Aus der Arztpraxis in den Hörsaal: innovative mediengestützte Lehre in der Dermatologie

CAU-Professorin Regine Gläser erhält den Lehrpreis der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft

Orange im Supermarkt besorgen, Umschlag mit Toolkit-Anweisungen und Instrumenten öffnen und das passende Tutorial anschauen: Fertig ist der Einstieg in die praktische Dermatologie, sogar während der Corona-Pandemie. Zahlreiche weitere Lehrvideos zum Beispiel zur dermatologischen Ganzkörperuntersuchung, zu operativen Techniken, zur Abstrichentnahme, zu optischen Geräten oder dem Einsatz von Instrumenten wie Glas- oder Holzspateln in der Dermatologie ergänzen das Angebot. Professorin Regine Gläser von der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und wissenschaftliche Angestellte der Hautklinik des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel hat für diesen innovativen praxisorientierten Lehransatz jetzt den Preis für Akademische Lehre der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) während der Online-Tagung der Fachgesellschaft erhalten. Sie teilt sich den mit 2.500 Euro dotierten Preis mit der Erlanger Privatdozentin Cornelia Erfurt-Berge. Mit der Auszeichnung wurden in diesem Jahr erstmalig Lehrende und Lehrkonzepte gewürdigt, die innovativ und erfolgreich die akademische Lehre bereichern.

Eine Curettage, das vorsichtige Entfernen der obersten Hautschichten mittels eines chirurgischen Instrumentes, oder die Durchführung einer Probebiopsie der Haut erfordert Geschick, denn die darunterliegenden Blutgefäße und Nerven dürfen nicht verletzt werden. Notwendig ist dies beispielsweise bei verdächtigen oder krankhaften Hautveränderungen. „Die Handhabung dieser Instrumente zu üben, ist wichtig. Mit dem Toolkit Dermatologie für kleine operative Eingriffe‘ konnten wir den Studierenden auch während der Einschränkungen des Lehrbetriebes praktische Erfahrungen bieten“, berichtet Professorin Regine Gläser, die auch Mitglied im Exzellenzcluster „Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI) und niedergelassene Hautärztin ist. Die großen braunen Umschläge enthielten ein Nahtpad, Instrumente wie eine Kürette, eine Stanze für Hauptbiopsien, ein Skalpell, Nadel und Faden, einen Nadelhalter, eine Pinzette und eine Schere sowie den Zugang zum Videotutorial und den Lehrfilmen als QR-Code für das Üben zuhause am Küchentisch. Proben konnten die Studierenden das Vorgehen dann an den selbst besorgten Orangen sowie dem mitgelieferten Nahtpad. 100 Toolkits waren vorbereitet worden und innerhalb weniger Tage vergriffen.

Bei der Entwicklung des Praxissets und des begleitenden Filmmaterials konnte Professorin Regine Gläser auf ihre Erfahrung mit Lehrvideos zurückgreifen. „Bereits 2019 haben meine Kollegin Dr. Thyra Caroline Bandholz und ich die Idee für die Lehrfilme ‚Aus der (Hautarzt-)Praxis in den Hörsaal‘ gehabt und dann mit Mitteln des PerLe (Projekt erfolgreiches Lernen und Lehren)-Fonds für Lehrinnovation des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) an der CAU und mit der Unterstützung von JuDerm (Junge Dermatologen im Berufsverband der Deutschen Dermatologen) umgesetzt“, erklärt die Kieler Dermatologin. Begleitet wurden die Projekte von Beginn an von der Studentin Linda Marlen Wittbecker, die zunächst als Hilfswissenschaftlerin und Tutorin mitarbeitete und dann anhand der erfolgreichen Entwicklung weiterer Lehrkonzepte und Evaluationen eine anspruchsvolle medizindidaktische Promotion erstellte. Die Lehrmodule bestehen neben den praktischen Kursen und neuen Seminarvorlesungen aus Praxishospitationen und Seminaren zur Psychodermatologie. Auch ein „Thementag Dermatologie hautnah“ wurde initiiert. Durch die Pandemie gab es dann den Anlass, weitere Lehrvideos zu produzieren, die ebenfalls von PerLe beziehungsweise dem BMBF gefördert worden sind. „Viele nutzen sie, um sich neues Wissen anzueignen oder aufzufrischen sowie um über die reine Faktenlehre hinaus praktische Erfahrung zu sammeln. Denn die gezeigten Diagnose- und Therapietechniken an echten Patientinnen und Patienten sieht man sonst nur während der Untersuchungskurse oder im Rahmen einer Famulatur beziehungsweise im Praktischen Jahr“, sagt Gläser.

Die große Stärke des Projekts sehen die Kuratoriumsmitglieder der DDG in der Übertragbarkeit der erprobten Module. „Die Idee der ‚Toolkits‘ wurde bereits an anderen Standorten aufgegriffen und erlaubt einen praxisbezogenen Unterricht auch während des Lockdowns“, erläutert Professor Falk Ochsendorf, Vorsitzender des Kuratoriums. Die Lehrvideos seien zudem frei verfügbar und könnten ebenfalls an allen Standorten im Unterricht eingesetzt werden. „Das Projekt ist von einer sehr hohen Motivation getragen und in der Lage, Studierende für die Dermatologie zu begeistern“, fasst Ochsendorf das Juryvotum zusammen. „Die Filme wurden schon an mehreren Standorten genutzt und die Verbreitung geht weiter. Durch den Lehrpreis und die Publikation sowie Kongressbeiträge haben wir auch dazu beigetragen, dass die Nutzung nicht nur in Kiel stattfindet. In Augsburg, Erlangen, Frankfurt und Bonn wurden beispielsweise bereits Toolkits an Studierende verschickt“, ergänzt Regine Gläser. Aufgrund der vielen positiven Rückmeldungen von Studierenden soll die Produktion der Videos fortgesetzt werden – Ideen dafür liegen bereits vor.

Screenshot eines Videos, auf dem eine Person mit einem medizinischen Instrument an einer Orange arbeitet.
© Prof. Regine Gläser

Screenshot aus dem Tutorial zum Toolkit.

Porträtfoto Regine Gläser
© UKSH

Professorin Regine Gläser

Wissenschaftlicher Kontakt:

Prof. Dr. Regine Gläser
Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
 0431/500-21170
 rglaeser@dermatology.uni-kiel.de

Pressekontakt:

Christin Beeck
Presse, Digitale und Wissenschaftskommunikation