Forschung | Nanowissenschaft | Naturwissenschaft & Mathematik

Internationales Netzwerk setzt sich für Chancengleichheit, Diversität und Inklusion in den Naturwissenschaften ein

Studie stellt Barrieren und Handlungsmaßnahmen in der Supramolekularen Chemie vor

 

Trotz erfolgreicher Promotion beenden verhältnismäßig viele Chemikerinnen ihre wissenschaftliche Karriere frühzeitig oder steigen im Verhältnis zu männlichen Kollegen weniger häufig in verantwortungsvolle Positionen auf – so das Ergebnis eines Berichts, den die Royal Society of Chemistry, die Gesellschaft der Chemiker*innen in Großbritannien, 2019 veröffentlichte. Für mehr Chancengleichheit, Diversität und Inklusion in den Naturwissenschaften setzt sich das internationale Netzwerk Women In Supramolecular Chemistry (WISC) ein, das im selben Jahr gegründet wurde. Zu den Gründungsmitgliedern gehört unter anderem Juniorprofessorin Dr. Anna McConnell aus dem Otto Diels-Institut für Organische Chemie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), heute Mitglied des Vorstands. Um bedarfsorientierte Unterstützungsmaßnahmen zu erarbeiten, führte das Netzwerk eine qualitative Erhebung unter Fachkolleg*innen der Supramolekularen Chemie durch. Die sozialwissenschaftliche Studie unter der Leitung von Dr. Jennifer Leigh und Dr. Jennifer Hiscock der University of Kent ist als Essay in der Fachzeitschrift Angewandte Chemie erschienen.

Gemeinsam neues entwickeln statt nur auf Missstände hinzuweisen

Die Anfangsphase der wissenschaftlichen Karriere ist oft gekennzeichnet von Tätigkeiten an verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen, befristeten Arbeitsverträgen und Fördermöglichkeiten, die bis zu einem bestimmten Alter begrenzt sind. Diese Anforderungen lassen sich in der Regel jedoch nur schwer mit familiären Pflichten wie der Versorgung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen vereinbaren, die noch immer häufig von Frauen übernommen werden. Der „Gender Gap“ in der Chemie gehöre zu den größten in den Naturwissenschaften, heißt es im Bericht der Royal Society of Chemistry. So habe der Frauenanteil im Chemiestudium in Großbritannien 2014/15 bei 45 Prozent gelegen, in der Physik bei 20 Prozent, während der Anteil der Professorinnen zeitgleich in beiden Fächern bei 9 Prozent lag.

„Als WISC verfolgen wir in unserer Arbeit den Ansatz von ‚calling in‘ statt ‚calling out‘“, erklärt McConnell. Als ‚calling in‘ wird ein Vorgehen bezeichnet, bei dem auf kollegialer Ebene empathisch und beratend auf Verhaltensweisen aufmerksam gemacht wird – im Gegensatz zu ‚calling out‘ bei dem Fehlverhalten öffentlich kritisiert wird. Dazu arbeitet das internationale Netzwerk mit Wissenschaftler*innen anderer Disziplinen zusammen, um mit sozialwissenschaftlichen Methoden eine fundierte Datenbasis für die gemeinsame Entwicklung von bedarfsgerechten Unterstützungsformaten zu erheben. „Als WISC stehen wir erst am Anfang unserer Arbeit. Wir wollten vermeiden, eigene Erfahrungen oder Annahmen zu projizieren, deshalb war es uns wichtig, mit einem sozialwissenschaftlichen Ansatz eine genaue und valide Informationsgrundlage nach ethischen Grundsätzen zu schaffen“, sagt Vorstandsvorsitzende Dr Jennifer Hiscock.

Wiedereinstieg nach Karrierepausen wird unterschiedlich wahrgenommen

„In unserer aktuellen Befragung zeigt sich unter anderem, dass Karrierepausen wie Eltern- oder Pflegezeit von Männern und Frauen unterschiedlich wahrgenommen werden“, fasst McConnell ein Ergebnis der Studie zusammen. Ausgewertet wird ein speziell für die Supramolekulare Chemie erstellter Online-Fragebogen, der auf einhundert Teilnehmer*innen ausgelegt war. Die Antworten stammen zu 81 Prozent von Frauen, darunter verschiedene Ethnien. In ihren Antworten beschreiben sie, Nachteile durch berufliche Unterbrechungen erlebt zu haben oder davor gewarnt worden zu seien. Sie wurden zum Beispiel nach der Elternzeit nicht mehr als Mitautorinnen von Fachartikeln in Betracht gezogen oder hatten Sorge, den Anschluss im wissenschaftlichen Austausch zu verlieren. Einige gaben an, trotz offizieller Auszeit weitergearbeitet zu haben oder gar keine berufliche Auszeit nehmen zu wollen. Männliche Studienteilnehmer hingegen berichten, nach solchen beruflichen Auszeiten keine Einschränkungen oder sogar Unterstützung erfahren zu haben.

Mentoringnetzwerk und Workshops für mehr offenen Austausch

In den Antworten der Studie wurde sowohl von Frauen als auch von Männern der Wunsch nach mehr Sichtbarkeit von Frauen und marginalisierten Gruppen in der Wissenschaft geäußert. Als mögliche Fördermaßnahmen gaben die Befragten Austauschmöglichkeiten untereinander und Mentoringprogramme an. So hat das WISC ein Mentoringnetzwerk für einen regelmäßigen Austausch aufgebaut, das andere Nachwuchswissenschaftler*innen sowie erfahrene Kolleg*innen umfasst. Außerdem bietet es Vorträge und Diskussionsrunden zu Karrierethemen mit Vertreter*innen aus Industrie, Politik oder Kommunikation an. Im September 2021 wird der erste internationale Workshop zu Fach- und Karrierethemen stattfinden. „Mit unseren Formaten wollen wir allen Interessierten einen sicheren Raum für einen offenen Austausch und konstruktive Diskussion bieten“, sagt McConnell.

Auch wenn sich die aktuelle Studie auf das Gebiet der Supramolekularen Chemie konzentriert, hofft das WISC-Netzwerk, seinen Ansatz auch auf andere naturwissenschaftliche Disziplinen übertragen zu können. Dr. Jennifer S. Leigh von der University of Kent, Leiterin der Studie: „Unser ‚calling-In‘-Ansatz ist nicht disziplinenspezifisch. Indem wir die Ergebnisse unserer Studie teilen, hoffen wir auch Anregungen für andere Disziplinen zu bieten, die sich mit Themen wie Chancengleichheit, Diversität und Inklusion befassen wollen.“ In einer nächsten Studie wollen sie Erfahrungen im Bereich der supramolekularen Chemie während der COVID-19-Pandemie untersuchen.

Über das Netzwerk Women In Supramolecular Chemistry (WISC):

Das internationale Netzwerk Women In Supramolecular Chemistry (WISC) setzt sich für Chancengleichheit, Diversität und Inklusion ein. Ihre Mentoringprogramme, Fortbildungen und Netzwerkveranstaltungen stehen allen Geschlechtern offen. Das WISC wird von einem internationalen Team von (Nachwuchs-)Wissenschaftler*innen geleitet und von einem Beirat aus erfahrenen internationalen Wissenschaftler*innen mit verschiedenen ethnischen Hintergründen, zum Teil mit Behinderungen, chronischen Krankheiten oder Neurodiversitäten begleitet. www.womeninsuprachem.com
 

Das Netzwerk WISC und seine Aktivitäten werden unter anderem durch Mittel des Gleichstellungsbudgets der CAU unterstützt.
 

Wissenschaftlerin im Labor
© CAU

Das internationale Netzwerk "Women In Supramolecular Chemistry" (WISC) setzt sich für mehr Chancengleichheit, Diversität und Inklusion in der Supramolekularen Chemie ein.

 

Portrait
© Julia Siekmann, CAU

Juniorprofessorin Dr. Anna McConnell aus dem Otto Diels-Institut für Organische Chemie hat WISC mitgegründet und ist heute als Vizepräsidentin für Organisation Mitglied des Vorstands.

 

Originalpublikation:

An Area‐Specific, International Community‐Led Approach to Understanding and Addressing Equality, Diversity, and Inclusion Issues within Supramolecular Chemistry, Claudia Caltagirone, Emily R. Draper, Michaele J. Hardie, Cally J. E. Haynes, Jennifer R. Hiscock, Katrina A. Jolliffe, Marion Kieffer, Anna J. McConnell, Jennifer S. Leigh, Angew. Chem. Int. Ed. 2021, 60, https://doi.org/10.1002/anie.202015297, DOI: 10.1002/anie.202015297
 

Über den CAU-Forschungsschwerpunkt KiNSIS:

Auf der Nanoebene herrschen andere, quantenphysikalische, Gesetze als in der makroskopischen Welt. Strukturen und Prozesse in diesen Dimensionen zu verstehen und die Erkenntnisse anwendungsnah umzusetzen, ist das Ziel des Forschungsschwerpunkts »Nanowissenschaften und Oberflächenforschung« (Kiel Nano, Surface and Interface Science – KiNSIS) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). In einer intensiven interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Physik, Chemie, Ingenieurwissenschaften und Life Sciences könnten daraus neuartige Sensoren und Materialien, Quantencomputer, fortschrittliche medizinische Therapien und vieles mehr entstehen. www.kinsis.uni-kiel.de

Wissenschaftlicher Kontakt:

Juniorprofessorin Dr. Anna McConnell
Women In Supramolecular Chemistry (WISC) 
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU)
Otto Diels-Institut für Organische Chemie
amcconnell@oc.uni-kiel.de
www.otto-diels-institut.de/mcconnell/index.html

Pressekontakt:

Julia Siekmann
Referentin für Wissenschaftskommunikation, Forschungsschwerpunkt Kiel Nano Surface and Interface Sciences (KiNSIS)