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Gerettet, aber nicht befreit

Themenabend gab Einblicke in das jüdische Leben an der Kieler Universität und in Schleswig-Holstein nach 1945

In einem Land bleiben, das sein eigenes Volk jahrelang ausgegrenzt und verfolgt hat? Oder zurückkehren in ein Land, das sich der Verantwortung für seine Taten nicht stellen wollte? Vom jüdischen Nachkriegsalltag in Schleswig-Holstein über Kieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Exil bis zur heutigen Situation von jüdischen Studierenden schlug der digitale Themenabend „Jüdisches Leben an der Kieler Universität und in Schleswig-Holstein nach 1945“ am Dienstag (9. März) eine Brücke von der Vergangenheit bis in die Gegenwart. Anlässlich des Jubiläumsjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ gaben die Vorträge des Projektteams Kieler Gelehrtenverzeichnis, Abteilung für Regionalgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), des Jüdischen Museums in Rendsburg und des Verbandes Jüdischer Studierender Nord eindrückliche Einblicke in die aktuelle Forschung zum jüdischen Leben in Schleswig-Holstein. 
 

Nur ein Hochschullehrer kehrte aus dem Exil an die Uni Kiel zurück

Als Adolf Abraham Fraenkel einen Antrag auf Versetzung in den Ruhestand stellte, war er gerade einmal 42 Jahre alt. Erst vier Jahre zuvor, 1929, war er als Professor für Mathematik an die Kieler Universität berufen worden. Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entließ das NS-Regime jedoch ab 1933 jüdische und politisch missliebige Beamte aus dem öffentlichen Dienst. Als „Volljude“ eingestuft musste auch Fraenkel gehen. Er reichte seinen „Ruhestand“ ein und zog mit seiner fünfköpfigen Familie nach Jerusalem, um dort als Professor an der Hebrew University of Jerusalem zu arbeiten. Als ihm der Dekan der Philosophischen Fakultät 1946 das Angebot machte, auf seine alte Professur nach Kiel zurückzukehren, lehnte Fraenkel entschieden ab. „In ein Land zurückzukehren, das für die Auslöschung eines Drittels meines Volkes verantwortlich ist – das ist für mich unmöglich“, schrieb er in seinem auf Hebräisch und Englisch verfassten Antwortbrief. 

Mit Fraenkel stellte Karen Bruhn, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Regionalgeschichte der CAU, in ihrem Vortrag eine von vielen Biographien jüdischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Kieler Universität vor, die durch die nationalsozialistische Gesetzgebung verfolgt wurden. Wer nicht durch Verfolgung umgekommen war, blieb im Exil. Nur einer von insgesamt 24 entlassenen Hochschullehrenden kehrte schließlich an die Universität nach Kiel zurück: Der Germanist Wolfgang Liepe übernahm – auf eigene Initiative – 1954 wieder seine Professur am damaligen Institut für Literatur- und Theaterwissenschaft, die ihm als Ehemann einer Jüdin entzogen worden war. Einen allgemeinen Aufruf der Universität, Unterstützungsangebote für Rückkehrer oder gar eine Verpflichtung zur Wiedereinsetzung der entlassenen Professorinnen und Professoren gab es nicht, soweit aktuell bekannt. „Die Universitäten und die Gesellschaft wollten sich damals noch nicht aktiv mit der Vergangenheit auseinandersetzen“, sagte Bruhn, die als Mitarbeiterin im Projekt „Kieler Gelehrtenverzeichnis“ an der Erforschung von Kieler Professorinnen und Professoren von 1919 bis 1965 mitwirkt.
 

Trotz jahrelanger Unterdrückung: Deutschland verlassen war oft keine Option

Während sich Bruhn in ihrem Vortrag mit einer möglichen Rückkehr der ins Exil gegangenen jüdischen Professorinnen und Professoren beschäftigte, stellte Jonas Kuhn die Situation von Jüdinnen und Juden vor, die auch nach dem Zweiten Weltkrieg in Schleswig-Holstein blieben. Der Direktor des Jüdischen Museums in Rendsburg gab mit einer digitalen Führung einen Einblick in die aktuelle Ausstellung „Gerettet, aber nicht befreit – Überlebende der Shoah in Schleswig-Holstein“. Für viele von ihnen war Deutschland zu verlassen keine Option, auch wenn sie jahrelang unter Verfolgung und Unterdrückung gelitten hatten. „Wer am Ende des Krieges aus dem Konzentrationslager befreit wurde oder untergetaucht überlebt hatte, litt oft unter Armut und Krankheit, hatte keine Papiere und somit gar nicht die Möglichkeit auszuwandern“, erklärte Kuhn in seinem Vortrag. Hilfe von staatlicher Seite war nicht zu erwarten. Antisemitismus war in der Gesellschaft noch immer vorhanden und die mangelnde Strafverfolgung von NS-Täterinnen und -Tätern belastete das Selbstverständnis der jüdischen Gemeinschaft. Sie war darauf angewiesen, sich selbst zu organisieren. Einrichtungen wie die jüdische Wohlfahrtspflege unter der Leitung von Heinz Salomon versorgten die Menschen mit Nahrung, Kleidung, Wohnraum oder neuen Ausweisdokumenten. Es dauerte, bis sich die jüdische Gemeinschaft in Schleswig-Holstein erholte. „Erst nach mehreren Jahren wurde wieder ein Kind geboren und eine Ehe geschlossen“, so Kuhn.
 

Jüdisches Leben im Unialltag sichtbar machen

Zum Abschluss des Themenabends gab schließlich Ariel-Salomon Gutman aktuelle Einblicke in die lebhafte Gemeinschaft jüdischer Studierender heute. Gutman, der an der CAU Zahnmedizin im dritten Semester studiert, stellte die Arbeit des Verbandes Jüdischer Studierender Nord (VJS Nord) vor: Die regionale Vertretung aller jüdischer Studierenden und junger Erwachsener umfasst zurzeit rund einhundert Mitglieder und organisiert Feste zu jüdischen Feiertagen, Gedenkveranstaltungen und Reisen. „Wir wollen den Dialog fördern und das jüdische Leben im Unialltag sichtbar machen – denn jüdisches Leben war und ist ein Teil dieses Landes“, betonte Vorstandsmitglied Gutman.

„Veranstaltungen wie diese schlagen eine wichtige Brücke in die Gegenwart“, sagte Professorin Nele Matz-Lück, Vizepräsidentin für Internationales, Nachwuchs, Gleichstellung und Diversität der CAU zum Auftakt des Abends. Aktuelle antisemitische Tendenzen in Teilen unserer Gesellschaft erfüllen sie mit Sorge, aber das jüdische Leben habe an der CAU einen festen Platz, auch in Lehre und Forschung. Professor Andreas Bihrer, Dekan der Philosophischen Fakultät, wies in seinem Grußwort auf zahlreiche Seminare, Projekte und öffentliche Vorträge zum jüdischen Leben hin, die im kommenden Semester anlässlich des Festjahres angeboten werden. „Dieses wichtige Thema ist mit einer besonderen Verpflichtung von Wissenschaft und Museen verbunden“, betonte auch Professor Claus von Carnap-Bornheim, Leitender Direktor der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf. „Diese Veranstaltung hat noch einmal gezeigt, wieviel Forschung hierzu noch weiterhin nötig ist“, ergänzte Professor Oliver Auge, Direktor der Abteilung für Regionalgeschichte der CAU, der durch den Abend führte.

Wissenschaftlicher Kontakt:

Karen Bruhn
Historisches Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Abteilung für Regionalgeschichte
0431/880-4756
k.bruhn@email.uni-kiel.de

Pressekontakt:

Stabsstelle Presse, Kommunikation und Marketing
Sachgebiet Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation
Historisches Foto
© Jüdisches Museum // Landesmuseen SH

Laubhüttenfest in der jüdischen Gemeinde in Lübeck, 1960er Jahre.

Portraitbild
The David B. Keidan Collection of Digital Images from the Central Zionist Archives (via Harvard University Library)

Adolf Abraham Fraenkel wurde 1929 zum Professor der Mathematik an die Kieler Universität berufen. Nachdem er 1933 aufgrund seiner jüdischen Abstammung entlassen wurde, ging er ins Exil an die Hebrew University of Jerusalem. Er kehrte nie nach Kiel zurück. Das Foto entstand zwischen 1939 und 1949.

Portraitbild
© unbekannt

Als Ehemann einer Jüdin musste der Germanist Wolfgang Liepe die Kieler Universität 1933 verlassen und ging in die USA. Als einziger Kieler Hochschullehrer kehrte er nach dem Zweiten Weltkrieg an die Universität zurück.

Die Ausstellung „Gerettet, aber nicht befreit – Überlebende der Shoah in Schleswig-Holstein“  im Jüdischen Museum Rendsburg wurde bis Juni 2021 verlängert. Das Museum plant, ab dem 13. März 2021 wieder zu öffnen.