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Seltene Krankheiten in der Bronzezeit

Eine neue Studie untersucht das Phänomen der Seltenen Krankheiten im archäologischen Kontext

Seltene Krankheiten, im internationalen Fachjargon „Rare Diseases“, sind heutzutage ein spezieller Bereich in medizinisch-pharmazeutischer Forschung und Behandlung. „Selten“ bedeutet, dass nicht mehr als fünf von 10.000 Personen an dieser Krankheit leiden. Zu den weiteren Merkmalen zählt, dass Betroffene meist stark eingeschränkt sind, körperlich sowie im gesellschaftlichen Leben, und hoher sozialer und medizinischer Versorgung bedürfen.

Doch was wissen wir über Seltene Krankheiten in der Vergangenheit, sogenannte „Ancient Rare Diseases“ – und vor allem, wie können wir sie definieren und diagnostizieren? Dieser Frage ist die Physische Anthropologin und Archäologin Dr. Katharina Fuchs vom Institut für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) nachgegangen. Anhand der Krankheitsgeschichte eines männlichen Individuums aus der Nordkaukasischen Bronzezeit (circa 2200 bis 1650 vor Christus) kam sie zu dem Schluss, dass die heute verwendeten Kriterien nicht ohne weiteres auf die Vergangenheit übertragbar sind. Die kürzlich im International Journal of Paleopathology veröffentlichte Studie zeigt, dass nicht nur die Diagnostik Seltener Krankheiten und die Berechnung von Inzidenzen und Prävalenzen, also der Häufigkeit, die Forschenden vor Herausforderungen stellt. Auch das individuelle Leid und der Grad an sozialer Integration und Unterstützung sind kaum zu rekonstruieren.

Am Skelett des Mannes aus dem Kaukasus, das Fuchs im Rahmen der Studie untersuchte, kann die Anthropologin vieles erkennen: Seit seiner Jugend litt er an einer seltenen Hüfterkrankung, dem Legg-Calvé-Perthes Syndrom, und hinkte deshalb über ein nach innen verdrehtes Bein. Zudem überlebte er im Erwachsenenalter schwere Frakturen an Schädel und Oberschenkel. Die Abnutzung seiner Zähne zeigt, dass er in bestimmte Arbeitsprozesse integriert war und sie als Werkzeug nutzte. Aus seinen Grabbeigaben lässt sich schließen, dass er keine besonders hohe soziale Stellung innehatte.

„Zusammengenommen zeigt dies, dass dieser Mann wichtig für die Gesellschaft war. Die Frakturen, die er überlebt hat, erforderten hohen Pflegeaufwand. Wahrscheinlich hat er seine Verletzungen überlebt, weil seine Mitmenschen sich um ihn gekümmert haben. Und das gibt uns eine Idee davon, wie die Menschen im Nordkaukasus vor 4.000 Jahren miteinander umgegangen sind. Wie sie mit jemandem umgegangen sind, der fast sein ganzes Leben lang körperlich eingeschränkt war“, erläutert Fuchs. Solche Überlegungen gehen zwar über das Thema der „Ancient Rare Diseases“ hinaus, verdeutlichen jedoch die soziale Dimension ihrer Erforschung.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass das Kriterium der „Seltenheit“ in Bezug auf „Ancient Rare Diseases“ nicht durch starre Grenzwerte definiert sein kann. Dass eine Krankheit heutzutage selten ist, bedeutet nicht unbedingt, dass sie es auch in der Vergangenheit war. Je nach den Ursachen für das Entstehen einer Krankheit, der Ätiologie, unterliegen Auftreten, Verschwinden und, besonders interessant, die Veränderung von einem seltenen zu einem verbreiteten Krankheitsbild, sozialen und humanökologischen Dynamiken. Das ist eine Erkenntnis der modernen Medizin, die Lebensweise und externe Einflüsse als wichtige Komponenten identifiziert.

Die Erforschung seltener Krankheiten der Vergangenheit ist also auch für unser heutiges Verständnis von Krankheit bedeutsam. Und eine der Co-Autorinnen der Studie, Dr. Julia Gresky vom Deutschen Archäologischen Institut, betont: „Die Forschungen in der Arbeitsgruppe für ‚Ancient Rare Diseases‘ haben seit ihrer Gründung 2019 auch die Aufgabe, Menschen zu erreichen, die heute betroffen sind. Wir hoffen dazu beitragen zu können, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass die Menschheit schon immer mit seltenen Krankheiten konfrontiert war – aber auch, dass das Leiden daran nicht soziale Isolation bedeuten muss“.

Die Studie wurde vom Exzellenzcluster ROOTS und vom Sonderforschungsbereich TransformationsDimensionen der CAUfinanziell unterstützt. Beide Projekte widmen sich der Erforschung von Mensch-Umweltbeziehungen in vergangenen Zeiten.

Originalpublikation:

Fuchs, K., Biaslan, A., Witzmann, F., Gresky, J., Towards a definition of Ancient Rare Diseases (ARD): Presenting a complex case of probable Legg-Calv´e-Perthes Disease from the North Caucasian Bronze Age (2200-1650 cal BCE). International Journal of Paleopathology 32 (2021) 61-73. https://doi.org/10.1016/j.ijpp.2020.11.004

Wissenschaftlicher Kontakt:

Dr. rer. nat. Katharina Fuchs

Institut für Klinische Molekularbiologie

k.fuchs@ikmb.uni-kiel.de

+49 431 500-15135

Pressekontakt:

Angelika Hoffmann
Referentin Forschungsschwerpunkt SECC/JMA
Landschaftsaufnahme: das nordkaukasische Gebirge
© Katharina Fuchs, Institut für Klinische Molekularbiologie

Das nordkaukasische Gebirge in der heutigen Region Kabardino-Balkarien, in diesen Landschaften lebten Bronzezeitlichen Gesellschaften.

Knochen im Grab
© B. Atabiev, Institut für die Archäologie des Kaukasus, Naltschik

Das freigelegte Grab des Mannes aus dem nordkaukasischen Vorgebirge. Zu erkennen ist auch die verheilte Verletzung des rechten Oberschenkels.

Oberschenkelknochen in Nahaufnahme
© Katharina Fuchs, Institut für Klinische Molekularbiologie

Rechter und linker Oberschenkelknochen (Os femoris) mit krankhaften Veränderungen des für die Studie untersuchten Mannes aus dem Nordkaukasus.