuchen derzeit Kieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Archäologie und Umweltwissenschaft in Kooperation mit Forschenden aus Spanien und Portugal.

19 Meter tief in die Vergangenheit

Welche klimatischen Bedingungen im Übergang von der Kupfer- zur Bronzezeit im heutige Spanien und Portugal herrschten, lässt sich im Untergrund nachlesen. Dort lassen sich in den verschiedenen Schichten von Sedimenten organische Verbindungen – mikrokleinste Pflanzenreste – finden, die von den damaligen Temperaturen und Niederschlägen zeugen. »Mit den Klimaveränderungen verändert sich auch die Vegetation. In trockenen Regionen wachsen andere Pflanzen als in feuchten Wäldern«, sagt Weinelt.

Welche klimatischen Erkenntnisse der Untergrund in Spanien preisgibt, untersucht das ROOTS-Team anhand von Bohrproben. Genauer gesagt, einem 19 Meter langen Bohrkern, der aus einer früheren Lagune nordwestlich von Sevilla entnommen wurde. An deren Küste lag damals die größte kupferzeitliche Siedlung Andalusiens, ein Knotenpunkt von regem Handel und kulturellem Austausch. Das Team erhofft sich sehr gute Ergebnisse: »Der Bohrkern ist mit seiner deutlichen, feinen Schichtung etwas ganz Besonderes«, freut sich die Expertin über den Fund dieses »hochauflösenden Klimaarchivs«. »Das ist möglicherweise das erste Klimaarchiv auf der Iberischen Halbinsel überhaupt, bei dem wir Veränderungen von Temperaturen, Niederschlag und Pflanzenwachstum pro Jahr ablesen und gleichzeitig Auskunft über damalige menschliche Eingriffe in die Umwelt gewinnen können. Schicht für Schicht und Millimeter für Millimeter führt uns der Bohrkern von der Römerzeit zurück bis ins Neolithikum.«

Besonders gespannt ist Weinelt auf die Ergebnisse, die der Bohrkern für die Zeit vor etwa 4.200 Jahren enthüllen wird. »Damals hat es eine einschneidende Klimaveränderung gegeben, die in der Nordhemisphäre zu einer Abkühlung und zu einer ungewöhnlichen Trockenheit führte.« Das führte zu großen Flüchtlingsbewegungen in Mesopotamien, aber auch in Indien. Auch für die untersuchte Region um Sevilla konnten die archäologischen Kooperationspartner des ROOTS-Teams vom Deutschen Archäologischen Institut Madrid und von der Universität Sevilla Änderungen der Siedlungsstrukturen ausmachen. »Die Großsiedlung, die an der Lagune lag, wurde nach Jahrhunderten pulsierender Aktivitäten vor circa 4.200 Jahren Schritt für Schritt aufgegeben – vermutlich in Folge abrupter Klimaänderungen im Zusammenspiel mit sozialen Veränderungen«, so Weinelt. Unter anderem die Veränderung der Bestattungsriten, die im Laufe der Zeit immer weniger aufwändig wurden, belegt die damalige Krise. Ebenso wie die abnehmende Qualität von Tongefäßen, die die Untersuchung von Scherben in zeitgenössischen portugiesischen Großsiedlungen zeigte. »Möglicherweise konnten die Menschen unter zunehmendem Klimastress bei gleichzeitig wachsenden Bevölkerungszahlen ihre zuvor gut geregelte Wirtschaft und ihre kulturellen Aktivitäten nicht mehr aufrechterhalten.«

»Die große Frage für uns Forschende ist: Wie weit sind Menschen in der Kupfer- und Bronzezeit ökonomisch wie sozial in der Lage gewesen, sich den veränderten Klimabedingungen anzupassen? Und was hat sie widerstandsfähig gegen abrupten Klimawandel gemacht?« Denn diese Rekonstruktionen der Abläufe von sozialen und Umweltveränderungen könnten auch dabei helfen, gegenwärtige Herausforderungen besser zu meistern.

Autorin: Jennifer Ruske

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